Interview mit Dieter Deutz, PSI Automotive & Industry GmbH

Herausforderung Industrie 4.0

DV-Dialog befragte den Geschäftsführer der PSI Automotive & Industry GmbH, Dieter Deutz, kurz nach Amtsantritt zu den Hintergründen der Umfirmierung, der neuen Ausrichtung und den Zielen speziell im Midrange-Markt.

  • Der Diplomingenieur Deutz betreut seit 2014 einen namhaften PSI-Kunden als unabhängiger Berater. Bis 2014 wirkte er als Divisionsleiter der PSI Metals Non Ferrous GmbH.

  • Deutz bringt Know-how aus Software-Projekten in der Metall­industrie mit und arbeitete von 1999 bis 2014 in der 4Production AG, die 2008 vom PSI-Konzern übernommen wurde und seit Mai 2010 als PSI Metals Non Ferrous GmbH firmiert.

  • „Durch die Plattformunabhängigkeit des Frameworks sind alle angebotenen Lösungen natürlich auch auf der AS/400 funktionsfähig, die ja gerade in Hinblick auf ihre Stabilität und Sicherheit Maßstäbe gesetzt hat.“ Dieter Deutz

  • Dieter Deutz ist seit Jahresbeginn Geschäftsführer der PSI Automotive & Industry GmbH.

Die Fertigungsbranche steht wegen des Trends zur Digitalisierung – Stichwort Industrie 4.0 – vor einer Neugestaltung ihrer eingespielten Wertschöpfungs­ketten und Geschäftsmodelle. Genauso groß ist diese Herausforderung aber auch für die Hersteller von ERP-Systemen. Weil in der Fabrik von morgen auch Maschinen, Teile und Werkstoffe selbstständig miteinander kommunizieren, gilt es deren Daten zu nutzen – mit dem Ziel sich selbst planender und steuern­der Systeme. Dabei geht es vor allem um die einfachere Informationsbeschaffung und den Abbau der Komplexität in der Produktionssteuerung.

Deshalb sollte die neue ERP-Generation in der Lage sein, sich rasch an neue Prozesse bzw. veränderte Rahmenbedingungen anzupassen und neue Funktionen bereitzustellen. Dabei ist eine serviceorientierte Komponentenarchitektur hilfreich, weil damit alle Änderungen durch Konfiguration statt durch aufwendige Programmierung möglich sind. Aber auch Trends wie Cloud und Mobile Computing, Social Business oder Big Data spiegeln sich im ERP-System. Vor diesem Hintergrund befragten wir Dieter Deutz, der seit Jahresbeginn Geschäftsführer der PSI Automotive & Industry GmbH ist.

Herr Deutz, wieso kehrt das Unternehmen Ende März zu einer Doppelspitze zurück?
Dieter Deutz:
Dr. Hadler und ich werden uns auf die jeweiligen Geschäftsfelder konzentrieren, wodurch beide Branchen ein stärkeres Gewicht in der Geschäftsführung erhalten. Alle größeren PSI-Einheiten werden im Übrigen von Doppel­spitzen geleitet.

Dr. Hadler wird neben seiner heutigen Tätigkeit für die Psipenta in Österreich und der Schweiz und aufgrund seiner weitreichenden Erfahrung im ERP-Standard-Geschäft die Verantwortung für die Industrie-Säule sowie die Bereiche Finanzen und Personal übernehmen.

Ich werde mich um das Automotive-Geschäft und die Bereiche Produkt- und Geschäfts­entwicklung kümmern. Bis zum 31. März wird Herr Keseberg noch als Sprecher der Geschäftsführung zur Verfügung stehen. Hiernach übernimmt er beratende Tätigkeiten bei Großprojekten der PSI AG.

MEHR DAZU: "Doppelspitze für Psipenta"

Auf der Kundenjahrestagung wurde auch die Umfirmierung der Psipenta Software Systems GmbH in PSI Automotive & Industry bekannt gegeben. Warum haben Sie sich jetzt dafür entschieden?
Deutz:
Der Name Psipenta tanzte aus der Reihe der übrigen PSI-Töchter im Konzern. Das war zwar historisch bedingt, aber wirklich nur noch schwer vermittelbar – gerade im Hinblick auf die wachsenden internationalen Geschäftstätigkeiten. Alle anderen Firmen des Konzerns tragen „sprechende Namen“, aus denen sowohl ihre Zugehörigkeit zum Konzern als auch ihr geschäftlicher Fokus deutlich wird, wie z. B. PSI Logistics, PSI Metals oder für uns jetzt PSI Automotive & Industry.

Hinzu kommt, dass es auch immer eine ­Differenz zum Firmenlogo gab, welches ja aus der Walnuss und dem PSI-Kürzel besteht. Und ich muss eingestehen, dass der Name Psipenta schon im Deutschen erklärungsbedürftig war. Da kann man sich vorstellen, wie schwierig das im internationalen Kontext ist.

Damit erklärt sich auch die Parallelität dieser Veränderungen. Hinzufügen möchte ich aber an dieser Stelle, dass die Produktnamen Psipenta ERP und Psipenta MES als etablierte Marken­namen bestehen bleiben.

Suggeriert der Name PSI Automotive & Industry GmbH nicht eine neue Fokussierung auf die Automobilindustrie? Oder ist dies als eine Rückbesinnung auf alte Stärken zu verstehen?
Deutz:
Ganz richtig! Wir wollen diesen Fokus auch im Firmennamen deutlich machen. Einerseits hat sich das Unternehmen in den vergangenen Jahren als Spezialist für die Fertigung und eben insbesondere in der Automobilindustrie und im Maschinen- und Anlagenbau bereits positioniert. Für beide Branchen bieten wir ausgereifte Softwarelösungen und verfügen über namhafte Referenzkunden.
Andererseits sehen wir nach wie vor Wachstum und Internationalisierung insbesondere auch bei Automobilzuliefern – und rechnen in Kombination mit der Digitalisierung der Industrie in den nächsten Jahren mit einem entsprechenden Investitionspotential.

Als eine Art „First Mover“ der 4. industriellen Revolution bieten wir der Automobilindustrie passende Lösungen auf dem Weg zur digitalen Fabrik. So wurde in den vergangenen Jahren die Produktentwicklung auf Basis der PSI-Technologie-Plattform konsequent in diese Richtung ausgerichtet. Als Beispiel sei das Just-in-Sequence-Modul genannt, das der Version 9 von Psipenta voraus ging.

Die PSI AG hat Ende des vergangenen Jahres die Fertigstellung einer neuen Maschinen- und Prozessdatenerfassung  sowie eines Leitstand  bekannt gegeben. Welche Rolle werden diese Angebote in Ihrem Produktportfolio spielen?
Deutz:
Ich muss natürlich gestehen, dass ich hinsichtlich der Produkte und Lösungen noch in einer Art Einarbeitungsphase stecke. Aber gerade diese beiden Angebote begeistern mich, wenn ich an unser Produktportfolio denke. Mit der Scada-Lösung können wir unseren Kunden vom ERP über Module zur adaptiven Fertigungssteuerung bis zum MES nun auch die direkte Integration der Maschinendatenebene aus einer Hand bieten.

Darüber hinaus haben wir hier die Plattform zur Integration der zukünftig viel intensiver werdenden Informationsflüsse, wenn am Ende jede Teilkomponente einer Maschine oder jedes Materialstück durch eingebaute Internet-of-Things-Chips Daten liefert.

Schlussendlich sind wir dann in der Lage, bessere Entscheidungen auf Basis einer viel höheren Informationsdichte zu treffen. Genau in diese Richtung ist unser neuer Leitstand ausgelegt. Hier wird menschliche Erfahrung in Form von Regeln kombiniert mit unserer Qualicision-Technologie eingesetzt, um in kürzester Zeit die Produktionssteuerung auf die geänderte Situation einzustellen.

PSI hat ja bereits auf der Cebit 2015 die Version 9 der ERP- und MES-Suite Psipenta vorgestellt. Was würden Sie als die wichtigsten Neuerungen bezeichnen, auch in Bezug auf die Plattform IBM i bzw. den Vorgänger AS/400?
Deutz:
Eine der wichtigsten Neuerungen des Release 9 ist natürlich die schon erwähnte Migration auf die PSI-Technikplattform. Kunden profitieren damit nun noch stärker von der großen Entwicklungskraft des PSI-Konzerns. Für den Anwender direkt spürbar ist die moderne Benutzeroberfläche; Usability und die einfache Anpassung der Dialogoberfläche auch direkt durch den Endanwender sind wesentliche Merkmale.

Dank Mobiltelefonen und Tablets sind die Erwartungen sehr hoch – und das gilt auch für Business-Software. Diesem Trend haben wir Rechnung getragen. Die Menschen wollen keinen Funktions-Overload, der für ihre Arbeit eher hinderlich ist. Und das hat dann wiederum nicht nur etwas mit Spaß an der Arbeit, sondern auch mit Effizienz zu tun.

Durch die Plattformunabhängigkeit des Frameworks sind alle angebotenen Lösungen natürlich auch auf der AS/400 funktionsfähig, die ja gerade in Hinblick auf ihre Stabilität und Sicherheit Maßstäbe gesetzt hat. Deshalb könnte die Plattform IBM i in Hinblick auf die Digitalisierung der Fabrik eine echte Renaissance erleben. Das wäre dann wohl auch für Ihre Zeitung nicht ganz uninteressant.

Was bedeutet die technische ­Migration auf die Konzern­plattform für die Bestandskunden?
Deutz:
Die wichtigste Information für unsere Bestandskunden ist, dass der Funktionsumfang der Version 8.4 vollumfänglich bestehen bleibt. Das war uns wichtig, denn trotz vieler Faktoren, die für eine Softwareauswahl heute relevant sind, bleiben die angebotenen Funktionen das wichtigste Entscheidungskriterium.
Für die Umstellung werden wir mit der Version 9.1 ein klar definiertes Migrationsmodell inklusive der entsprechenden technischen Unterstützung zur Verfügung stellen. Da es keine Änderung am Datenmodell gibt – auch das war uns wichtig – sind die Wirkmechanismen sämtlicher Schnittstellen, z. B. zu Partnerprodukten, unverändert. 

Die Partnerschaft mit dem Finanzsoftware-Hersteller Portolan wurde ja ebenfalls auf der letzten Cebit vereinbart. Gibt es bereits erste Ergebnisse?
Deutz:
Ja, die gibt es in der Tat. Gerade wurde der erste gemeinsame Kunde gewonnen. Ich möchte aber doch noch einmal deutlich machen, dass es bei der Partnerschaft mit Portolan nicht primär um die Integration der Finanzprodukte in Psipenta geht. Die gibt es natürlich. Aber Portolan fungiert für uns vor allem als Wiederverkäufer. Wir profitieren gegenseitig von den guten Kundenbeziehungen.

Und natürlich sehen wir großes Ablösepotenzial, zum Beispiel für Infor-Produkte. Gerade die 2. ERP-Generation bzw. Projekte aus der Jahrtausendwende stehen vor der Ablöse. Da schlummert einiges an Potenzial, das wir in den nächsten Jahren heben wollen.

Gibt es Überlegungen, auch den ­klassischen Maschinen- und Anlagenbau auf der Plattform IBM i gezielter anzusprechen als bisher?
Deutz:
Wegen der Plattformunabhängigkeit unserer Produkte war das für uns ja nie ein Ausschlusskriterium. IBM-i-Lösungen werden, das wissen Sie ja, einfach viel häufiger im Automotive-Sektor eingesetzt. Aber wie gesagt: vielleicht erlebt das System i ja eine Renaissance. Lassen wir uns überraschen.

Herr Deutz, vielen Dank für das Interview!

Die Berliner PSI AG wurde 1969 mit einem ersten Auftrag aus der Stahlindustrie als Gesellschaft für Prozesssteuerungs- und Informationssysteme in Berlin gegründet worden. Sie hat ihre 1986 lancierte Standardsoftware Piuss-O, die ursprünglich nur für den Bereich Produktionsplanung und -steuerung (PPS) gedacht war, konsequent zur umfassenden ERP-Software Psipenta weiterentwickelt und jetzt in der neuen Version 9.0 vorgestellt.

Um gleichzeitig praxisnah und zukunftsorientiert zu entwickeln, hat PSI zudem die Zusammenarbeit mit der RWTH Aachen intensiviert – durch ein Engagement am neuen European 4.0 Transformation Center (E4TC). Geplant ist eine europaweit einmalige Plattform für die Umsetzung der digitalen Transformation von Prozessen, Architekturen und Geschäftsmodellen in der Fertigungsindustrie; sie soll Forschung, Industrie sowie Software- und Dienst­leistungsentwicklung zusammenführen. Als Industriepartner des Clusters Smart Logistik ist PSI mit Produk­tionslösungen auch in der Demonstrationsfabrik Aachenvertreten sowie in laufenden Forschungsvorhaben, in mehreren Innovation-Labs und im ERP-Center beteiligt.

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