Als Gründe für den geschrumpften Milliardengewinn führt der im April 2020 angetretene CEO Arvind Krishna Kosten an, die mit der Übernahme von Red Hat im Jahr 2019, mit der geplanten Abspaltung der NewCo bis Ende 2021, mit höheren Investitionen in die Skalierung der eigenen Cloud-Infrastruktur und mit Ausgleichszahlungen für die Belegschaft aus früheren Maßnahmen – zynisch „workforce rebalancing“ genannt – zusammenhängen. Allein die Kosten für die Abspaltung des Service-Geschäftes werden mit über 2 Mrd. Dollar beziffert – und der Kauf von Red Hat hat 34 Mrd. Dollar gekostet.
Bezahlen soll all das die Belegschaft. Denn mit „workforce rebalancing“ gemeint sind Massenentlassungen ausgewiesener Experten und Einstellungen von günstigeren, blutjungen Hochschulabsolventen, Praktikanten und Azubis sowie die Verlagerung von Stellen in Niedriglohnländer. Doch selbst Indien, mittlerweile die Heimat von mehr als einem Drittel der rund 350.000 verbliebenen IBMerinnen und IBMer, ist laut India Times von der jüngsten Entlassungswelle betroffen. Das Finanzanalystenhaus Bernstein hatte zum Beispel im Februar 2016 aufsummiert, dass IBM seit 2006 fast 7 Mrd. Dollar für den Personalabbau abgeschrieben hat. Geld, das vermutlich besser in Forschung und Entwicklung oder in Marketing investiert worden wäre.
Parallel dazu gehen hochqualifizierte Fachkräfte angesichts des zunehmenden Distress freiwillig; anderswo werden sie mit Kusshand genommen und finden bessere Arbeitsbedingungen vor. Das führt dazu, dass ganze IBM-Abteilungen ausgehöhlt werden – vor allem gerade diejenigen, die sich um aktuell hochgehandelte Innovationen kümmern. So soll es beispielsweise zum Thema Blockchain, bei dem sich IBM als führend geriert, nach Recherchen der Kollegen von Coindesk kaum noch qualifiziertes Personal geben.
Allein in Deutschland will IBM nun nach Angaben der Gewerkschaft Verdi fast 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kündigen. „Wenn die Rückstellungen in Milliardenhöhe noch berücksichtigt werden, dann ist das Ergebnis eigentlich gar nicht so schlecht“, bewertet Wolfgang Zeiher, Finanz- und Rentenexperte der Verdi-Tarifkommission die jüngsten Bilanzzahlen der IBM auch vor dem Hintergrund der Verunsicherung, die die angekündigten Stellenstreichungen bereits im letzten Jahr in der Belegschaft ausgelöst hätten. Diese Verunsicherung sei so groß gewesen, dass bis Ende 2020 fast 1.200 Menschen das Angebot zur freiwilligen Aufhebung des Arbeitsverhältnisses angenommen hätten.
Der Konzernbetriebsrat der IBM in Deutschland hat sich in seiner per Videokonferenz abgehaltenen Sitzung am 27. Januar 2021 einstimmig hinter die Position der Verdi-Betriebsgruppen und der -Tarifkommission im IBM-Konzern gestellt. Damit protestiert auch das oberste Betriebsratsgremium der IBM in Deutschland gegen die geplanten fast 1.000 Kündigungen.
Inzwischen zeichnet sich die Dimension des Jobkahlschlags ab. Laut Verdi wurden einem Call am 19. Januar 2021 „wohl die IBMerinnen und IBMer eingeladen, die mit einer Kündigung zu rechnen haben und also auf internen sogenannten schwarzen Listen stehen“. Demnach scheinen fast alle deutschen IBM-Töchter betroffen zu sein, wobei ungefähr 60 Prozent der Kündigungen wohl in der IBM Deutschland GmbH ausgesprochen werden sollen.
„Es deutet zurzeit viel daraufhin, dass die IBM alle Register zieht, um den Stellenabbau mit aller Härte umzusetzen: Standorte werden geschlossen, Tochterunternehmen liquidiert und sogar vor Kündigungen von Schwerbehindertenvertretungen, Betriebsrats- und Tarifkommissionsmitgliedern scheint IBM nicht zurückzuschrecken“, heißt es in einem Newsletter der Gewerkschaft. „IBM, einst als respektierter Arbeitgeber mit interessanten Karrierechancen hoch angesehen, scheint zu einem Trümmerhaufen zu implodieren. Wenn sich das, was sich zurzeit abzeichnet, bewahrheitet, steuern wir bei IBM auf einen nie dagewesenen Konflikt zu“, befürchtet Bert Stach, Konzernbetreuer IBM und SAP bei Verdi. „Wir haben intensiv versucht, der Geschäftsleitung der IBM verschiedene Wege zu erläutern, um Kündigungen zu verhindern und werden nicht nachlassen, nach Wegen aus dieser schwierigen Situation zu suchen – aber IBM muss sich bewegen!“
Um Kündigungen zu verhindern, schlägt Verdi mehrere Wege vor. Der Konzern habe als Arbeitgeber „schlicht und ergreifend die Aufgabe, neue Tätigkeiten für die Beschäftigten zu finden“. Denn: Der Konzern sei „nach wie vor alles andere als ein Sanierungsfall“. Falls Personal abgebaut werden soll, müssen andere Instrumente als Kündigungen zum Einsatz kommen. In der Tat scheine es bei IBM sogar offene Stellen zu geben, die extern ausgeschrieben sind. Hier dürfe – auch im Hinblick auf das Betriebsverfassungsgesetz – eine interne Bewerbung nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden.
Bereits 2020 wurden weitere Konzepte diskutiert. In diesem Zusammenhang wurde auch ein Kapitalkontenmodell in die Diskussion eingebracht, um einen gleitenden Übergang in den Ruhestand zu ermöglichen. „Hier zeichnet sich eine Lösung ab“, schreibt die Gewerkschaft jetzt. Gleichzeitig werden bekanntermaßen in der deutschen IT-Branche qualifizierte Beschäftigte gesucht; der Branchenverband Bitkom beklagt gebetsmühlenartig den Fachkräftemangel. Es gibt zahlreiche offene Stellen, zuletzt war von 86.000 in Deutschland die Rede. Daher klingt auch dieser Vorschlag der Gewerkschaftler plausibel: Von der IBM proaktiv betriebene Vermittlung in Verbindung mit neuen Abfindungsprogrammen könnten ein geeignetes Mittel sein, um Beschäftigung zu sichern.
Noch ist IBM kein Sanierungsfall, aber es werden aktuell viele Weichen falsch gestellt. Hier ist das Management gefordert, gemeinsam mit der Belegschaft kreative Lösungen und bessere Weichenstellungen zu finden. Dass IBM sich neu erfinden muss, wird auch in Gewerkschaftskreisen nicht bestritten. Es geht „nur“ um das Wie.
Wünschenswert wären natürlich auch klare Commitments des Managements zu ihren Schutzbefohlenen, damit wieder eine vertrauensvolle Zusammenarbeit entstehen kann. Von Deutschland-Chef Gregor Pillen jedenfalls hat man – anders als seinerzeit von Martina Koederitz – noch nichts gehört. Er war vor einem Jahr angetreten, den Konzern hierzulande neu auszurichten.
Bildquelle: Geralt / Pixabay