HCL kauft Lotus und andere IBM-Software für 1,8 Mrd. Dollar

IBM verabschiedet sich von Notes

Es ist die größte Übernahme in der IT-Branche, die ein indisches Unternehmen bisher gestemmt hat: Der Konzern HCL Technologies will von IBM für 1,8 Mrd. Dollar acht Software-Produkte kaufen, darunter die Collaborations-Produkte Notes, Connections und Domino. Notes und Domino gelangten im Jahr 1995 mit der Übernahme von Lotus Development in den Besitz der IBM, die sich jetzt aus dem Markt für Collaboration-Suites und als Sharepoint-Rivale verabschiedet.

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Ist es eine gute oder eine schlechte Nachricht für Anwender von Collaboration-Produkten der IBM? Genauso wie wir vor gut einem Jahr unseren Bericht über das Outsourcing der Entwicklung von Notes, Domino und anderen Collaborations-Produkten der IBM begannen, fragen wir nun angesichts des geplanten Verkaufs an das Unternehmen des indischen Milliardärs Shiv Nadar erneut nach der Auswirkung des Deals. Die Transaktion soll bis Mitte 2019 abgeschlossen werden, vorbehaltlich der üblichen aufsichtsrechtlichen Überprüfungen.

Diesen Verkauf der Lotus-Sparte hatten viele Kritiker befürchtet, während manche Partner und Kunden hofften, dass endlich wieder Zug und Richtung in die Produktentwicklung kommt. Diese Optimisten hatten insofern recht, als HCL eine Strategie Domino2025 vorstellte, eine neue Version 10 für den Herbst 2018 versprach und dieses Versprechen auch pünktlich einlöste. Die User-Group DNUG beispielsweise meldete gestern erst einen Besucherrekord für ihren Domino-Day. Eine gute Einschätzung der Lotus-Zukunft findet sich ebenfalls bei der DNUG, geschrieben übrigen schon im September, deutlich vor dem Verkauf. Jetzt freut man sich in einem Blog-Beitrag unter der Überschrift „Endlich Klarheit“ – und strebt zu neuen Ufern.

Mehr als nur Lotus

HCL kauft nicht nur Notes, Verse, Sametime, Connections und Domino, wie es heißt „für die schnelle Anwendungsentwicklung von E-Mail und Low-Code sowie Verbindungen für die Workstream-Zusammenarbeit“, sondern auch Appscan „zur sicheren Anwendungsentwicklung“, Big Fix „für sicheres Gerätemanagement“ Unica (On-Premise) für die Marketing-Automatisierung, Commerce (On-Premise) für Omni-Channel-E-Commerce und Portal (On-Premise) für digitales Erlebnis. Auch diese Produkte hatte IBM zugekauft, Unica beispielsweise erst 2010 für 480 Mio. Dollar. „HCL und IBM unterhalten eine fortlaufende IP-Partnerschaft für fünf dieser Produkte“, heißt es in der Presseinformation.

„Wir sehen nach wie vor große Marktchancen, um unser Mode-3-Angebot (Produkte und Plattformen) zu verbessern. Die Produkte, die wir erwerben, befinden sich in Wachstumsbereichen wie Sicherheit, Marketing und Handel, die strategische Segmente für HCL sind. Viele dieser Produkte werden von Kunden hoch geschätzt und von Branchenanalysten im oberen Quadranten positioniert “, sagte HCL-CEO C Vijayakumar. Man erwerbe mit der Übernahme auch den Zugang zu mehr als 5.000 großen Kunden in aller Welt, auch in Deutschland; er geht davon aus, dass die zugekauften Produkte einen Markt im Wert von mehr als 50 Mrd. Dollar adressieren.

HCL erhofft sich über 5.000 große Kunden

„Die umfangreichen Implementierungen dieser Produkte bieten uns eine großartige Gelegenheit, Tausende von globalen Unternehmen in einer Vielzahl von Branchen und Märkten zu erreichen und zu bedienen“, so Vijayakumar weiter. „Ich bin zuversichtlich, dass diese Produkte einen guten Wachstumspfad vorweisen können, gestützt durch unser Engagement in Produktinnovationen zu investieren, gepaart mit unserer starken Kundenorientierung und agilen Produktentwicklung. Darüber hinaus sehen wir ein enormes Potenzial für die Schaffung überzeugender As-a-Service-Angebote, indem wir diese Produkte mit unseren Mode-1- und Mode-2-Services kombinieren.“

„In den letzten vier Jahren haben wir unsere Investitionen priorisiert“, begründete IBM-Manager John Kelly den Verkauf. Wie der Senior Vice President für „Cognitive Solutions“ und Forschung bei IBM ausführte, wolle man „integrierte Fähigkeiten in Bereichen wie KI für Unternehmen, Hybrid Cloud, Cybersecurity, Analytics, Supply Chain und Blockchain“ ebenso entwickeln wie branchenspezifische Lösungen für Gesundheitswesen, Industrie und Finanzdienstleister.

„Wir glauben, dass es an der Zeit ist, diese ausgewählten Software-Assets für Collaboration, Marketing und Handel zu veräußern, die zunehmend als eigenständige Produkte ausgeliefert werden“, sagte Kelly. „Gleichzeitig glauben wir, dass diese Produkte strategisch gut zu HCL passen und dass HCL gut positioniert ist, um diese Innovation im Sinne der Kunden voranzutreiben.“

War der Lotus-Deal seinerzeit mit 3,5 Mrd. Dollar die bis dato teuerste Übernahme eines Softwarehauses überhaupt, will IBM auch in dieser Beziehung Rekordhalter bleiben und bietet aktuell 34 Mrd. Dollar für Red Hat. Ob diese jüngste Übernahme ebenso unglücklich verläuft wie so viele andere vergebliche Versuche der IBM, in der Software-Branche Fuß zu fassen, wird sich noch zeigen.

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