Kommentar von Reinhard Clemens, IT-Vorstand der Deutschen Telekom

Industrie 4.0 - Chance für Europa

Google, Facebook, Apple. Wer an die Stars der digitalen Industrie denkt, kommt an den USA nicht vorbei. Wer die Großen der Fertigungsindustrie vor Augen hat, sieht Urgesteine aus Deutschland an der Spitze: Bosch, Siemens, MAN. Doch es droht Ungemach. Digitalisierung und virtuelle Welt haben schon aus manch alteingesessenem Unternehmen einen ausgestorbenen Dino gemacht.

Reinhard Clemens, im Vorstand der Deutschen Telekom AG verantwortlich für T-Systems, verantwortet auch alle IT-Aktivitäten des Konzerns.

Europa und seine Fertigungsindustrie haben eine reelle Chance: hochangesehenes Ingenieurswissen in digitale Geschäftsmodelle umwandeln, kurz Industrie 4.0. Wer sind die künftigen Player dieser vierten industriellen Revolution? Internetgiganten gegen Industrietitane?

Google, Facebook, Yahoo beschränken sich noch weitgehend auf das Geschäft mit Daten, dem Kunde als Produkt. Noch! Doch ihre Datensammelwut wird an Grenzen stoßen. Schon wildern sie mit enormen Kapitalreserven in fremden Revieren. Google übernimmt Thermostat- und Feuermelder-Hersteller Nest. Facebook kauft den Produzenten von Virtual-Reality-Brillen Oculus VR. Und Apple wird immer wieder mit dem E-Auto-Hersteller Tesla in Verbindung gebracht.

Kaufen statt Kooperieren schafft noch keine nachhaltigen Geschäftsmodelle. Förmlich über Nacht ist Facebook bei der Jugend nicht mehr „cool“, flüchten sich Chatter auf abhörsichere Plattformen, frisst die digitale Revolution die eigenen Kinder.

Das Pfund, mit dem Europa wuchern kann, ist seine Fertigungsindustrie. Noch ist Industrie 4.0 Utopie. Bis komplette Produktlebenszyklen – etwa vom Stahl für Maschinen über die Ernte bis zum Brotbacken – vernetzt sind, liegt noch ein weiter Weg vor uns. Aber genau darin, liegt unsere Chance. Alle stehen am Anfang. Wenn wir uns sputen, machen wir das Rennen oder sind zumindest vorne mit dabei. Informationstechnik, Telekommunikation und Fertigung verschmelzen. Industrie 4.0 braucht branchenübergreifende Geschäftsmodelle, Kooperationen und Partnerschaften.

Das erste Pilotprojekt kommt aus der Landwirtschaft: der intelligente Mähdrescher im vernetzten Ernteprozess. Eine Co-Produktion des Landmaschinenherstellers Claas mit der Telekom. Wie Logistik von morgen aussieht, zeigt der Hamburger Hafen schon heute: begrenzten Platz durch Vernetzung besser nutzen, LKWs staufrei und punktgenau zum Verladen lotsen.

Wir brauchen mehr davon – und das schnell. Allein wird es niemand schaffen. Denn der Wettbewerb schläft nicht. IBM, Intel, Cisco, General Electric und AT&T haben sich zu einem Konsortium zusammengetan. Ihr Ziel: Aufbau eines Industrie-Internets. Wir dürfen den startenden Industrie-4.0-Zug nicht verpassen. Sonst hängen uns Amerikaner und Asiaten in Schlüsseltechnologien wieder einmal ab. Industrie 4.0 ist unsere Chance.

Bildquelle: Deutsche Telekom AG

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