Infor schluckt GT Nexus für 675 Mio. Dollar

Ausbau der Commerce-Cloud

Der amerikanische ERP-Hersteller Infor hat eine Akquisitionsvereinbarung mit GT Nexus geschlossen, dem Betreiber eines Cloud-basierten B2B-Netzwerkes für Handel und Supply Chain Management. Der Abschluss im Wert von 675 Mio. Dollar ist nach dem Kauf von Lawson im Jahr 2011 der zweitgrößte in der an Akquisitionen nicht armen Infor-Geschichte. Der Deal wird derzeit rechtlich geprüft und soll innerhalb von 45 Tagen abgeschlossen sein.

Gemeinsam soll die erste globale Commerce-Cloud mit durchgängiger Kontrolle und Transparenz bei der Fertigung direkter Güter aufgebaut werden. Das Ziel: Handel, Industrie, Logistikdienstleister und Banken arbeiten mit einem gemeinsamen Datenbestand und optimieren über verschiedene Handels- und Logistikfunktionen ihre globalen Waren-, Informations- und Handelsdokumentenflüsse – von der Bestellaufgabe bis zur Bezahlung.

GT Nexus steuert dazu ein globales Auftragsmanagement-System bei, mit dem sich Geschäftsprozesse unternehmens- und partnerübergreifend kontrollieren lassen. Etwa 25.000 Unternehmen in aller Welt verlassen sich heute darauf. Darunter befinden sich sechs der zehn größten Logistikdienstleister sowie 30 globale Finanzinstitute – zusammen verwalten sie über das Cloud-basierte Business-Netzwerk Güter und Dienstleistungen im Wert von mehr als 100 Mrd. Dollar pro Jahr.

GT Nexus stand seit fünf Jahren zum Verkauf

Zu den Kunden des im Jahr 1999 – noch mit dem Namen Tradiant – in Kalifornien gegründeten Unternehmens zählen Adidas, Caterpillar, DHL, Home Depot, Levi Strauss, Maersk, Nestlé, Pfizer, Procter & Gamble sowie UPS. Das Unternehmen stand schon seit fünf Jahren zum Verkauf; ein 2012 alternativ geplanter Börsengang war abgeblasen worden. Finanziert wird der Deal vom Infor-Eigentümer Golden Gate Capital Partners; Verkäufer sind die Gründer von GT Nexus sowie der Investor Warburg Pincus LLC.

Mit rund 150 Mio. Dollar steuert GT Nexus nur rund 5 Prozent zu Infors Jahresumsatz bei, der nach der Lawson-Übernahme seit 2012 bei 2,8 Mrd. Dollar stagniert. Es handelt sich bei der Akquisition also nicht um den simplen Zukauf von Umsatzvolumen, sondern um eine strategische Ergänzung des Produkt- und Technologieportfolios, wie sei auch SAP mit der Übernahme des Beschaffungsnetzes Ariba für 4,3 Mrd. Dollar im Jahr 2012 vorgenommen hat. Seinerzeit hatte SAP auch die Übernahme von GT Nexus erwogen, dann aber wie auch andere Interessenten (darunter Facebook und HP) davon Abstand genommen.

Neue Dimension an Transparenz in der Supply Chain

Charles Phillips, CEO von Infor, will durch diese Übernahme „eine völlig neue Dimension an Transparenz in der Supply Chain bieten, sei es bei der Verwaltung von Produktionsprozessen oder der Überwachung von Warenbewegungen“. Vor allem in komplexen Lieferketten, in denen Güter mit hoher Umlaufgeschwindigkeit bewegt werden, sei es für alle Partner essenziell zu wissen, was bestellt wurde, wann die Fertigung erfolgt ist, wo sich das fertige Produkt befindet, ob sich die Bestellung geändert sowie ob der Gegenstand den Zoll passiert hat.

Das Netzwerk von GT Nexus wird direkt in die Auftragsmanagement-Systeme der Käufer und Lieferanten integriert. Käufer übermitteln ihre Aufträge darüber an ihre Lieferanten, Finanzinstitute, Frachtführer und Logistikdienstleister. So entsteht ein Auftragsmanagement-System für das gesamte Netzwerk: Darin befinden sich die Stammaufzeichnungen der Aufträge aller beteiligten Partner.

Darüber hinaus verwaltet GT Nexus mehr als 20 Mrd. Dollar an Zahlungen zwischen Käufern und Lieferanten in 90 Ländern und in acht Währungen. Käufer und Finanzinstitute nutzen diese Cloud für das Angebot von Finanzierungslösungen und Zahlungssicherheiten vor und nach dem Export.

Industriespezifischen Cloud-Suiten andocken

Die industriespezifischen Cloud-Suiten von Infor, die über Amazon Web Services bereitgestellt werden, sollen vor allem für die mehr als 3.200 Kunden aus den Bereichen Mode und Handel attraktiver werden, da viele von ihnen bereits GT Nexus nutzen.

Die Verbindung dieses Netzwerks mit der Cloud-Suite von Infor soll es Firmen ermöglichen, anstelle von mehr oder weniger zuverlässigen Prognosen einen integrierten Ansatz aus Verkaufsförderung, Marketing und Bedarfsdaten anzuwenden. Infor bietet dazu auch Einblicke in den Status von Aufträgen, die sich gerade in der Produktion befinden. Damit wird Collaborative Design im Netzwerk möglich, ebenso wie die Übertragung von Stücklistenänderungen aus der Infor-Software für das „Product-Lifecycle-Management“ (PLM).

GT Nexus und Infors Cloud-Suites ähneln sich laut Phillips in ihrer Architektur. Beide nutzen demnach eine einzige kanonische Karte für Aufträge, sind ereignisgetrieben und verwenden Open-Source-Komponenten.

Im Gegensatz zu anderen B2B-üblichen Übertragungswegen bildet GT Nexus ein Cloud-Netzwerk mit einer gemeinsamen Code-Basis für alle Kunden. Diese liefert an allen Stationen der Wertschöpfungskette einen einheitlichen Blick auf einen Auftrag. Die kanonische Karte erlaubt es Zulieferern, dem Netzwerk beizutreten und mit sämtlichen Kunden in Kontakt zu treten – im Gegensatz zu Netzwerken anderer Anbieter, die nach individuellen Karten und Portalen für jeden Käufer verlangen.

Two-Tier-Strategien bei ERP-Systemen

Mehr und mehr Firmen implementieren sogenannte Two-Tier-Strategien bei ihren ERP-Systemen, beobachtet man bei Infor. „Die auf Unternehmensebene genutzten, monolithischen ERP-Systeme auf On-premise-Basis nutzen meist allgemeine Hauptbücher“, heißt es in der Presseinformation. Und weiter: „Diese aufwändigen und komplexen Architekturen auf spezialisierte und abgelegene Produktionsstandorte – teils in Schwellenländern – zu übertragen ist ökonomisch nicht sinnvoll. Stattdessen empfiehlt es sich, eine Cloud-basierte Applikation für Produktion und Logistik zu implementieren. Sie lässt sich international leicht integrieren, um Finanz-, Auftrags- und Distributionsdaten auszutauschen.“

www.infor.de

www.gtnexus.de.com

Bildquelle: Infor

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