Fortschreitende Konsolidierung der ERP-Branche

Infor vor dem Verkauf?

Seit Jahren läuft die Konsolidierung der ERP-Branche auf Hochtouren. Jüngst erst kaufte Oracle Netsuite – und die beiden Investmentgesellschaften EQT und KKR die ERP-Größen IFS bzw. Epicor. Einer der Protagonisten dieser Entwicklung, der durch zahllose Akquisitionen aufgefallene US-Konzern Infor, scheint nun selbst vor dem Verkauf zu stehen. Entsprechende Gerüchte verdichten sich jedenfalls. Wenig Neues hört man dagegen von den geplanten Massenentlassungen bei Infor Deutschland. Allerdings gibt es News aus Polen; dorthin sollen die deutschen Jobs wandern.

Charles Phillips, CEO von Infor, muss sich wohl bald mit neuen Großaktionären auseinandersetzen

Anfangs suchten die beiden Infor-Eigentümer Golden Gate Capital und Summit Partners Käufer für eine Minderheitsbeteiligung, hieß im September gerüchteweise aus verschiedenen Quellen. Jetzt ist gemäß der Nachrichtenagentur Bloomberg auch der Verkauf des gesamten Software-Konzerns eine Option. Unter Berufung auf Insider wird sogar der Preis genannt, der den beiden Investmentgesellschaften vorschwebt: Mindestens 10 Mrd. Dollar. Interessenten soll es auch geben; Advent International, Apax Partners und CVC Capital Partners würden bereits konkrete Kaufangebote ausarbeiten.

Zuvor waren gerüchteweise die Blackstone Group, TPG sowie Hellman & Friedman als Kaufinteressenten für eine Minderheitsbeteiligung genannt worden, wobei einem entsprechenden Aktienpaket noch ein Gesamtwert des Unternehmens von 9 Mrd. Dollar zugrunde gelegt wurde. Auch diese Option sei weiter valide, schreibt Bloomberg, denn es gibt durchaus gute Argumente gegen einen Komplettverkauf des weltweit viertgrößten ERP-Herstellers.

Enorme Verschuldung

An erster Stelle steht die enorme Verschuldung des Konzerns von über 5,6 Mrd. Dollar; Infor hat ja seine Akquisitionen größtenteils auf Pump finanziert. Aber auch die schiere Größe des 15.000 Mitarbeiter starken Anbieters von Geschäftssoftware, der rund 90.000 Kunden in über Ländern zählt und einen Jahresumsatz von knapp 2,7 Mrd. Dollar ausweist, macht einen solchen Deal komplex.

Golden Gate Capital ist seit Infor-Gründung 2002 engagiert, Summit Partners ist seit der Lawson-Übernahme 2012 mit im Boot. Die Verkaufsgerüchte kamen nach einem starken Geschäftsjahr 2016 auf, das Infor am 30. April beendete. Nach einer Umstellung des Finanzjahres zeigt der Vergleich einer elfmonatigen Periode mit dem Geschäftsjahr 2015, dass die Umsätze aus Software-Lizenzen sowie Abonnements bei konstanten Wechselkursen um 26,9 Prozent stiegen. Infor gewann im selben Zeitraum erneut Marktanteile. Da die Kunden vermehrt Software-Suiten kaufen, die aus mehreren Infor-Produkten bestehen, wächst die durchschnittliche Deal-Größe weiter: 126 Deals hatten einen Wert von über 1 Mio. Dollar. 15 Deals überstiegen die Marke von 5 Mio. Dollar.

„Infor zieht in Sachen Cloud weiter an der Konkurrenz vorbei“, freute sich damals Charles Phillips, CEO von Infor. „Mehr als 40 Prozent des Umsatzes aus Software-Lizenzen im Geschäftsjahr 2016 stammen aus dem SaaS-Geschäft. Vor drei Jahren waren das noch 10 Prozent“.

Die Investitionen in Forschung und Entwicklung der vergangenen sechs Jahren machen sich jetzt bezahlt, so Phillips  weiter. Man habe modernste Funktionen in die Lösungen integriert und diese auf AWS-Basis anstatt in eigenen Rechenzentren bereitgestellt. „Auch unser Fokus auf die Applikationsebene, spezifische Branchen, erstklassiges Design, Commerce-Netzwerke und maschinelles Lernen erzeugt deutliche Resultate“, sagte Phillips. „Diese Dynamik setzt sich im Geschäftsjahr 2017 ungebremst fort: Die Vertriebspipeline ist voller als je zuvor in der Unternehmensgeschichte, was wir auch auf das Wachstum bei SaaS-Deals zurückführen.”

Multi-Enterprise-ERP

Das Finanzjahr 2016 bedeutete für Infor wegen der Akquisition von Nexus auch einen großen Schritt in Richtung des vernetzten ERP oder Multi-Enterprise-ERP. In der heutigen globalisierten Wirtschaft werden viele Funktionen, die früher von einem einzigen Unternehmen erfüllt wurden, von einem Netzwerk an Handelspartnern verwaltet – etwa Produktion, Logistik, Distribution und der Point-of-Sale. Indem Infor sein Commerce Network in die ERP-Applikationen integriert und einbettet, soll ein Echtzeit-Einblick auf Waren und Prozesse möglich werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Waren gerade transportiert, gelagert oder produziert werden. So wird das ERP über die eigenen Unternehmensgrenzen hinweg auf die erweiterte Supply Chain verlängert.

Der Fokus auf neue Produkte und Cloud-Lösungen in Verbindung mit dem Stellenabbau lässt die Kunden in Deutschland Schlimmes befürchten. Anwender bewährter AS/400-Lösungen aus dem Infor-Portfolio – etwa Brain AS, Ratioplan, MAS90 oder LX (früher BPCS) fühlen sich zunehmend vernachlässigt und zum Wechsel auf die neuen Produkte gedrängt; in Kunden mit M3 (Movex), LN (Baan), Xpert (XPPS) scheint Infor noch zu investieren. Aber selbst die Anwender von Infor.com, dem Namensgeber des 2002 gestarteten Konzerns, bemängeln Weiterentwicklung und Support und stellen sich ernsthaft die Frage, ob die Investition in einer Verlängerung des Wartungsvertrages noch sinnvoll ist. Immerhin soll es mit Infor.com definitiv weitergehen, denn es gibt eine Roadmap bis 2023.

Infor konzentriert die Kräfte

Solche Roadmaps gibt es längst nicht für alle bewährten Produkte, denn Infor konzentriert die Kräfte – weltweit und auch in Deutschland.

In erster Linie geht es hierzulande nach Firmenangaben um eine europaweite Zentralisierung von Entwicklung und Support. Darüber hinaus werde man auch administrative Funktionen in Breslau zusammenführen. Ziel sei es, die Leistungsfähigkeit der heute verstreuten Entwicklungskapazitäten und der räumlich getrennten Abteilungen Entwicklung und Support durch die Zusammenführung an einem Standort wesentlich zu verbessern.

Viele Fragen, kaum Antworten

Ob das durch das Nearshoring gelingen kann bleibt abzuwarten. Sicher ist nur dreierlei: Es wird erstens viel Detailwissen um die Produkte verloren gehen. Ob zweitens in Polen genügend Fachleute mit der nötigen Expertise eingestellt werden können, darf bezweifelt werden; speziell Personal mit technischem Know-how rund um IBM i ist rar, auch in Polen. Drittens wird die Umstellung für Kunden, Mitarbeiter und Partner nicht einfach werden. Welche der europäischen Infor-Produkte diesen Schritt überleben, ist daher die große Frage.

Mittlerweile hat Infor das im April angekündigte „Center of Excellence“ in Breslau offiziell eröffnet, für das händeringend Mitarbeiter gesucht werden. Immerhin sollen dort Ende 2018 insgesamt 500 Softwerker arbeiten; derzeit beschäftigt Infor 170 Mitarbeiter in Breslau. Im Gegenzug werden Standorte und Arbeitsplätze in Deutschland verschwinden; wann und wie viele wird derzeit mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft ausgehandelt.

www.infor.de

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