Bitkom: 6 von 10 Betrieben nutzen bereits Industrie 4.0-Anwendungen

Investitionen trotz Corona-Krise

Die Corona-Pandemie trifft die deutsche Industrie mit voller Wucht, führt zugleich aber zu einem Digitalisierungsschub in den Unternehmen. Und: Industrie 4.0 ist inzwischen für alle größeren Industrieunternehmen ein Thema. Das ergab eine aktuelle Studie des Branchenverbandes Bitkom. Allerdings fühlen sich Unternehmen bei ihren Digiralisierungsvorhaben u.u. durch die notwendigen Vorkehrungen bei Datenschutz und Datensicherheit gebremst.

  • Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder sieht in der Digitalisierung auch eine hoch wirksame Krisenvorsorge.

„Das produzierende und verarbeitende Gewerbe ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Die Corona-Pandemie zeigt, dass Digitalisierung nicht nur im Normalmodus Effizienzgewinne und Wettbewerbsvorteile bringt, sondern auch eine hoch wirksame Krisenvorsorge ist“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Die Corona-Pandemie muss genutzt werden, den digitalen Umbau der deutschen Industrie voranzutreiben.“

65 Prozent der 551 befragten Industrieunternehmen mit 100 oder mehr Beschäftigten gaben demnach an, bislang eher oder sehr schlecht durch die Corona-Zeit gekommen zu sein. Gleichzeitig sagen 95 Prozent, dass im Zuge der Pandemie die Digitalisierung in ihrem Unternehmen an Bedeutung gewonnen hat. 6 von 10 Industrieunternehmen (63 Prozent) geben an, dass ihnen digitale Technologien helfen, die Corona-Pandemie zu bewältigen.

Die Industrie hat laut Bitkom bereits auf Corona reagiert. 81 Prozent der Unternehmen passen bestehende und 49 Prozent bieten neue Produkte und Dienstleistungen an, 29 Prozent nehmen bestimmte Angebote vom Markt. In 4 von 10 Industrieunternehmen (42 Prozent) hat sich das Geschäftsmodell durch die Corona-Krise verändert. Tatsächlich könnte die Corona-Pandemie in den kommenden Monaten für einen anhaltenden Digitalisierungsschub in den Fabriken sorgen. 61 Prozent der Unternehmen wollen als Corona-Folge langfristig die Digitalisierung vorantreiben. 62 Prozent sehen einen Innovationsschub für das eigene Unternehmen.

IoT-Plattformen, 3D-Druck und 5G

Fast zwei Drittel (62 Prozent) setzen bereits spezielle Anwendungen wie vernetzte Produktionsanlagen, Echtzeit-Kommunikation zwischen Maschinen oder intelligente Roboter ein. Aktuell nutzen 4 von 10 Industrieunternehmen ab 100 Mitarbeitern IoT-Plattformen, mit denen Daten von Geräten, Maschinen und Anlagen an zentraler Stelle zusammengeführt und ausgewertet werden können. Jedes Dritte (32 Prozent) plant die künftige Nutzung, nur für knapp jedes Fünfte (19 Prozent) sind IoT-Plattformen derzeit kein Thema. „IoT-Plattformen legen das Fundament für digitale Mehrwertdienste. Mit ihnen werden physische Produkte um weitere Funktionen angereichert und ermöglichen so zum Beispiel vorausschauende Wartung“, so Rohleder.

Ebenfalls 4 von 10 Industriebetrieben (44 Prozent) setzen 3D-Druck ein, fast ebenso viele planen oder diskutieren den Einsatz (42 Prozent). Nur 14 Prozent wollen erst einmal auf 3D-Druck verzichten. Herausragende Bedeutung kommt dem neuen Mobilfunkstandard 5G für die vernetzte Produktion zu. Inzwischen halten 85 Prozent der Industrieunternehmen die Verfügbarkeit von 5G für wichtig für das eigene Unternehmen, vor einem Jahr waren es erst 72 Prozent. Argumente für den prädestinierten WLAN-Nachfolger: Übertragungen in Echtzeit, eine höhere Netzwerk-Kapazität und eine praktisch unbegrenzte Zahl an Geräten und Bauteilen, die miteinander kommunizieren können.

95 Prozent der Befragten sehen in Industrie 4.0 eine Chance für das eigene Unternehmen, nur 4 Prozent halten sie für ein Risiko. Die entsprechenden Möglichkeiten werden allerdings noch lange nicht ausgeschöpft: Nicht einmal jeder dritte Industriebetrieb in Deutschland (31 Prozent) sieht sich aktuell als Vorreiter bei Industrie 4.0. Mehr als jeder Zweite (54 Prozent) bezeichnet sich dagegen als Nachzügler, jeder Neunte (11 Prozent) meint sogar, den Anschluss verpasst zu haben. „Digitalisierung entwickelt sich auch in der Produktion exponentiell. Das heißt, wer später anfängt, muss sich umso mehr anstrengen“, sagt Rohleder, der aber auch eine Vielzahl von Hemmnissen sieht. So würden 77 Prozent gerne mehr investieren und klagen über fehlende finanzielle Mittel. 61 Prozent fühlen sich durch Datenschutz-Anforderungen behindert. 57 Prozent von Anforderungen an die IT-Sicherheit. In jedem zweiten Unternehmen (55 Prozent) fehlt es an Fachkräften, ähnlich viele (52 Prozent) fühlen sich durch die Komplexität des Themas überfordert, 48 Prozent bemängeln die Störanfälligkeit der Systeme. 29 Prozent fehlt es am Austausch mit anderen Unternehmen und jedes vierte Unternehmen (25 Prozent) hat nicht genügend Zeit, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Entsprechend formulierten die Befragten sehr konkrete Wünsche. Jeweils 8 von 10 plädieren für einen Abbau von rechtlichen Unsicherheiten beim Datenaustausch mit anderen Unternehmen (84 Prozent), die Förderung von Investitionen (80 Prozent) und einen beschleunigten Breitbandausbau (78 Prozent). Rund zwei Drittel (63 Prozent) erwarten mehr und bessere Informations- und Beratungsangebote, 48 Prozent würden Aus- und Weiterbildungsprogramme für die Mitarbeiter helfen, 47 Prozent Förderprogramme für Forschung und Entwicklung und 34 Prozent die Etablierung von Standards.

Gaia-X: Hohes Interesse, wenig Informationen

Ein Projekt, um das größte Industrie 4.0-Hemmnis – den Datenaustausch mit anderen Unternehmen – anzugehen, ist die europäische Initiative Gaia-X, der die Industrie derzeit laut Rohlreder noch gespalten gegenübersteht. 33 Prozent sehen darin eine Ergänzung zu bisher genutzten Angeboten, 26 Prozent gehen davon aus, dass damit ganz neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnet werden. Umgekehrt halten aber 28 Prozent Gaia-X für irrelevant für das eigene Geschäftsmodell, 11 Prozent sehen keinen Bedarf an einer solchen Infrastruktur und 5 Prozent fühlen sich durch Gaia-X in ihrem Geschäftsmodell bedroht.

Gleichzeitig gilt, dass Gaia-X für viele Unternehmen noch eine große Unbekannte ist: Nur gut jedes dritte Industrieunternehmen (39 Prozent) hat bereits davon gehört und weiß auch, was sich dahinter verbirgt. 20 Prozent haben zwar schon den Begriff gehört, haben aber keine konkrete Vorstellung davon und 37 Prozent haben noch nie von Gaia-X gehört oder gelesen. „Gaia-X kann bei Cloud- und Dateninfrastrukturen eine Schlüsselrolle zukommen“, glaubt Rohleder.

Bildquelle: Bitkom Research

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