Stephan Scholl, Infor

„ION ermöglicht die Consumerization von Geschäftssoftware!“

Titelinterview der Ausgabe 11/2011 mit Stephan Scholl, Executive Vice President für Global Field Operations bei Infor u.a. über Infor10 als Branchenkompass für das ERP-Portfolio

  • Stephan Scholl, Infor

    Stephan Scholl ist Executive Vice President für Global Field Operations bei Infor.

Herr Scholl, seit Gründung im Jahr 2002 ist Infor durch nahezu 50 Akquisitionen zur Nummer 3 im weltweiten Markt für Geschäftssoftware herangewachsen. Im Portfolio haben Sie entsprechend viele ­Lösungen, darunter auch eine ganze Reihe für die System-i-Plattform. Steht das Versprechen, all diese Produkte weiterzuführen, auch angesichts der jetzt laufenden Einführung von Infor10?
Stephan Scholl:
Wir werden auch in Zukunft kein Produkt aufgeben und investieren eine Menge Geld in die Pflege und Modernisierung dieser Systeme. Das gilt für unsere System-i-Lösungen gleichermaßen. Mit rund 15.000 Kunden sind wir weltweit der größte Softwarepartner der IBM in diesem Bereich.
Oracle und SAP kommen zu unseren System-i-Kunden und erzählen ihnen: Geht weg von dieser Plattform, das ist Legacy, wechselt zur nächsten Generation. Wir sagen: Warum denn, wenn es funktioniert? System i ist ein echtes Arbeitspferd, die Anwender lieben die Plattform. Sie bewährt sich seit über 25 Jahren, mehrere Generationen haben damit schon gearbeitet. Und wir bieten, anders als Oracle oder SAP, die technischen Möglichkeiten, dass das so bleibt.

Welche Strategie verfolgen Sie mit Infor10?
Scholl:
Infor war einfach als großer Marktteilnehmer abgestempelt, und die Analysten sagten: Ihr habt über 40 ERP-Systeme, was soll das bedeuten? Hier haben wir nicht effektiv kommuniziert.

Der Punkt ist: Jedes dieser ERP-Produkte bedient als Einzellösung sehr spezielle Branchenanforderungen. Und in den unterschied­lichen Anwendungsbereichen haben wir Produkte, die zu den besten der Welt gehören. Denken Sie an LN, das frühere Baan, in der Fertigungsindustrie, oder die M3-Produkte von Lawson für die Nahrungs- und Genussmittelbranche oder die Modebranche. Gleiches gilt auch im horizontalen Bereich, etwa unser marktführendes System für das Enterprise Asset Management (EAM), eine Lösung, die jeder ERP-Anwender braucht.

Bisher hatte Infor aber immer diesen Blick auf die einzelne Lösung. Dieser Blick wird nun geweitet: Infor10 bedeutet ganz zentral Branchenorientierung. Hierfür haben wir erstens insgesamt 13 Zielbranchen definiert. Zweitens geht es darum, den ganz spezifischen Anforderungen dieser Branchen entsprechend vorgefertigte Suites anzubieten, die alle dafür benötigten Einzellösungen durchgängig miteinander verbinden – also ERP mit BI, EAM, PLM, SCM und andere Komponenten.

Welche Branchen sind das?
Scholl:
Die 13 Branchen sind: Automobil­industrie, Luft- und Raumfahrttechnik, die chemische Industrie, Groß- und Außenhandel, Instandhaltung und Reparatur, die Modeindustrie, Nahrungs- und Genussmittel, industrielle Produktion, das Gesundheitswesen, Hightech und Elektronik, das Gastgewerbe, der Maschinen- und Anlagenbau sowie die öffentliche Verwaltung.

Nur: Automotive zum Beispiel ist nicht gleich Automotive. Dazu gehören OEMs (Hersteller), Spezialfahrzeughersteller, Zulieferer, Aftermarket & Service Parts usw. Ähn­liches gilt auch für alle anderen Branchen. Im Rahmen unserer Infor10-Strategie brechen wir daher die Funktionalität noch tiefer herunter, auf die Ebene der Micro-Verticals.

Sie setzen also auf branchenerprobte ERP-Lösungen aus Ihrem Portfolio und fügen diese zu „Infor10 Industry Suites“ für die gesamte Geschäftsprozesskette zusammen?
Scholl:
Das ist ein ganz wichtiger Unterschied zum generischen Ansatz unserer Wettbewerber Oracle oder SAP. Beide benutzen die identische Codebasis, gleich ob es sich um einen Flugzeughersteller, eine öffentliche Verwaltung oder einen Einzelhändler handelt. Im Ergebnis muss der Code dann auf Teufel komm raus angepasst werden – mit fragwürdigem Erfolg.

Laut Gartner Group lagen die Ausgaben für Hardware, Software und Services 2010 bei 1,3 oder 1,4 Bio. Dollar pro Jahr. Wie viel Software bekommen die Anwender von diesen Billionen? Weniger als 200 Milliarden. Wer bekommt das meiste? Nicht die Hardware­anbieter. Es sind mit rund 900 Milliarden die Integratoren – Accenture, IBM und andere.

Wenn so viel Geld dafür ausgegeben wird, generische Software von unseren Wettbewerbern einzusetzen, und dann 20, 30, 40 Prozent an die individuellen Anforderungen angepasst werden müssen, dann gehen die Total Costs of Ownership der Anwender in die Höhe.

Unsere Idee ist daher, die Lösungen so exakt zuzuschneiden, dass auf Kundenseite kaum noch Modifikationen erforderlich sind und eine Einführung besonders schnell gelingen kann. Daher ja unser Unternehmens-Claim „specialized by industry, engineered for speed“.

Die Middlewarestrategie spielt hierbei eine zentrale Rolle und damit Ihr „Intelligent Open Network“, also die ION-Suite. Wie verhält sich die zum früheren Open SOA?
Scholl:
Mit der Open SOA sind über Jahre wichtige Vorarbeiten geleistet worden und auch auf der System-i-Plattform bereits bedeutende Integrationsprojekte umgesetzt worden. Wir mussten bei der Entwicklung von ION also nicht bei null beginnen.

Das ist auch der Grund, weswegen wir in den letzten zehn Monaten so schnell voran­gekommen sind. Wir haben ION im März dieses Jahres auf den Markt gebracht – im Wesentlichen erweitert um Eventmanagement und applikationsübergreifende Workflowfunktionalität. Innerhalb der ersten 30 Tage hatten es bereits 45 Kunden gekauft, zwölf von ihnen gingen schon nach 60 Tagen live. Sie setzten es für die Integration unterschiedlichster Anwendungen von Infor und von Drittanbietern ein – zum Beispiel, um unser EAM mit SAP oder Microsoft zu verbinden.

Sie bezeichnen ION als „Lightweight“-Technologie. Worin unterscheidet sie sich von Middlewareprodukten anderer Anbieter?
Scholl:
Ich kenne aus meiner Vergangenheit im Oracle-Consulting einige der größten Middlewareimplementierungen weltweit, kenne Hundertmillionen Dollar schwere SOA-Projekte, die zu nichts geführt haben. Tausende technische Verbindungspunkte zwischen den Applikationen müssen da miteinander verbunden werden.

Was aber die Geschäftsprozesse wirklich treibt, sind die Geschäftsdokumente: Aufträge, Lager- und Versandpapiere, Rechnungen und so weiter. Wir realisieren daher die Prozessintegration mit Hilfe von XML-Dateien auf Ebene der Geschäftsdokumente; das ist mit „Lightweight“ gemeint. Und anders als bei Websphere etwa, wo Sie 70 CDs bekommen und drei Wochen für die Inbetriebnahme brauchen, benötigen Sie für ION drei Minuten für die Installation, drei fürs Setup, drei für die Konfiguration.

Deswegen sage ich: Ersetzen Sie Oracle, ersetzen Sie Websphere – ION hat eine völlig andere DNA. Es ist so mächtig, weil es ganz auf die Geschäftsprozesse und die Geschäftsintegration zentriert ist. Das ist auch der Grund, warum ich zu Infor gewechselt bin; ich war diese gewaltigen Middlewareimplementierungen einfach leid.

ION liefert also die Prozess-/Applikationsintegration für Infor10?
Scholl:
Ja, und ganz wichtig: ION ermöglicht darüber hinaus die „Consumerization“ von Geschäftssoftware. Oracle, SAP und Microsoft haben mehrere Milliarden Dollar für die nächsten Generationen ihrer Produkte ausgegeben. Aber da gibt es keine Consumerization, also keine Integration dessen, was für Endbenutzer bzw. Verbraucher bei der Nutzung von Social Media wie Facebook und Twitter oder von Smartphones schon längst geläufig und selbstverständlicher Alltag ist. Und diese Techniken aus der Consumer-Welt bestimmen auch, was Anwender von einer modernen Geschäftssoftware erwarten. Dort existiert bis heute aber immer noch die alte, formularorientierte Bedienerführung. Es geht uns also um eine neue Art von Benutzerfreundlichkeit, die Sie bei niemand anderem so sehen.

Wenn Sie von Consumerization der ­Geschäftsprozesse sprechen, meinen Sie das Frontend Workspace von Infor10. Was ­genau leistet es?
Scholl:
Auf Basis von ION können wir im Workspace unter einer Oberfläche alle Informationen zusammenführen, die ein Endbenutzer für seine Arbeit braucht. „In-context“ nennen wir das. Ich spreche hier zum Beispiel die Möglichkeit an, dass Endbenutzer im Kontext ihrer Arbeit sehen, was – je nach ihrer Rolle und Funktion – relevant für ihre Arbeit ist, egal aus welcher Quelle diese Informationen kommen. Und die Benutzer wollen das unter einer Oberfläche, die ihren sonstigen Gewohnheiten im Consumer-Bereich entspricht und kein gesondertes Expertenwissen verlangt.

Was macht den Unterschied zu Oracle und SAP aus?
Scholl:
Beide haben keine In-Context-BI, Benutzer bekommen keine Sichten in Echtzeit auf den Status ihrer Aufträge oder auf die Disposition, sie haben keinen Zugriff auf ­Social Media. Ein großartiges Beispiel für die Integration von Social Media in unsere Software stammt von einem chinesischen Kleiderproduzenten: Der produzierte einen Rock, gleiche Farben, gleiche Größen. Ein Teil dieser Produktion verkaufte sich allerdings nicht so gut – und niemand konnte sich erklären, warum. Erst die Analyse der Kunden-Posts auf Twitter verschaffte Klarheit: Der Saum der schlecht verkäuflichen Röcke war einen Inch zu kurz, bedeckte nicht die Knie der Schulmädchen, für die er produziert wurde.

Last not least ist ION auch das Rückgrat Ihrer Cloud-Strategie?
Scholl:
Ja, mit der Cloud-Suite bieten wir unseren Kunden flexible Bereitstellungsmodelle. Die Anwender können entscheiden, ob sie ihre Lösungen komplett in der Infor10 Cloud Suite ausführen oder nur einige davon und andere wiederum vor Ort „on premise“. Von dieser Flexibilität können auch unsere System-i-Kunden profitieren: Ich habe einen Infor-ERP-AS-Kunden besucht und konnte ihm rund um dessen ERP die Lösungen für EAM, Expense Management in der Cloud und SCM on premise zeigen. Ich konnte zeigen, dass das alles über ION bestens integriert ist. Das wird bereits heute ausgeliefert und verkauft.

Können Sie ein Beispiel nennen, wo sich dieser Ansatz schon bewährt hat?
Scholl:
Zum Beispiel bei Ferrari, dessen Mutterkonzern Fiat übrigens auf SAP setzt! Für Automotive haben wir mit Infor10 rund um ERP LN inklusive Assembly Control eine Suite mit BI, EAM, PLM, SCM gebaut. Bei Ferrari konnten wir genau mit dieser branchenspezifischen, voreingestellten Funktionalität punkten. Und tatsächlich konnte dort alles innerhalb von neun Monaten statt von zwei Jahren implementiert werden, wovon Ferrari wegen seiner komplexen Applikationslandschaft ursprünglich einmal ausgegangen war, bevor wir dort die Infor10-Story erzählen konnten.

Ganz generell für Infor10 und die Lösungen für die System-i-Plattform: Einige wie LX, System21 oder XA tragen bereits einen ­Infor10-Markennamen, andere aber nicht. Wie geht es da weiter?
Scholl:
Infor10 wird auf alle unsere Akquisitionen ausgeweitet, wobei ich das im Einzelnen allerdings nicht nach bestimmten Produkten ausrichten möchte, sondern nach Branchen und Geschäftsprozessen. Richtig ist: Wir haben noch nicht alle Lösungen aus unserem Portfolio ION-isiert, sondern haben erst einmal die genommen, von denen wir uns den größten Effekt auf unsere Kundenbasis versprechen.

Vergessen Sie auch nicht: Wir müssen zwei Sichtweisen miteinander in Einklang bringen: Aus unserer Sicht geht es um die Branchen-Suites, komplette Lösungen. Aber nicht alle Kunden wollen jetzt schon diese komplette Breite; sie haben aus Unternehmenssicht andere Prioritäten. Deshalb haben wir in einigen Fällen entschieden, zunächst Geld zu investieren, um die Funktionalität dieser Produkte zu erweitern und zu verbessern.

In diesem Sommer haben Sie die Übernahme von Lawson abgeschlossen. Insbesondere mit M3 haben Sie nun weitere Lösungen im Portfolio, die auf der System-i-Plattform stark vertreten sind. Wie geht es da weiter?
Scholl:
M3 ist integraler Teil von Infor10. Insbesondere für die Branchen Nahrung und Getränke, Mode sowie Anlagen- und Maschinenbau bietet M3 großartige Lösungen. Für mich war es das Kronjuwel der Akquisition, selbst wenn Healthcare der dominante, bei uns in Amerika sichtbare Teil von Lawson ist.

Mit der Übernahme haben wir unseren branchenorientierten Marktansatz nochmals verstärkt. Und neben dem Thema M3 war natürlich auch wichtig: Bei Infor hatten wir kein Finanzsystem, das auf globaler Konzernebene eingesetzt werden kann, wie das aus Lawsons S3. Und mit HCM haben wir schließlich durch die Lawson-Übernahme ein System im Portolio, das inklusive Lohn- und Gehaltsabrechung, Personaleinsatzplanung, Arbeitszeiterfassung, Personal- und Talententwicklung die breiteste Funktionalität im HR-Bereich bietet, die ich je gesehen habe – und ich kenne diesen Markt aus meiner Zeit bei Peoplesoft.

Mit Lawson haben Sie aber auch ein weiteres Frontend im Portfolio: Smartoffice. Wie verhält sich das zu Workspace? Sie verfolgen da unterschiedliche Strategien für unterschiedliche Benutzergruppen: Workspace für die Endbenutzer, Smartoffice für die sogenannten „Power User“. Läuft das auf eine Koexistenz hinaus?
Scholl:
Ja, Koexistenz ist momentan die Anwort. Ob wir das eine in das andere integrieren oder ob es irgendwann ein übergeordnetes Workspace gibt, wird die Zukunft zeigen. Momentan bleibt festzuhalten: Smartoffice ist ein sehr gutes Produkt, die Lawson-­Anwender arbeiten sehr gerne damit und wir investieren weiterhin in Smartoffice, um die Funktionalität weitezuentwickeln. Auf ­Infor-Seite ist Workspace die eigentliche Plattform für zukünftiges Investment. Hier spielt jetzt auch unsere Größe eine Rolle: bei einem Umsatz von 2,8 Mrd. und einem Gewinn (EBITDA) von 700/800 Mio. Dollar haben wir die entsprechenden Mittel, um auch in diese Produkte zu investieren.

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