Bei Liqui Moly wird die ERP-Umstellung zur Dauerbaustelle

IT-Chaos nach AS/400-Abschied

Die Einführung einer neuen Unternehmenssoftware im Januar entwickelt sich für den langjährigen AS/400-Anwender Liqui Moly zur Dauerbaustelle. Wurden diese Probleme bereits bei der Vorlage der Jahresbilanz 2018 im Mai vorsichtig angesprochen, ist Ernst Prost, der Firmenchef des mittelständischen Öl- und Additivspezialisten, ausgesprochen wütend über massive und andauernde Schwierigkeiten mit der neuen ERP-Software.

  • Gesucht bei Liqui Moly: Das richtige Schmiermittel, das die Computer wieder reibungslos zum Laufen bringt.

  • Liqui-Moly-Chef Ernst Prost

    Setzt sich ganz bewußt stinksauer in Szene: Liqui-Moly-Chef Ernst Prost nach den Riesenproblemen bei der Software-Umstellung.

  • Liqui-Moly-Chef Ernst Prost

    Im Mai schien alles noch in bester Ordnung – und die Software-Umstellung galten als beherrschbares Problem.

Bei Liqui Moly in Ulm war es so wie bei vielen AS/400-Anwendern. Man hatte lange erfolgreich mit maßgeschneiderten Anwendungssystemen gearbeitet. Doch die Programme dahinter (in diesem Fall u.a. SoftM/Comarch) waren in die Jahre gekommen, die Integration neuer Bausteine wie CRM-System oder Online-Shop erforderte manchmal Klimmzüge. Dann wird die Frage akut: Modernisieren wir die bewährten Systeme – oder tauschen wir sie gegen eine moderne Standardsoftware aus?

Standardsoftware statt Modernisierung

Bei Liqui Moly, einer Tochter des Würth-Konzerns, entschied man sich gegen die Modernisierung der vorhandenen Anwendungssysteme und für den Austausch der bewährten Anwendungen gegen das ERP-System Dynamics AX von Microsoft. Doch was beim rund 850 Mitarbeiter und 544 Mio. Euro Jahresumsatz starke Öl- und Additivspezialisten die Abläufe vereinfachen und Kosten senken sollte, sorgt für das genaue Gegenteil und vermiest die Halbjahresbilanz. „Wären wir börsennotiert, müsste ich eine Gewinnminderungswarnung herausgeben“, lässt sich Prost – im Foto ganz bewusst wutschnaubend portraitiert – in der Pressemeldung zur Halbjahresbilanz unter der Überschrift „Fehlermeldung im Öl“ zitieren.

Der Ärger ist so groß, das Prost hochoffiziell ins Detail geht. Das ist selten, denn meistens wird der Mantel des Schweigens über die gescheiterten ERP-Projekte gedeckt. Dennoch sorgen sie immer wieder für Schlagzeilen, wie zuletzt bei Haribo, Revlon oder Lidl. Selten allerdings gehen die Unternehmen mit diesen Problemen so offensiv um wie Liqui Moly.

Die zu Jahresbeginn in Betrieb genommene neue Unternehmenssoftware hilft unter anderem den Einkauf zu managen, die Produktion zu steuern, der Versand abzuwickeln und Rechnungen zu stellen. Sie ist daher von zentraler Bedeutung für das Wohl und Wehe von Liqui Moly. „Die frühere Software war Jahrzehnte alt und stieß immer mehr an Grenzen“, heißt es in der Pressemitteilung. „Daher wurde sie, nach jahrelanger Vorbereitung, zum Jahreswechsel abgelöst.“

Massive Probleme machen Ärger

Doch statt der erwartbaren, kleineren Einführungsprobleme gab es massive Schwierigkeiten, die bis heute andauern. Schwierigkeiten, die sich ganz unmittelbar auf den Geschäftsbetrieb auswirken. „Trotz der Unterstützung durch renommierte Softwarehäuser gelingt es uns noch immer nicht, auf dem Level zu produzieren und zu liefern, das wir erwarten und das unsere Kunden von uns erwarten“, ärgert sich Ernst Prost.

Bei den Kunden führt das zu berechtigtem Frust und Ärger. „Ich habe mich in meinem ganzen Berufsleben noch nie so oft bei meinen Kunden entschuldigen müssen wie in den letzten sechs Monaten. Was wir zurzeit an Leistung abliefern, schmerzt mich zutiefst“, sagt Prost. Und es führt zu erheblichen Mehrkosten. Als Beispiele nennt Prost Container, die nur zur Hälfte mit Ware gefüllt werden können, Speditionen, die länger als geplant auf die Verladung warten müssen, oder Luftfracht, wenn dringend benötigte Ware per Schiff nicht mehr rechtzeitig ankäme.

„Unsere Kunden können nichts für unsere Probleme“, weiß Prost. „Daher tun wir alles, um die Auswirkungen für sie so klein wie möglich zu halten, und übernehmen die Extra-Kosten dafür.“ Bei diesen Ausgaben bleibt es freilich nicht. „Zu den gewaltigen Kosten für die Software-Umstellung als solche kommen jeden Tag neue für Fehlersuche und Problembeseitigung.“

Software-Umstellung bringt Unternehmen ins Schleudern

Dies alles hinterlässt deutliche Spuren in den Geschäftszahlen. Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2018 ging der Umsatz zwar nur leicht um 0,8 Prozent auf 259,6 Mio. Euro zurück, und das auch nur, weil der hohe Auftragsbestand wegen der Computerprobleme nicht vollständig abgearbeitet werden konnte. Der Halbjahresertrag jedoch fiel um rund 30 Prozent auf 11 Mio. Euro. Prost dazu: „Ich hätte nie gedacht, dass eine Software-Umstellung im Jahr 2019 ein ganzes Unternehmen dermaßen ins Schleudern bringen kann.“

Angedeutet hatten sich die Probleme schon Anfang des Jahres, weil der Auslieferungsprozess die gewohnt hohe Zuverlässigkeit missen ließ. „Der Grund ist nicht die Lagersituation, sondern die Umstellung auf eine neue Software“, erklärt Geschäftsführer Prost in der Pressemitteilung zur Jahresbilanz 2018, allerdings noch unter der optimistischen Überschrift „Liqui Moly Bilanz: Der Motor läuft“.

In der Pressemitteilung vom Mai hieß es zur Inbetriebnahme der neuen Software noch: „Der hoch komplexen Materie mit dem rund 4.000 Artikel umfassenden Sortiment und den zig tausend Kunden in 150 Ländern ist es geschuldet, dass noch nicht alle Prozesse voll zuverlässig ablaufen.“ Trotzdem habe man von Januar bis April ein Umsatzplus von 4 Prozent verzeichnet. „Nicht auszudenken, welch grandiosen Start wir 2019 bei voller Lieferfähigkeit erwischt hätten“, so Ernst Prost damals.

Liqui Moly war lange erfolgsverwöhnt: Jahr für Jahr mehr Umsatz, mehr Gewinn. Die aktuelle Situation trifft das Unternehmen unerwartet. Dank des hohen Leistungsniveaus bedeutet das aber nur eine Delle im Gewinn und ist weit weg von einer existenzbedrohenden Lage. „Blinden Aktionismus in Form von Kurzarbeit oder Stellenabbau wird es bei uns nicht geben“, so Ernst Prost. „Wir halten Kurs, wir bleiben weiter auf Expansionskurs, wir stellen weiter neue Leute ein, wir investieren weiter in neue Produkte und neue Märkte.“

Computerprobleme bis spätestens bis zum Jahresende lösbar?

Also kein Strategiewechsel und kein Sparkurs. Ganz im Gegenteil: „Die aktuellen Probleme haben uns Bereiche aufgezeigt, wo wir nun investieren werden, um noch besser zu werden“, so Prost. So soll der Bau eines neuen Zentrallagers die Logistik vereinfachen. „Der Sturm, den wir gerade erleben, ist viel stärker als vorhergesagt. Hohe Wellen brechen sich an unserem Schiff, der ein oder andere Matrose wird nass und manchem Passagier ist übel. Aber unser Schiff ist seetüchtig und nicht in Gefahr. Bald wird dieser Sturm vorübergehen. Ich hoffe, dass wir zusammen mit unseren Softwarehäusern die Computerprobleme spätestens bis zum Jahresende lösen werden.“

Offenbar kam es bei Liqui Moly zu der klassischen Fehleinschätzung: Die Taube auf dem Dach wirkt attraktiver als der Spatz in der Hand. Die ERP-Hersteller versprechen das Blaue vom Himmel, die Berater wittern dicke Geschäfte und verteufeln die vorhandene IT als Legacy-Systeme und historischen Ballast, so dass man gewohnte Tugenden wie Zuverlässigkeit oder Performance erst dann wieder zu schätzen weiß, wenn die IT-Systeme fehlerhaft und langsam werden.

Dazu kommen gerade bei AS/400-Anwendern immer wieder ganz klassische Probleme: Läuft die IT wie geschmiert, wird sie nicht modernisiert. Wird das aber unumgänglich, fehlen oft die Fachleute, die sich mit dem heutigen Power System i auskennen – speziell auch seine vielfältigen Optionen bei Cloud Computing, Mobile Business, Open Source oder Artificial Intelligence. Dann ist der Spatz in der Hand auch keine Option mehr.

Bildquelle: Liqui Moly

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