Oracles Lizenzgebaren wird viele Fragen auf

Java und IBM i

Oracle hat zu Jahresbeginn sein Lizenzmodell für die Programmiersprache Java geändert. Eine Konsequenz ist, dass jeder, der längere Zeit die gleiche Java-Version von Oracle nutzen möchte, für ein Update der Laufzeitumgebung Java SE in der Version 8 Lizenzgebühren zahlen muss. Dieses brachiale Vorgehen des Softwarekonzerns wirft viele Fragen auf; Lizenzexperten sprechen gar von einem „Schock“ für die IT-Chefs und einem neuen Audit-Risiko, denn der US-Konzern Oracle ist für einen knallharten Kurs bei der Prüfung der Lizenzkonformität seiner Kunden bekannt.

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    Die Münchener PCS GmbH, ein Hersteller von Produkten für Zeiterfassung und Zutrittskontrolle, hat bereits auf Oracles Lizenzänderung reagiert.

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Vorab eine gute Nachricht: Serverseitig sind Unternehmen, die Java unter IBM i ausführen, von diesem fragwürdigen Oracle-Gebaren absolut nicht betroffen. Der Grund ist einfach: IBM hat eine eigene Java-Version, die seit zehn Jahren mit IBM i ausgeliefert wird. Daher fallen für die Verwendung dieses Java unter IBM i weder zusätzliche Kosten an noch sind zusätzliche (Support-)Verträge erforderlich. Java unter IBM i wird über das JV1-Produkt bereitgestellt; die Unterstützung ist Teil der normalen Software-Wartungsvereinbarung (SWMA) von IBM.

Für weite Teile der übrigen IT-Welt hat dieser Schritt von Oracle gravierende Konsequenzen: Entweder muss auf Dauer eine ältere Java-Version genutzt werden (wie Apple es macht) oder auf andere Laufzeitumgebung als eine des Java-Eigentümers Oracle umgestellt werden – oder der IT-Chef beisst in den sauren Apfel und zahlt zähneknirschend die jetzt fälligen Lizenzgebühren für die populäre Programmiersprache, die bisher immer frei verfügbar und von der Java-Community supported war. Viele Anwendungen und Verfahren beruhen auf der in den 1990er Jahren von Sun Microsystems als freie und quelloffene Technologie entwickelten Software basieren. Fragen dazu beantwortet Oracle hier und auch hier.

Kostenlose Oracle-Alternative

Auch hier gibt es eine gute, aber auch zwei schlechte Nachrichten: Mit der Laufzeitumgebung OpenJDK gibt es eine kostenlose Oracle-Alternative aus der Open-Source-Welt, die absolut praxistauglich und weit verbreitet im Einsatz ist. Die erste schlechte Nachricht ist, dass die Umstellung von Oracles JDK auf OpenJDK mit Aufwand verbunden ist. Die zweite schlechte Nachricht ist, dass viele Softwarehersteller bei ihren Produkten auf das bisher ja kostenlose Oracles JDK aufsetzen, so dass der Kunde jetzt erstmals Lizenzgebühren an Oracle zahlen muss, falls diese Hersteller das nicht ändern.

Sind IT-Chefs weiter auf Patches und Bugfixes von Oracle für Fehlerkorrekturen und Sicherheitslücken angewiesen, werden sie künftig Geld für die kostenpflichtige Subskription von Oracle in die Hand nehmen müssen – Support durch die Community gibt es nicht mehr, weil Oracle nun Lizenz (früher kostenlos) und Support zusammengefasst hat.

Java auf den Clients

„Derzeit spüren wir eine große Verunsicherung im Markt, da den meisten Unternehmen völlig unklar ist, was auf Sie zukommt“, berichtet Christian Grave, Geschäftsführer der Prolicense GmbH und Experte für die Oracle-Lizenzierung. Denn wer „nur“ weiß auf welchem Rechner im eigenen Unternehmen Java in welcher Version ausgeführt wird, sei längst noch nicht aus dem Schneider. Vielmehr müsse darüber hinaus ermittelt werden, wer dann für die Lizenzierung zuständig ist, denn das ist nicht immer nur das eigene Unternehmen. Fehlt an dieser Stelle die Transparenz, läuft der IT-Chef Gefahr zu viel zu bezahlen.

Das gilt auch für IBM-i-Anwender, die in der Praxis zwei verschiedene Java-Umgebungen verwenden, denn zu dem serverseitigen Java unter IBM i kommt in der Regel noch Java auf Desktops oder Laptops hinzu. Java auf dem Smartphone ist kein Problem, denn Apple verwendet ganz bewusst die nicht betroffene alte Java-Version 6, während Google bei Android (und auch dem Browser Chrome ganz auf Java verzichtet – nicht zuletzt deshalb, weil man wegen Java seit 2010 von Oracle wegen Patentstreitigkeiten vor Gericht gezerrt werden; derzeit läuft dieses Verfahren vor dem Supreme Court, dem höchsten Gericht der USA.

Kein Problem: Java auf dem Smartphone

Wird Java auf Desktops oder Laptops verwendet, muss der IT-Chef die Java-Anforderungen der verwendeten Tools bzw. Anwendungen verstehen. Fast jeder IBM-i-Anwender setzt für den Hostzugriff die „Access Client Solutions“ (ACS) oder einen Terminalemulator ein; hier wird in der Regel Java in der Schnittstelle verwendet.

IBM beispielsweise unterstützt mit ACS Java 8 oder höher, könnte also von Oracles Umstellung betroffen sein. Es gibt aber unterschiedliche Optionen für die Konfiguration; eine Option besteht darin, ACS an einem Netzwerkspeicher so auszuführen, das IBM Java in dasselbe Verzeichnis wie die ACS-Laufzeitumgebung gestellt wird. ACS verwendet diese IBM-Java-Umgebung, so dass an Oracle keine Gebühren gezahlt werden müssen.

Populär ist auch die Software-Entwicklungsumgebung Rational Developer for i (RDi), die mit der Eclipse-Version von Java arbeitet. Da auch dies IBM Java ist, sind weder zusätzliche Produkte noch Wartungsverträge von Oracle erforderlich.

Viele andere Desktopanwendungen oder Tools nutzen aber Oracle Java – oft Java 8. Dann wäre es fahrlässig, auf die neuesten Updates und Sicherheitspatches zu verzichten, so dass der Abschluss eines Servicevertrag mit Oracle oder ein Wechsel der Laufzeitumgebung nötig wird. Wer derzeit die neueste Java-Version 11 verwenden kann, für den bleiben Service und Support unverändert.

Amazon beispielsweise hat deshalb jetzt Corretto 8 für AWS und andere Plattformen offiziell freigegeben. Corretto 8 ist ein Ersatz für OpenJDK 8 und soll Unterstützung bis mindestens 2023 erhalten. OpenJDK – eine Java-Laufzeitumgebung, die von der Open Source Community erstellt wird – ist ebenso eine weitere Alternative zu Oracles Java wie von IBM erstellte Eclipse-Version von Java, die auf OpenJDK basiert.

Die PCS GmbH hat bereits reagiert

Ein Hersteller, der bereits auf Oracles Lizenzänderung reagiert hat, ist die auch bei IBM-i-Anwendern mit ihren Produkten für Zeiterfassung und Zutrittskontrolle bekannte Münchener PCS GmbH. Sie nutzt Java in einigen Software-Produkten, unter anderem bei Dexicon Enterprise sowie bei Intus Com. Für den Betrieb dieser Software ist daher eine Java-Laufzeitumgebung notwendig, wobei bis Anfang 2018 ausschließlich Oracles Installationspaket für Windows-Rechner verwendet wurde.

Damit PCS-Kunden beim Einsatz der PCS-Software von Oracles Java-Lizenzmodell unabhängig werden, ist es jetzt mit den neuen Versionen der in Java programmierten Software möglich, die nun ebenfalls mitgelieferte OpenJDK-Bibliothek zu nutzen, auf deren Basis PCS nun die Laufzeitumgebung erstellt und alle bereitgestellten Funktionen entwickelt. Im Zusammenhang mit Java haben die PCS-Kunden daher folgende Handlungsoptionen:

  • Für die Software Dexicon Enterprise in der Version 5.0 gibt es einen Patch, nach dessen Installation es möglich ist, OpenJDK als Laufzeitumgebung auszuwählen.
  • Für Dexicon 4.5 wird ein Patch veröffentlicht, so dass auch in dieser Version die kostenfreie OpenJDK genutzt werden kann.
  • Nutzer früherer Dexicon-Versionen sollten entweder eine Java-Lizenz erwerben oder einen Umstieg auf die aktuelle Version erwägen.
  • Für die Terminalsoftware Intus Com soll die nächste Version das OpenJDK beinhalten.
  • Für die Software Intus Remote Conf gibt es ein Update mit OpenJDK.

Künftig will PCS sowohl Dexicon Enterprise als auch jede andere Software, die in Java erstellt wurde, zusätzlich auch mit OpenJDK ausliefern.

Übrigens: IBM bietet auch generell und nicht nur für IBM i eine eigene Alternative zu „Hotspot“, der Java-Virtual-Machine von Oracle – laut Rafael Ulrich „mit größerer Flexibilität bei der Lizenzierung, besserer Performance und typischerweise zu geringeren Kosten“. Ulrich, Business-Development-Manager beim Distributor Techdata, weist auch auf die Möglichkeit hin, nur die Menge von Servern und Desktops unter Support zu nehmen, für die dies auch tatsächlich benötigt wird. Dadurch können beträchtliche Kostenvorteile gegenüber dem Oracle- Support für Java SE entstehen. Zusätzlich bietet IBM neben der Java-Laufzeitumgebung auch das Produkt „Application Performance Monitoring“ (APM) an, um die Performance von Java zu überwachen.

Bildquelle: Prolicence GmbH, PCS

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