Der Hauptsitz von Ehrmann in Oberschönegg/Allgäu
Die 17m hohen Regalbediengeräte wurden über eine Dachöffnung in das Gebäude eingebracht.
Die Molkerei in Familienbesitz ist für die Allgäuer Milchbauern ein treuer Abnehmer. Die Lieferbeziehungen zu den zahlreichen Milchbetrieben bestehen im Durchschnitt seit 27 Jahren. Ähnlich loyal verhält sich Ehrmann gegenüber seinen Technologie-Partnern. Dennoch werden neue Investitionen an diverse Hersteller ausgeschrieben – und geben neuen Lieferanten eine Chance.
So war es auch 2018, als das Modernisieren und Erweitern der Logistikanlagen am Stammsitz Oberschönegg auf dem Plan stand. Obwohl die Bestandsanlage von anderen Anbietern stammte, ging der Gesamtauftrag an Kardex Mlog. „Das intelligente Umbaukonzept und die Technik von Kardex Mlog hatten uns überzeugt“, erinnert sich Dr. Manfred Grüneberg, Koordinator technische Projekte und Prozessoptimierung bei Ehrmann. Zudem war der neue Lieferant durch erfolgreiche andere Projekte bei anderen Kunden bekannt.
Der Auftrag umfasste nicht nur ein viergassiges Hochregallager (HRL) mit rund 6.000 Paletten-Stellplätzen, sondern auch ein umfangreiches Retrofit der Bestandsanlagen im laufenden Betrieb. Neun Regalbediengeräte (RBG) sollten komplett modernisiert werden. Gleiches galt für die Automatisierungssysteme der vorhandenen Fördertechnik.
Die Modernisierung der Bestandsanlagen war notwendig geworden, weil deren Steuerungstechnik veraltet und diverse Ersatzteile nicht mehr verfügbar waren. Das neue HRL sollte die Hilfs- und Betriebsstoffe aufnehmen, die bislang an anderen Orten bevorratet wurden. Abgerundet wurde das breit angelegte Projekt durch den Einbau neuer Sicherheitstechnik.
Nach einer zweimonatigen Planungs- und Vorbereitungsphase startete Kardex Mlog im Dezember 2018 zunächst mit der Modernisierung, die aufgrund der betrieblichen Abläufe und der voll ausgelasteten Fertigung ausschließlich an den Wochenenden durchgeführt werden durfte. Erschwerend kam hinzu, dass selbst an Samstagen und Sonntagen das Arbeiten nur in genau definierten Teilbereichen der Bestandsanlage möglich war. „Die Produktion hat bei Ehrmann absoluten Vorrang“, berichtet Uwe Gilke, der das Projekt gemeinsam mit Matthias Rogowski verantwortet hat. „Wir mussten anfangs erst das Vertrauen der Mitarbeiter gewinnen, dass nach unseren Wochenend-Schichten wieder alles reibungslos funktioniert.“
Die Retrofit-Maßnahmen betrafen vor allem die Steuerungstechnik der diversen Förderanlagen und des bestehenden Hochregallagers. Nach der Umstellung werden jetzt alle automatisierten Bereiche einheitlich durch speicherprogrammierbare Steuerungen (SPS) vom Typ Simatic S7-1500 dirigiert. „Jetzt arbeiten alle Lagerbereiche mit einem durchgängigen, einheitlichen Konzept, was auch die Bedienung wesentlich vereinfacht“, stellt Rogowski fest.
Neben der Ergonomie konnten aber auch die Anlagenverfügbarkeit und die Effizienz gesteigert werden: Bereits abgekündigte Baugruppen wurden durch moderne Komponenten ersetzt um langfristig eine hohe Ersatzteilverfügbarkeit mit kurzen Lieferzeiten zu sichern. Außerdem wurden neun RBGs aus dem Altbestand mit einer Energierückspeisung ausgestattet.
Völlig neu errichtet wurde eine automatische Förderanlage, um das ebenfalls neue HRL (Lager 4) mit dem direkt angrenzenden HRL (Lager 3) und dem manuell betriebenen Lager 2 zu verbinden. Auf drei Lagerebenen kommen hier rund 70 Fördermittel zum Einsatz, darunter Verteilwagen, Vertikalförderer, Scherenhubtische, Drei-Strang-Kettenförderer, Rollenförderer und Eckumsetzer. Auch die Feuerschutzabschlüsse und Schnelllauftore wurden von dem in Neuenstadt beheimatete Logistikexperten geliefert.
Das nahtlose Integrieren der neuen Förderstrecken in die komplexen Strukturen mit Notfallstrategien und Bypassfunktionen gehörte zu den Herausforderungen des anspruchsvollen Projektes. Schließlich musste der gesamte Materialfluss angepasst – und es mussten Schnittstellen zum Lagerverwaltungssystem von Ehrmann geschaffen werden. Aber der Aufwand hat sich gelohnt. „Durch die neue automatische Förderanlage konnte nicht zuletzt auch ein großer Teil des Staplerverkehrs zwischen Lager 2 und 3 eingespart werden“, erklärt Projektleiter Rogowski.
Nach dem erfolgreichen Abschluss der Modernisierung begann Kardex Mlog im März 2019 mit dem Bau des viergassigen HRL. Das 70m lange, 32m breite und 20m hohe Gebäude bietet Platz für 6.000 Europaletten beziehungsweise 3.980 Industriepaletten, die doppelttief gelagert werden können. Bewegt werden sie durch vier RBGs vom Typ M Single A-1200, die jeweils 24 Doppelspiele pro Stunde ermöglichen. Die 17m hohen Geräte wurden über eine Dachöffnung in das Gebäude eingebracht. Die Befehle zum Ein- und Auslagern empfangen die Maschinen von einem kundenseitigen Lagerverwaltungsrechner.
Noch während der Bauphase entschied Ehrmann, dass mit den neuen Lagerkapazitäten nicht nur Hilfs- und Betriebsstoffe, sondern auch Fertigprodukte bevorratet werden sollten. „Diese erweiterte Nutzung als Kühllager stellte für die Technik kein Problem dar“, betont Rogowski, der sich während der gesamten Bauzeit eng mit Auftraggebern und Projektpartnern abgestimmt hatte. „Wir haben die Projektanforderungen mehrmals geändert, was von Kardex Mlog immer kurzfristig und problemlos umgesetzt wurde“, bestätigt Dr. Grüneberg.
Dank der umfassenden Retrofit- und Erweiterungsmaßnahmen profitiert Ehrmann nun von einer hohen Anlagenverfügbarkeit und einer durchgängigen und transparenten Steuerungsstruktur. Zugleich wurde der Materialflusses optimiert und um weitere Komponenten ergänzt. Das neu entstandene HRL kann flexibel als Lager für Hilfs- und Betriebsstoffe, Verpackungsmaterial sowie für Fertigwaren genutzt werden.
Andere Baustelle: Die strategische Ausrichtung der IT und die damit verbundene Homogenisierung der Infrastruktur bewegte Ehrmann im vergangenen Jahr dazu, auch bei der SAP-Umgebung einen Wechsel einzuleiten. Die insgesamt 24 Systeminstanzen wurden bisher sehr verlässlich auf der Plattform IBM i betrieben.
Im August 2020 startete das Projekt des Datenbankwechsels auf Hana, das gemeinsam mit dem langjährigen Partner Blue Stec aus Lüneburg bis ins Detail durchgeplant hat und ohne Zwischenfälle umgesetzt werden konnte. „Es lief so gut, dass wir die einzelnen Migrationen im Zeitplan regelmäßig vorziehen konnten“, berichtet Johann Neuhäusler, Teamleiter SAP-Basis bei Ehrmann. Über die gesamte Projektlaufzeit sah man sich darin bestätigt, mit diesem Zwischenschritt bei der Migration auf SAP Suite on Hana genau auf die richtige Strategie gesetzt zu haben.
Das Projekt konnte bereits im Dezember 2020 erfolgreich abgeschlossen werden. Seither profitiert Ehrmann nicht nur von den Vorteilen einer homogenen Betriebsumgebung, sondern ist auch systemseitig bereit, jederzeit auf S/4 Hana transformieren zu können.
Das inhabergeführte Familienunternehmen Ehrmann mit Sitz in Oberschönegg im Allgäu ist eine der größten Molkereien in Deutschland und international mit sechs Produktionsbetrieben und Vertriebsniederlassungen vertreten. Die 1920 gegründete Firma, die heute Joghurts, Puddings und Quarkspeisen in über 70 Ländern der Welt verkauft, erwirtschaftete 2020 mit mehr als 2.400 Mitarbeitern einen Umsatz von 750 Mio. Euro.
Bildquelle: Ehrmann / Kardex Mlog