Gründungsinvestor Golden Gate Capital verabschiedet sich

Koch Industries kauft Infor ganz

Dass Großkonzerne ihre Software – zumindest für wichtige Anwendungsfelder – selbst entwickeln, ist nicht ungewöhnlich. Dass diese Konzerne sich dafür eine eigene Software-Tochter leisten oder sich an einem Softwarehaus „strategisch“ beteiligen, ist ebenfalls gang und gäbe. Dass aber Koch Industries seinen Software-Lieferanten Infor kauft, ist bemerkenswert, denn es handelt sich um einen der weltweit größten Softwarekonzerne mit 3,2 Mrd. Dollar Jahresumsatz, rund 17.300 Angestellten und über 68.000 Kunden in mehr als 170 Ländern.

  • Infor-CEO Kevin Samuelson

    Der seit August amtierende Infor-CEO Kevin Samuelson

  • Der 2010 als CEO zu Infor gestoßene Charles Phillips ist nun Vorsitzer des Board of Directors.

Koch Industries, einer der größten Kunden von Infor, war Anfang 2017 bei seinem Softwarelieferanten eingestiegen, um sich Hilfe bei der Umsetzung seiner Digitalisierungsstrategie und bei der Modernisierung seiner IT-Systeme zu sichern. Jetzt wird Koch Equity Development LLC, die Investment- und Akquisitionstochter von Koch Industries, auch die restlichen, von Golden Gate Capital gehaltenen Anteile an Infor kaufen. Nach Abschluss dieser Transaktion wird Infor zu einer eigenständigen Tochtergesellschaft von Koch Industries.

Die Transaktion unterliegt den üblichen Bedingungen und behördlichen Genehmigungen und wird voraussichtlich in der ersten Hälfte des Jahres 2020 abgeschlossen werden. Angesichts der Marktmacht der Infor-Rivalen SAP, Oracle und Microsoft ist kaum mit Hürden aus dieser Richtung zu rechnen.

Die finanziellen Bedingungen der Transaktion wurden nicht bekannt gegeben. Nur soviel ist klar: Der Investor Summit Partners, der durch die Lawson-Übernahme 2012 ins Boot kam und 2016 noch dabei war, ist mittlerweile ausgestiegen. Wieviel konkret bezahlt wird, bleibt offen. Marktkenner beziffern den Wert von Infor mit 13 Mrd. Dollar – und taxieren die Beteiligung von Koch nach zwei milliardenschweren Investitionsrunden auf derzeit 70 Prozent.

Managementteam 2019 neu formiert

„Das derzeitige Managementteam von Infor wird nach wie vor vom Hauptsitz in New York City aus die Geschäfte leiten“, heißt es. Allerdings wurde das Managementteam letztes Jahr fast komplett geändert. Einige der wichtigsten Führungskräfte sind seither anderswo tätig; außerdem trat Charles Phillips als CEO zurück und wurde durch den damaligen Finanzchef Kevin Samuelson ersetzt.

Wie es in der Presseinformation heißt, will Koch mit „seiner starken Bilanz und einem AA-Kreditrating“ Infor schnellstmöglich als eines der bestkapitalisierten Technologieunternehmen positionieren. Die Konzern-Töchter hätten in den vergangenen sechs Jahren bereits Tech-Investitionen in Höhe von 26 Mrd. Dollar getätigt und so eine Reihe von Firmen aus zahlreichen Branchen weltweit transformiert. Offenbar sind die Pläne für einen Börsengang von Infor endgültig vom Tisch.

„Als Tochtergesellschaft eines Unternehmens mit einem Umsatz von über 110 Mrd. Dollar, das 90 Prozent der Gewinne wieder in seine Geschäftsbereiche investiert, werden wir in der einzigartigen Lage sein, die digitale Transformation in den von uns bedienten Märkten voranzutreiben“, sagt der seit August amtierende CEO Samuelson. „Wir werden unsere branchenspezifischen Cloud-Suites weiter rasch ausbauen und unseren Kunden noch bessere Erfahrungen und Ergebnisse anbieten, die weit über den heutigen Standard für Business-Software hinausgehen.“

Das ist allerdings trotz aller unbestreitbaren Fortschritte bei der Weiterentwicklung der Produkte leichter gesagt als getan, denn der Großteil der Kunden nutzt alternde Branchensoftware des 2002 gegründeten und durch zahlreiche Übernahmen gewachsenen Herstellers nach wie vor On Premises. Ein Großteil der Installationsbasis wird in Branchen betrieben, in denen das Geschäft kompliziert ist und der Schritt von A nach B alles andere als einfach ist. Man denke nur an Brain, BPCS (heute Infor LX), Xpert (früher XPPS) oder Oldies wie Ratioplan, MAS90 und Mapics.

Software als disruptive Schicht

„Software ist nicht länger nur eine Branche wie andere auch, sondern wirkt wie eine disruptive ‚Schicht‘, die jeden Aspekt unserer Gesellschaft verändert“, glaubt Jim Hannan, Executive Vice President und CEO of Enterprises bei Koch Industries. „Als globales Unternehmen, das mehrere Branchen in 60 Ländern abdeckt, verfügt Koch über die Ressourcen, das Wissen und die Beziehungen, um Infor bei der weiteren Expansion seiner transformativen Fähigkeiten zu unterstützen.“ Das wird auch nötig sein.

Infor hat nach eigenen Angaben rund 4 Mrd. Dollar in Produktdesign und -entwicklung investiert, um die erwähnten branchenspezifischen Cloud-Suites bereitzustellen, wobei als Schlüsselindustrien die Fertigung, die Distribution, das Gesundheitswesen, der Einzelhandel, das Hotel- und Gastgewerbe sowie der öffentlicher Sektor angeführt werden. Nach Firmenangaben hat Koch bisher ebenfalls 4 Mrd. Dollar in Infor investiert.

„Golden Gate Capital hat Infor vor 18 Jahren aus der Wiege gehoben und mit aufgebaut“, sagt David Dominik, Mitbegründer von Golden Gate Capital. „Wir verkaufen unseren verbleibenden Anteil an Koch Industries, unserem Partner bei Infor in den letzten drei Jahren, da zwischen Koch und Infor ein großer strategischer Wert entstanden ist.“ Auf diesen Wert dürfen knapp 70.000 Kunden hoffen.

Bildquelle: Infor

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