Laura Loredo, bei HPE für LTO-Bandspeicher verantwortlich:

„Kostenführer bei Backups soll Tape bleiben!“

Nach dem Launch der 9. Generation des Tape-Standards „Linear Tape Open“ (LTO) im September sprachen wir mit Laura Loredo über die Einschränkungen gegenüber der eigentlich geplanten Roadmap. Die Produktmanagerin für LTO-Bandspeicher bei HPE ist auch Mitglied im Marketing-Team des LTO-Konsortiums.

Laura Loredo, Produktmanagerin für LTO-Bandspeicher bei HPE

Laura Loredo, Produktmanagerin für LTO-Bandspeicher bei HPE: „Es gibt noch sehr viel Raum für Kapazitäts­steigerungen, weil anders als bei der Festplatte die Speicherdichte bei Tape noch längst nicht ausgereizt ist. “

Das Konsortium „Linear Tape Open“ kann die 1998 beim Launch des hersteller­unabhängigen Magnetbandstandards LTO / Ultrium gegebenen Versprechen nicht mehr einhalten. Die lauteten so: Alle zwei Jahre soll es eine neue Generation von Produkten geben, bei denen die Bandkapazität verdoppelt und die Datentransferrate ebenfalls verdoppelt oder zumindest um 50 Prozent erhöht ist. Und weiter: Laufwerke können auch Bänder der vorigen Generation verarbeiten und Bänder der vorletzten Generation noch lesen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11-12/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Liegt das Timing von drei Jahren für den Wechsel auf die 9. Generation durchaus noch im Rahmen, kann von einer Verdopplung der Kapazität nicht die Rede sein, denn eine LTO9-­Kassette speichert nur 18 Terabyte statt der eigentlich erwarteten 24 TB. Die Datenrate wurde gar nicht spezifiziert; bei den ersten angekündigten Produkten ist sie nur um gut zehn Prozent verbessert – und die können nur ­Bänder der Generationen 8 und 9 verarbeiten. Das war auch schon bei LTO8 ein Thema, denn diese Laufwerke konnten LTO6-Bänder nicht mehr lesen.

Erschwerend kommt hinzu: Herstellerunabhängig kann man die ­Technologie kaum noch nennen, gibt es doch mit IBM nur noch einen Hersteller für LTO-Laufwerke und mit Sony und Fujifilm zwei für die Ultrium-­Kassetten. Zu diesen Themen befragten wir Laura Loredo, die bei HPE als World Wide Product Manager für LTO-Bandspeicher verantwortlich zeichnet und im Storage-Entwicklungslabor des Hersteller in Bristol arbeitet. Sie ist außerdem Mitglied im Marketing-Team des LTO-Konsortiums, zu dessen Gründungsmitgliedern HPE zählt.

Frau Loredo, warum wurde die Kapazität der LTO9-Cardridge von 24 auf 18 Terabyte reduziert?
Laura Loredo
: Das geschah nicht, weil wir diese Kassetten nicht produzieren könnten. Es gibt noch sehr viel Raum für Kapazitätssteigerungen, weil anders als bei der Festplatte die Speicherdichte bei Tape noch längst nicht ausgereizt ist. IBM und Fujifilm haben im Labor ja schon 2017 unter Beweis gestellt, dass auf Magnetband-Datenträgern eine Speicherdichte von 201 Gigabits pro Quadratzoll möglich ist.
Mit dieser heute vorhandenen Technologie, dem sogenannten „Sputtered Magnetic Tape“, könnten wir Kassetten mit 330 Terabyte produzieren. Die Frage ist aber: Wer braucht das – und wer will das bezahlen? Im Produktmarketing spielen neben der Technologie noch viele andere Faktoren eine Rolle, vor allen das Timing und der Preis, aber auch die Nachfrage. Hier galt es abzuwägen: Bieten wir jetzt eine Kassette mit 18 TB an – oder entwickeln wir noch einige Zeit weiter, bis die 24 TB produktreif sind.
Wir wollten angesichts der rasant wachsenden Datenvolumina in den Unternehmen und wegen der zunehmenden Bedrohung durch Ransomware genau jetzt eine leistungsfähigere Lösung anbieten. Deshalb haben wir uns für die 18 TB in Generation 9 entschieden. Ab LTO10 werden wir dann wieder die Kapazität verdoppeln, im ersten Schritt auf bis zu 36 TB, dann auf 72 TB und mit LTO12 auf 144 TB.

Ist die Verdopplung der Kapazität alle zwei bis drei Jahre überhaupt noch realistisch?
Loredo
: Absolut! Für LTO10 sind konkret 36 TB geplant. Bei den folgenden Generationen streben wir ebenfalls eine Verdopplung der Kapazitäten an, doch über die konkreten Spezifikationen wird zu gegebener Zeit entschieden. Wie gesagt spielen dabei auch Parameter wie Pricing und Nachfrage eine entscheidende Rolle.

Können Sie uns weitere Details der Spezifikationen mitteilen, wie zum Beispiel die Datenrate?
Loredo
: Leider nicht. Die optimalen Transferraten werden aktuell noch ausgetestet. Was aber schon feststeht: LTO9 wird auch ein SAS-Interface mit 12 Gbit/s unterstützen.

Quantum als erster Hersteller, der LTO9-Produkte angekündigt hat, nennt als Datenrate 400 MB/s. Können wir mit einer Spezifikation in dieser Größenordnung rechnen, also mit einem Plus von ca. zehn Prozent gegenüber LTO8?
Loredo
: Ja, diese Datenrate ist für LTO9-Laufwerke in voller Bauhöhe realistisch. Jeder LTO-Hersteller baut das von IBM gelieferte OEM-Gerät so um, dass er Alleinstellungsmerkmale am Markt hat. Zu diesen Merkmalen zählen zum Beispiel Schnittellen und Datenraten, aber auch Bibliotheken mit intelligenter Managementsoftware. Das sind dann aber Themen außerhalb des LTO-Standards.
Uns ist absolut klar, dass bei den Transferraten vergleichbare Leistungszuwächse wie bei den Kapazitäten erwartet werden. Daran arbeiten wir in den kommenden Genera­tionen verstärkt. Allerdings sind wir mit unseren heutigen Datenraten durchaus zufrieden, denn Tape ist heute schneller als Disk. Bei Kapazität und Transferrate müssen wir aber immer auch den Preis im Hinterkopf behalten, der dafür zu zahlen wäre. Für attraktiven Preis mussten wir hier Kompromisse machen, auch mit Blick auf die Skalierbarkeit von Bandbibliotheken bis weit in den Petabyte-Bereich. Es gibt in Zukunft vermutlich weniger Bibliotheken mit weniger Laufwerken, doch der Umfang auf Tape gespeicherter Daten wird weiter stark zunehmen.
Unser Hauptziel ist es ja, die Position von Tape als mit Abstand kosten­günstigste Alternative für Backup und Archivierung zu stärken. Und gerade in Zeiten von Ransomware und Cybercrime erlebt Tape eine Renaissance als „last line of defense“ gemäß der 3-2-1-1-Regel für Backups: Es sollten drei Kopien der Daten existieren, auf zwei unterschiedlichen Datenträgern – davon eine offline und eine an einem anderen Ort. Wir sprechen vom „Air gap“, das Cyberkriminellen den Zugriff auf Daten­sicherung und Archiv erschwert.

Eigentlich sollte ein LTO8-Laufwerk auch LTO6-Medien lesen können. Warum ist das nicht möglich?
Loredo
: Das hat technische Gründe, denn die Datenspuren auf dem Band sind zu schmal geworden. Die Aufzeichnungsspuren auf dem LTO6-Band sind schlicht und ergreifend zu breit für einen LTO8-Schreib/Lesekopf. Wir hätten natürlich einen zusätzlichen Lesekopf für LTO6-Bänder einbauen können, haben uns aber aus wirtschaftlichen und technischen Gründen da­gegen entschieden. Diese Entscheidung hat auch für die Zukunft Bestand: Wir versprechen ab sofort einzig und allein Schreib/Lese-Kompatibilität für eine Generation zurück. Die Lesekompatibilität über zwei Generationen wollen wir uns nicht mehr leisten. Das gilt auch für LTO9.

Frau Loredo, vielen Dank für das Interview!

©2021Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok