Managed-Infrastructure-Geschäft der IBM auf Schrumpfkurs

Kyndryl allein zu Haus

Agil ist anders! Der Start von Kyndryl erfolgt schleppend, verglichen beispielsweise mit der Abspaltung der ähnlich großen LKW-Sparte vom Daimler-Konzern. Die wurde Ende September angekündigt und soll schon Anfang 2022 über die Bühne sein. IBM dagegen hat den Spin-Off des Geschäftes mit Infrastrukturservices im Oktober 2020 angekündigt. Erst seit Anfang September agiert das kryptisch Kyndryl getaufte Spin-Off als eigenes Unternehmen; es soll ebenfalls bis Ende des Jahres endgültig von IBM abgenabelt sein und an die Börse gebracht werden.

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Ungewisse Zukunft – wolkige Marktaussichten

Seit dem 1. September agieren IBM und die bisherige Service-Sparte Kyndryl auch in Deutschland eigenständig am Markt. Die Ziele sind hoch gesteckt: Weltweit wollen beide Firmen Marktführer werden. Ob das gelingt, wird spannend zu beobachten sein.

Begründete Skepsis

Skeptiker bezweifeln das, weil der IBM quasi das Herz herausgerissen wird (ehemaliger Werbeslogan: „IBM means Service“) und weil es Kyndryl auf der anderen Seite schwer fallen dürfte, sich mit einem 60 Mrd. Dollar schweren Auftragsbestand (von IBM-Kunden) und einer rund 90.000 Köpfe starken Belegschaft (die sich überwiegend aus dem ehemaligen Mutterhaus rekrutiert) als herstellerunabhängig zu positionieren und vor allem Neugeschäft in fremden IT-Welten zu kreieren. Ob Kyndryl künftig etablierten Rivalen wie Atos, DXC, Fujitsu, Infosys, NTT Data, Rackspace, Tata Consultancy Services oder Wipro ernsthaft paroli bieten kann?

Anders als bei IBM macht Daimlers Aufspaltung nicht nur Sinn wegen der Hoffnung auf eine Steigerung des Börsenkurses (und damit des Gesamtwertes von Mutter und Spin-Off), sondern auch, weil in der Transformation der Fahrzeugindustrie – anders als in der IT – auf unterschiedliche Technologien gesetzt wird: PKW-Hersteller sehen die Zukunft in batteriebetriebenen Elektroautos, im Lastwagen-Geschäft dagegen spielt die Brennstoffzelle eine große Rolle.

Zu den Skeptikern bezüglich der Kyndryl-Zukunft gehören in Deutschland offenbar auch viele Insider aus IBM-Belegschaft. Zu Kyndryls Kompetenzen gehört zwar neben dem Betrieb von IBM-Systemen auch der von IT-Infrastruktur und Anwendungen (wie beispielsweise SAP oder Oracle) sowie das Erbringen von Services rund um die Cloud und Workplaces, Cyber-Security und Resiliency. Doch das überzeugt viele eigene Mitarbeiter offenbar nicht: Nach Informationen der Wirtschaftswoche waren zum 1. September nur rund 1.300 Beschäftigte (statt wie geplant 2.500) von IBM Deutschland in die neue Gesellschaft gewechselt.

Bei IBM verbleiben demnach 6.500 Beschäftigte; deren Zahl sollte bis 2022 laut Aussagen aus Arbeitnehmerkreisen ursprünglich auf 5.000 Mitarbeiter fallen. Gewerkschafter befürchten, dass nach der Aufspaltung von IBM nur ein „Trümmerhaufen“ übrig bleibt. Immerhin waren bei IBM Deutschland vor der Aufspaltung noch 10.000 Menschen beschäftigt.

Beim Unternehmen Kyndryl Deutschland mit Hauptsitz in Kelsterbach, das über verschiedene Niederlassungen verteilt arbeitet, soll der neue Präsident Markus Koerner den Negativtrend stoppen. Er kennt das Geschäft aus dem Effeff, hat er doch seit Juni 2019 als Mitglied der Geschäftsführung von IBM Deutschland den Bereich „Global Technology Services“ (GTS) in der DACH-Region geleitet. Unterstützt wird er von den Kommunikationsstrategen Annette Fassnacht und Stefan Pfeiffer, die beide von IBM kommen und eng mit dem Marketing zusammen arbeiten wollen. Dort treffen sie auf viele alte Bekannte – wie den neuen Deutschland-CMO Markus Lyschik.

Rückläufige Umsätze, große Verluste

Wasser auf die Mühlen der Skeptiker war ein Dokument mit Informationen zum geplanten Spin-Off, das IBM bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht hat. Demnach liefen die Kyndryl-Geschäfte zuletzt nicht gut: Der Jahresumsatz schrumpfte von 21,8 Mrd. Dollar im Jahr 2018 über 20,3 Mrd. Dollar auf 19,35 Mrd. Dollar im vergangenen Jahr. Anders als die LKW-Sparte von Daimler operiert Kyndryl tief in den roten Zahlen: 2019 resultierte laut SEC-Dokument ein Nettoverlust von knapp einer Milliarde Dollar, 2020 war er schon doppelt so hoch. Das Jahr 2020 wurde mit 4.400 Kunden beendet; das waren 200 weniger als Ende 2019. Der Kundenverlust war vorher noch größer, denn Ende 2018 hatte dieser IBM-Bereich noch 5.100 Kunden.

Auch im laufenden Jahr ist Kyndryl laut SEC-Bericht alles andere als gut unterwegs: Der Reinverlust in der ersten Jahreshälfte betrug 887 Mio. Dollar, bei einem Umsatz von 9,52 Mrd. Dollar. Und: Man startet mit 1 Mrd. Dollar Nettoschulden in die Selbständigkeit. 

Ob die neuen Verantwortlichen das Steuer bei Kyndryl aber herumreissen, diesen Schrumpfkurs stoppen und in die Gewinnzone kommen, ist abzuwarten. Die Hoffnung bleibt, dass man – auch wenn die Verbindung mit IBM eng bleiben soll – als lupenreiner und unabhängiger IT-Dienstleister flexibler und schneller auf Markttrends und neue Geschäftschancen reagieren kann, als bisher als Teil von „Big Blue“. Hoffnung macht, dass die Rating-Agentur Moody's den Erstemittenten Kyndryl langfristig mit Baa2 (also als durchschnittlich gute Anlage) bewertet – und den Ausblick „stabil“ nennt.

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