Ricoh schließt Übernahme von Docuware ab

Max Ertl: „Ändern soll sich gar nichts!“

Ricoh hat mittlerweile den Abschluss der am 2. Juli angekündigten Übernahme von Docuware bekanntgegeben. Es scheint also alles zügig und wie geplant zu laufen. Über die Details der Verkaufsgespräche und die neuen Ziele sprachen wir mit Geschäftsführer Max Ertl.

Max Ertl ist seit Jahresbeginn als neuer Docuware-Vorstand für Vertrieb und Marketing verantwortlich.

Ricohs Europa-Chef David Mills will nach dieser Akquisition seinen Kunden „noch mehr Gestaltungsspielraum“ geben und zusätzliche Kompetenzen anbieten. Die Akquisition sei Teil der Ricoh-Strategie, das Lösungsangebot für die Digitalisierung des Arbeitsplatzes auszubauen. Docuware werde als Tochterfirma mit den bisherigen Geschäftsführern Dr. Michael Berger und Max Ertl auftreten. Darüber hinaus setze sich Ricoh für das Wachstum und den Ausbau von Docuware über alle aktuellen und zukünftigen Vertriebskanäle hinweg ein.

1988 in Germering (Deutschland) als Docunet gegründet, wurde das Softwarehaus im Jahr 2000 in Docuware umbenannt und agiert heute mit den beiden Firmenzentralen in Germering und New Windsor (New York, USA) sowie Niederlassungen in Spanien, Frankreich und Großbritannien. Die On-Premise und in der Cloud nutzbare ECM-Software wird über ein Netzwerk von rund 600 Partnern verkauft, dem Ricoh auch bisher schon angehörte. Partner wie Steigauf haben Schnittstellen zur Plattform IBM i geschaffen, die bei vielen Kunden im Einsatz sind.

Der neue Eigentümer – auch Partner und Kunde von Docuware

Ricoh, bereits seit Jahren Docuware-Partner, vertreibt die ECM-Software nicht nur, sondern setzt sie auch selbst ein. Ricoh hatte 2007 die Druckersparte Infoprint von IBM übernommen und betreut seither auch viele IBM-Kunden. Docuware lässt sich über die Ricoh-Smart-Integration bereits jetzt mit den neuen Multifunktionssystemen der IM-C-Serie verbinden. Kunden können dadurch Dokumente einfach und sicher digitalisieren und direkt in einen Workflow einspielen.

Bisher inhabergeführt, waren an Docuware außer den beiden Firmengründern Jürgen Biffar und Thomas Schneck auch zwei strategische Investoren mit jeweils rund 20 Prozent an dem Unternehmen beteiligt: Der langjährige Partner Nemetschek Software und die Bank Morgan Stanley. Als Biffar und Schneck im Oktober ihren Rückzug aus der Geschäftsführung ankündigten und diese zu Jahresbeginn an die langjährigen Manager Berger und Ertl übergaben, war auch direkt klar, dass sie ihr Unternehmen verkaufen würden. Über die Details der Verkaufsgespräche und die neuen Ziele sprachen wir mit Geschäftsführer Max Ertl, der wie auch Berger persönlich in die Verkaufsverhandlungen involviert war.

Herr Ertl, haben sich die Wellen nach der Übernahmemeldung schon wieder gelegt? Oder herrscht immer noch Aufregung?

Max Ertl: Es gab gar keine hohen Wellen, weil wir das Thema ja schon seit dem vergangenen Herbst sehr offensiv kommuniziert haben. Deshalb waren unsere Mitarbeiter und Partner über die Übernahmeverhandlungen informiert. Die Übernahme kam also nicht überraschend. Die einzige News war der Name des Käufers.

Natürlich erzeugt der Eigentümerwechsel, wie jede Veränderung, auch Unsicherheit. Natürlich gibt es noch ungeklärte Details. Und natürlich kennt man viele Horror-Stories über gescheiterte Übernahmen. Diese Unsicherheit haben wir aber durch offene Kommunikation und eine klare Strategie bei den Verkaufsverhandlungen so klein wie möglich gehalten.

Wie zu hören war, gab es ja viele Interessenten. Demzufolge können die Firmengründer ja sicherlich mit dem Verkaufserlös zufrieden sein und ihren Lebensabend komfortabel gestalten, oder?

Ertl: Den Kaufpreis wollen wir nicht kommunizieren. Aber sie können sicher sein, dass alle beteiligten Parteien damit sehr zufrieden sind.

War der Verkaufspreis das ausschlaggebende Argument für den Verkauf an Ricoh?

Ertl: Ausschlaggebend für die Wahl des Käufers war, dass die bisherigen Eigentümer den Erhalt des Unternehmens und die Fortführung der in den letzten Jahren erarbeiteten Strategie sicherstellen wollten. Das wurde auch mit Ricoh so vereinbart. Es sind also weder Reorganisationen noch Änderungen unserer erfolgreichen Produkt- und Vertriebsstrategie zu erwarten.

Wie konnten die Firmengründer die übrigen Aktionäre – Nemetschek (22,4 Prozent) und Morgan Stanley (20 Prozent) – davon überzeugen?

Ertl: Nemetschek und Morgan Stanley mussten gar nicht überzeugt werden, denn beide fanden unsere Idee genial, so dass Ricoh nun hundertprozentiger Eigentümer von Docuware ist. Nemetschek war ja übrigens nicht nur am Unternehmen beteiligt, sondern verkauft ja auch unsere Produkte – und das wird sich nicht ändern.

Haben Sie nicht die Befürchtungen, das Docuware in den Strudel der regelmäßigen Umstrukturierungen bei Ricoh mit hineingerissen werden könnte? Das war ja in der Vergangenheit für die Ricoh-Mitarbeiter und Partner alles andere als einfach...

Ertl: Sie werden verstehen, dass ich zu Ricoh-Interna nichts sagen kann.

Was gibt Ihnen denn die Sicherheit, das Docuware von Reorganisationen bei Ricoh nicht betroffen sein wird?

Ertl: Wir sind eine eigenständige Tochter – und es gibt auch keinen Plan, das in den nächsten Jahren zu ändern. Klar: Eine absolute Sicherheit gibt es nicht. Aber das ist unabhängig vom Eigentümer. Wenn wir bei Docuware erfolgreich weiterarbeiten, ist alles gut. Sollten wir unsere Ziele nicht erreichen, werden wir darauf reagieren müssen. Aber das versteht sich von selbst und hat überhaupt nichts mit dem neuen Eigentümer zu tun.

Wird Ricoh zusätzliche Ressourcen – z.B. Entwickler oder Geld – für die Entwicklung der Docuware-Produkte bereitstellen?

Ertl: Wir haben die Zusage, dass wir unseren Business-Plan wie gedacht umsetzen können. Wenn wir Chancen sehen, mehr zu schaffen als bisher aus eigener Kraft möglich war, werden wir einen neuen Business-Plan erstellen. Es gibt durchaus die Bereitschaft bei Ricoh, dann in diese Projekte zu investieren, falls das Sinn macht. Allerdings gibt es hier noch keine konkreten Vorhaben; dafür ist es einfach noch zu früh.

Was ändert sich dann – außer den Eigentumsverhältnissen?

Ertl: Nichts – weder für unsere Kunden noch für unsere Partner und Belegschaft! Einzig und allein für zwei Docuware-Mitarbeiter ändert sich etwas: Für Dr. Berger und mich. Wir beide bekommen neue Chefs. Für alle anderen ändert sich gar nichts.

Herr Ertl, vielen Dank für das Interview!

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