Neuer CEO, altbekannte Verhaltensmuster

Nächste Entlassungswelle bei IBM

Kaum ist der neue CEO bei IBM im Amt, stehen offenbar die nächsten Massenentlassungen ins Haus. Das berichten jedenfalls übereinstimmend die Nachrichtenagentur Bloomberg und das Wallstreet Journal. Wie viele IBMer gehen müssen, ist noch nicht klar; es dürfte aber um zigtausend Stellen gehen. Ende vergangenen Jahres hatte IBM – inklusive Red Hat – noch gut 352.000 Menschen beschäftigt.

Arvind Krishna, IBM

Der neue CEO namens Arvind Krishna, seit Anfang April in Amt und Würden.

Wie das Online-Portal „The Layoff“ meldet, sollen allein in USA 20.000 Entlassungen bei IBM im Raume stehen. Das wären 40 Prozent der US-Belegschaft – ein Kahlschlag, denn Ende 2019 beschäftigte der IT-Konzern in den USA nur noch rund 50.000 Mitarbeiter. Nach Gewerkschaftsangaben waren es im Jahr 1986 einmal 237.000 Mitarbeiter gewesen.

Auch in Deutschland hat IBM über die Jahre massiv Personal abgebaut; arbeiteten 2005 in Deutschland noch 25.000 Menschen für den einstmals „Big Blue“ genannten Konzern, waren es nach Angaben der Gewerkschaft Verdi im letzten Herbst nicht einmal mehr halb so viele – insgesamt nur noch rund 12.000 Beschäftigte.

Dabei lehrt die Geschichte, dass die Entlassung während einer Wirtschaftskrise ein großer Fehler ist. IBM, damals noch ein gut geführtes, aufstrebendes und keineswegs marktbeherrschendes Unternehmen, hat es in der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren selbst vorgemacht, denn der CEO Thomas Watson widerstand in den schlimmsten Zeiten tapfer dem Druck, Personal zu entlassen – und investierte stattdessen vielmehr in die Aus- und Weiterbildung seiner Belegschaft, die dafür mangels Arbeit ja viel Zeit hatte. Der Lohn für diesen Unternehmermut: Nach der Krise schaffte IBM ein explosives Wachstum.

Jobs und die Corona-Krise

Die Entlassungsstrategien anlässlich der Corona-Krise divergieren stark. PwC veröffentlichte im April eine Umfrage, aus der hervorgeht, dass 28 Prozent der Unternehmen damit rechnen, im Arbeitnehmer entlassen zu müssen. Das Weiße Haus sagte, dass die Arbeitslosigkeit bis Juni 20 Prozent erreichen könnte. Seit der Zuspitzung der Krise Mitte März haben in den Vereinigten Staaten mehr als 36 Millionen Menschen ihren Job verloren. In der IT-Branche haben Newcomer wie Uber oder AirBNB, aber auch HPE Massenentlassungen angekündigt; Dell setzte mehrere freiwillige Personalleistungen („Benfits") aus.

Das muss aber nicht sein, gerade auch nicht in der IT-Branche, die dank forcierter Digitalisierungsprojekte sogar zu den Profiteuren der Krise gehören könnte. Folgerichtig wandeln einige große Technologieunternehmen – z.B. Cisco, Nvidia oder Service Now – auf Watsons Spuren und haben versprochen, Entlassungen zu vermeiden. Einige geben sogar Gehaltserhöhungen. Microsoft sieht die Krise sogar als Chance und will sich unentbehrlich machen.

IBM jedoch hat offenbar die eigene Geschichte vergessen. Watsons Wette hätte IBM zerstören können, doch Watson hat sein Unternehmen im Gegenteil zu einer fast 50 Jahre währenden Marktführerschaft in seiner Branche geführt. Doch diese glorreichen Zeiten sind längst passé.

CEO Arvind Krishna auf Romettys Spuren

Der neue CEO namens Arvind Krishna, der das Amt erst Anfang April angetreten hat, folgt dem strikt auf den kurzfristigen Erfolg an der Börse ausgerichteten Strategie seiner Vorgängerin Ginni Rometty und will jetzt laut Wall Street Journal eine noch unbekannte Anzahl von Arbeitsplätzen abbauen, um seinem Unternehmen mehr Agilität zu verschaffen. Die Entlassungen seien aber vor dem Hintergrund einer großen wirtschaftlichen Verlangsamung zu sehen, die durch die-Pandemie ausgelöst wurde. Viele IBM-Kunden hätten geplante Investitionen gestoppt und große Software-Deals auf „Hold gesetzt“. Auch Bloomberg spricht von mehren tausend Entlassungen in den USA.

Ob Entlassungen die richtige Maßnahme sind, Vertrauen bei Mitarbeitern, Partnern und Kunden zurückzugewinnen und das Wachstum des dümpelnden Konzerns wieder anzukurbeln, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Krishna setzt damit nur die wenig kreative und mutlose Strategie seiner Vorgänger Rometty, Palmisano und Gerstner fort, mit weniger Menschen mehr der immer gleichen Arbeit zu leisten.

IBM means Service?

Auch wenn die IBM künftig mit den Zukäufen von Red Hat und Softlayer das neue Geschäftsfeld Cloud adressieren will, gerät ihre alte Stärke in Vergessenheit, die eine Anzeige aus dem Jahr 1949 treffend zusammenfasst: „IBM means Service“. Service ohne Mitarbeiter zu erbringen, fällt aber schwer – fast genauso schwer, wie wenn die Mitarbeiter im Homeoffice sind oder gar Offshore in Indien oder China arbeiten. Heute stammen nach Schätzungen der Analysten rund 60 Prozent der IBM-Geschäfte aus Bereichen mit geringem oder keinem Wachstum.

„Die Arbeit von IBM in einem hart umkämpften Markt erfordert Flexibilität, um hochwertige Fähigkeiten ständig neu zu kombinieren, und unsere Personalentscheidungen werden im langfristigen Interesse unseres Unternehmens getroffen", erklärte das Unternehmen gegenüber dem Wall Street Journal, das von „vermutlich mehreren tausend“ betroffenen Menschen ausgeht.

Bereits im 1. Quartal hatte IBM – von langer Hand vorbereitet – 900 Mio. Dollar Rückstellungen gebildet – primär für „strukturelle Aktionen“ zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, vor allem im Bereich Global Technology Services.

Im Jargon der IBM USA ist immer wieder von einem „Remix of the workforce“ oder von „rebalancing“ die Rede. Nicht mehr benötigte Experten werden entlassen statt umgeschult; dafür werden dann günstigere, junge Kräfte eingestellt, die natürlich noch unerfahren sind – und oft in Asien leben. IBM ist längst zu „India Business Machines“ geworden, arbeiten auf dem Subkontinent doch mittlerweile mehr als 130.000 IBMer. Das ist deutlich mehr als ein Drittel der Belegschaft.

Bildquelle: IBM

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok