Broadcom will amerikanischen Systemsoftware-Hersteller kaufen

Neuer Eigentümer für CA

Der akquisitionsfreudige Chiphersteller Broadcom hat kurz nach dem Scheitern der weit mehr als 100 Mrd. Dollar teuren Übernahme des Rivalen Qualcomm dem bisher ebenso akquisitionsfreudigen Softwarekonzern CA Technologies ein attraktives Übernahmeangebot im Wert 18,9 Mrd. Dollar unterbreitet – 20 Prozent über den letzten Börsenwert des Unternehmens. Die Übernahme soll noch im 4. Quartal abgeschlossen werden.

  • Broadcom-CEO Hock Tan

    CEO Hock Tan will Broadcom zu einem führenden Unternehmen für Infrastrukturtechnologie machen.

  • Mike Gregoire, CEO von CA Technologies

    Mike Gregoire, CEO von CA Technologies, entlässt gerade 800 Mitarbeiter.

CA wurde 1976 in New York von Charles B. Wang mit drei Mitarbeitern unter dem Namen Computer Associates International gegründet, ist stark in der Mainframe-Welt verwurzelt, trotz vieler Akquisitionen sehr wachstumsschwach, aber hochprofitabel. 2017 erzielte CA bei einem Umsatz von 4,2 Mrd. Dollar einen operativen Gewinn von 1,2 Mrd. Dollar. CA ist in 40 Ländern (auch in Deutschland) aktiv und hält derzeit mehr als 1.500 Patente weltweit; dazu kommen mehr als 950 angemeldete Patente. Spötter sprechen aber von einem Software-Museum.

Nach den vielen Akquisitionen – beispielsweise von Uccel, ADR, Pansophic, Cullinet, Legent, Cheyenne oder Sterling Software – bietet CA auch etliche Produkte für die Midrange-Welt an, etwa in den Bereichen Scheduling, Infrastruktur-Management oder Software-Entwicklung – dort vor allem die Software-Entwicklungsumgebungen von Synon, die heute unter den Namen CA 2E und CA Plex vermarktet werden. Immerhin stammt etwa Hälfte des CA-Umsatzes aus dem Geschäft mit Anwendern von Großrechnern, die nach wie vor das IT-Rückgrat vieler Großkonzerne und Behörden sind.

Neue strategische Ausrichtung für Broadcom

Das Übernahmeangebot von Broadcom kommt trotz der enormen Cash-Reserven des bisher in Singapur ansässigen Chip-Riesen überraschend, bedeutet es doch eine neue strategische Ausrichtung für den Käufer. Die geplante Übernahme sei ein wichtiger Baustein der neuen Strategie, zu einem führenden Unternehmen für Infrastrukturtechnologie zu werden, erklärte denn auch Broadcom-CEO Hock Tan: „Mit seiner großen Kundenbasis ist CA auf dem wachsenden und fragmentierten Markt für Infrastruktursoftware einzigartig positioniert, und seine Mainframe- und Unternehmenssoftware-Lizenzen werden unser Portfolio an unternehmenskritischen Technologien erweitern. Wir werden diese Geschäftsbereiche weiter stärken, um der wachsenden Nachfrage nach Infrastruktur-Softwarelösungen gerecht zu werden.“

Auch wenn die Aktionäre und Aufsichtsbehörden die Transaktion noch genehmigen müssen, wird dieser Deal – anders als die geplante Qualcomm-Übernehmen wohl reibungslos über die Bühne gehen. Denn die 20 Prozent Aufschlag auf den Börsenwert des Unternehmens dürften die CA-Aktionäre überzeugen, und auch die US-Regierung als großer CA-Kunde dürfte keine Einwände haben. Stellte die Qualcomm-Übernahme für das „Committee on Foreign Investment“ (CFIUS) noch eine Gefahr für die Interessen der USA dar (u.a. weil Broadcom damals noch in Singapur beheimatet war), befindet sich der Firmensitz seit April in San Jose (Kalifornien) und der Steuersitz im US-Bundesstaat Delaware.

Ein Ankeraktionär geht

Die Schweizer Careal Property Group AG, die mit verbundenen Unternehmen rund 25 Prozent von CA besitzt und größter CA-Aktionär ist, will für die Transaktion stimmen. Dahinter steht der Zürcher Autohändler Amag; der langjährige Ankeraktionär trennt sich nach über 40 Jahren von den CA-Aktien, die der Amag-Gründer Walter Haefner erworben hatte. Häfner, der 2012 im Alter von 101 Jahren verstarb, war CA auch in schweren Zeiten – unter anderem beim Betrugsskandal um den CEO Sanjay Kumar im Jahr 2004 – treu geblieben.

Auch wenn dieser Deal von vielen Börsenanalysten kritisch gesehen wird, könnte er durchaus Sinn machen. Einerseits ist Diversifikation nicht verkehrt in dem hochvolitalen Chipgeschäft, andererseits sind die entstehenden Cloud-Ökosysteme weniger von der Hardware und den Chips, sondern mehr von der Software geprägt. Ob aber CA an dieser Stelle ein Joker, ein As oder eine Lusche ist, muss sich noch weisen; die zahlreichen CA-Zukäufe bei Cloud-Middleware sind da keine Garantie.

Mike Gregoire, CEO von CA Technologies, geht in der Mitteilung gar nicht erste auf Kunden und Partner ein: „Die Vorteile dieser Vereinbarung erstrecken sich auf unsere Aktionäre, die eine signifikante und sofortige Prämie für ihre Aktien erhalten, sowie auf unsere Mitarbeiter, die sich einer Organisation anschließen, die unsere Werte der Innovation, Zusammenarbeit und technischen Exzellenz teilt.“

Für die Mitarbeiter hieße diese Gemeinsamkeit nichts Gutes, denn von CA sind sie alljährliche Entlassungswellen gewohnt; derzeit werden gerade 800 weitere Mitarbeiter abgebaut. Vor dieser jüngsten Entlassungswelle war CA rund 11.300 Mitarbeiter stark; 2011 gab es immerhin noch rund 13.800 CAler – und das angesichts etlicher Firmenübernahmen seither.

IoT-Ökosysteme entstehen

Vielleicht kommt es aber ganz anders, denn Broadcom will offenbar mit seinem Zukauf strategisch etwas aufbauen und das Unternehmen nicht auspressen, wie es bei CA-Übernahmen Usus war. Auch wenn viele Analysten das anders sehen: Die Broadcom-Strategie könnte Sinn machen, denn derzeit entstehen ja in der Cloud viele „IoT-Ökosysteme“ rund um das innovative Geschäftsmodell Data-as-a-Service (Daas), in denen Produzenten und Konsumenten die IoT-Daten gemeinsam nutzen.

Dieses „Sharing“ der IoT-Daten verstärkt den Nutzen von Szenarien von „Industrie 4.0“ oder „Smart City“, vorausgesetzt, es basiert auf einem sicheren, vom Dateneigentümer kontrollierten Datenaustausch. Dann lassen sich die IoT-Daten nicht nur monetarisieren, sondern sie können allen Teilnehmern des Ökosystems langfristig wirtschaftliche Vorteile bringen.

Initiatoren solcher Ökosysteme können Maschinenhersteller wie Bosch oder Siemens oder Vertreter der Sensorikbranche wie Broadcom oder Intel sein, natürlich aber auch Größen der IT-Branche wie Amazon, Microsoft, SAP oder die Deutsche Telekom. Broadcom baut mit den Chips und Sensoren ja schon die Basis für solche IoT-Ökosysteme – und holt sich (und seinen Partnern/Kunden) jetzt mit CA die Middleware für die Datenkontrolle und die Werkzeuge für Software-Entwicklung. 

Bildquelle: Broadcom, CA Technologies

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