Nächstes Kapitel der Digitalisierung in der Logistik

Open Logistics Foundation gegründet

Dachser, DB Schenker, Duisport und Rhenus haben am vergangenen Freitag in Berlin die „Open Logistics Foundation“ gegründet. Zweck der gemeinnützigen Stiftung ist der Aufbau einer europäischen Open-Source-Community mit dem Ziel, die Digitalisierung in Logistik und Supply-Chain-Management auf der Basis von „Open Source“ voranzutreiben und logistische Prozesse durch De-facto-Standards zu vereinheitlichen. AEB, BLG Logistics, die Fraunhofer-Gesellschaft, GS1 Germany, Lobster Logistics Cloud und Setlog kündigten bereits die Mitarbeit in der neuen Community an, die schon im November ihre Arbeit aufnehmen soll.

Wollen das Fundament für eine Open-Source-Community in der Logistik legen (von links): Stefan Hohm (Dachser), Prof. Michael ten Hompel (Fraunhofer IML), Dr. Stephan Peters (Rhenus), Christian Bockelt (DB Schenker), Markus Bangen (Duisport).

Eine derartige Technologieinitiative ist bis dato nicht nur einmalig in der Logistik, die Stiftungsgründer wollen damit auch Vorreiter beim Zukunftsthema „Open Sourcesein. „Die Digitalisierung der Logistik kann nur gemeinsam vorangebracht werden. Deshalb ist ‚Open Source‘ ein wichtiger Erfolgsfaktor für die gesamte Logistikbranche und zugleich ein Treiber für einheitliche Prozesse in digitalen Wertschöpfungsketten. Wir betrachten die Gründung der Open Logistics Foundation als ersten Schritt auf dem Weg in eine Plattformökonomie, die auf europäischen Rechtsnormen und Werten aufbaut. Sie ist ein Anfang und gleichermaßen ein Appell an die Logistik, Technologie und Prozesse zusammen zu denken und sich aktiv an der Open-Source-Community zu beteiligen“, so die Stifter in einer gemeinsamen Erklärung. Jetzt gehe es darum, „Open Source“ in der Logistik zu verankern und die internen Strukturen für die Arbeit mit entsprechender Hard- und Software zu schaffen.

Die Stiftung wendet sich an alle logistikaffinen Unternehmen und ihre IT-Entwickler. Sie ist über ihren ebenfalls in Berlin gegründeten Förderverein Open Logistics e.V. offen für neue Mitglieder aus allen Bereichen der Logistik, angefangen bei Industrie, Handel und Dienstleistung über Frachtführer bis hin zu politischen Organisationen. Zahlreiche Unternehmen haben ihre Mitarbeit im Förderverein bereits angekündigt, darunter AEB, BLG Logistics Group, GS1 Germany, Lobster Logistics Cloud und die Bochumer Setlog Holding, aber auch Vereine wie die Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung sind dabei. Interessant auch, dass sich auch langjährige AS/400-Anwender beteiligen, z.B. Dachser, DB Schenker oder BLG Logistics.

Open Logistics Repository“ als Plattform

Kern der Stiftungsarbeit ist der Betrieb des so genannten „Open Logistics Repository“, einer technischen Plattform, auf der Soft- und Hardware, Schnittstellen, Referenzimplementierungen und Komponenten als „Open Source“-Lösungen unter einer freien Lizenz („permissive license“) zur Verfügung stehen.

Um eine breite Akzeptanz innerhalb der Logistik zu fördern, werden alle Tools und Komponenten kostenfrei und ohne Einschränkung für kommerzielle Anwendungen verwendbar sein. Unternehmen können diese dazu nutzen, um beispielsweise eigene Plattformen zu erweitern oder neue Produkte und Geschäftsmodelle schneller aufzusetzen.

Der Open-Source-Ansatz sorgt hierbei für einen offenen Standard bei der Digitalisierung logistischer Prozesse und bietet gleichzeitig ein hohes Maß an Flexibilität für individuelle Anpassungen. Von Vorteil ist außerdem, dass es sich nicht um isolierte Softwarelösungen handelt, sondern alle Komponenten untereinander kompatibel sind, was eine digitale Vernetzung über die Unternehmensgrenzen hinaus erleichtert.

Gemeinschaftliche Projekte

Zu den wesentlichen Aufgaben der Stiftung gehört darüber hinaus die Auswahl von gemeinschaftlichen Projekten, deren Entwicklungen in das Repository eingehen sollen. Sie wacht dabei über die Qualität der Open-Source-Software und garantiert die Neutralität bei deren Entwicklung. Zudem bietet sie Schulungen für Unternehmen zur Bedienung der Plattform an.

Die Aufbauphase der Plattform soll im kommenden Jahr stattfinden. Bei der Gründung wurden bereits erste Open-Source-Projekte benannt, darunter der Open-Source-eFrachtbrief (eCMR) sowie Implementierungen für den ePalettenschein oder die FTS-Schnittstelle VDA 5050. Hinzu kommen sollen künftig weitere Entwicklungen aus der Community.

Anlässlich der Stiftungsgründung wurden auch die Gremien besetzt. In den Vorstand gewählt wurden Jochen Thewes (Vorsitzender, CEO von DB Schenker), Dr. Stephan Peters (stellvertretender Vorsitzender, Mitglied des Vorstands der Rhenus) und Stefan Hohm (stellvertretender Vorsitzender, CDO von Dachser). Das Kuratorium bilden Prof. Dr. Dr. h. c. Michael ten Hompel (Vorsitzender, Geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer IML) und Markus Bangen (CEO von Duisport), sowie Jakub Piotrowski (CIO/CDO der BLG Logistics Group).

Die Initiative zur Gründung der Open Logistics Foundation war vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML im Rahmen seines Forschungsvorhabens Silicon Economy ausgegangen, das mit 25 Mio. Euro vom deutschen Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) gefördert wird. Mehr als 150 Forscher arbeiten dort an einer Open-Source-basierten Software- und Hardwareinfrastruktur, die es Unternehmen ermöglicht, ihre Geschäftstätigkeit automatisiert abzuwickeln und Dienste und Daten unternehmensübergreifend über verschiedene Plattformen hinweg sicher anzubieten und zu nutzen. Die Soft- und Hardware, die im Rahmen der Laufzeit bis 2023 entsteht, bildet neben den Entwicklungen aus der Community den Grundstock für das Repository der Open Logistics Foundation.

„Wollen wir die Logistik erfolgreich digitalisieren, müssen wir Silostrukturen überwinden“, sagt Jochen Thewes, CEO von DB Schenker und Vorstandsvorsitzender der Open Logistics Foundation, der dazu auf den Beitrag von Hard- und Software aus der Open-Source-Community setzt. „Ihr Nutzen ist bestechend einfach: Alle verwenden zum Beispiel den gleichen Frachtbrief, alle planen Touren oder bieten Tracking & Tracing an. Wir wollen hierbei IT-Standards in der Logistik über Unternehmensgrenzen hinaus gemeinsam entwickeln und die Ergebnisse allen zugänglich machen. Dieser Open-Source-Ansatz soll individuelle Investitionen in die Digitalisierung von Commodities ersetzen. Davon wird jedes Unternehmen profitieren.“

Digitalisierung kein Selbstzweck

Fpr Rhenus-Vorstand Dr. Stephan Peters ist Digitalisierung aber kein Selbstzweck: „Sie überwindet Schnittstellen und zahlt auf übergeordnete Ziele wie Transparenz, Effizienz und Nachhaltigkeit ein. Sie muss aber vor allem auch wirtschaftlich praktikabel und am Markt erfolgreich sein. 100 Prozent digital ist keine Vision, sondern unsere gemeinsame Zukunft in immer mehr Anwendungsfällen. Der Open-Source-Ansatz garantiert einen offenen Standard für die Digitalisierung logistischer Prozesse und bietet gleichzeitig ein hohes Maß an Flexibilität für individuelle Anpassungen.“

Für Stefan Hohm, Chief Development Officer (CDO) beim langjährigen IBM-i-Anwender Dachser, basiert intelligente Logistik auf leistungsfähigen IT-Systemen. „Dieser Grundsatz gilt bei Dachser schon seit vielen Jahrzehnten und wird auch weiterhin Bestand haben“, begründet Hohm dieses Statement. „Es macht allerdings wenig Sinn, jede Codezeile in einer Standardapplikation selbst zu programmieren. Das ist weder wirtschaftlich, noch bietet es einen Wettbewerbsvorteil. Im Gegenteil: Es verhindert nicht selten sogar die pragmatische Vernetzung von Partnern und Kunden. Deshalb ist es für alle Beteiligten der Supply-Chain von Vorteil, wenn ausgewählte Software-Komponenten künftig als Open-Source-Elemente jedem kostenfrei zur Verfügung stehen und über eine neutrale Instanz weiterentwickelt werden. ‚Open Source‘ wird damit ein weiterer wichtiger Wettbewerbsfaktor, und deshalb unterstützen wir seit der ersten Stunde die Idee der Open Logistics Foundation.“

Laut Prof. ten Hompel muss „die Logistikbranche muss softwarelastiger werden, wenn sie in der kommenden Plattformökonomie eine Rolle spielen und ihre Zukunft auf der Basis europäischer Rechtsnormen und Werte selbstbestimmt gestalten will. Digitalisierung ist das Ziel, ‚Open Source‘ der Schlüssel, um alle Unternehmen, gleich welcher Größe und Branche, auf diesem Weg mitzunehmen.“ Mit der Stiftung der gemeinnützigen Open Logistics Foundation sei nun das Fundament gelegt; jetzt komme es darauf an, was die Logistik daraus macht.

„Primäre Ziele unseres Engagements sind ein branchenweiter Austausch, die Identifikation von übergeordneten Herausforderungen sowie die Schaffung dringend benötigter Standards, um die standortunabhängige Zusammenarbeit technologisch zu vereinfachen“, sagt Markus Bangen, Vorstandsvorsitzender der Duisburger Hafen AG (Duisport). „Die Bündelung von Ressourcen und Themen bietet uns die einmalige Chance, De-facto-Standards zu setzen, anstatt weitere Monolithen zu erschaffen. Die Digitalisierung der Logistik kann nur gemeinsam vorangebracht werden. Der frühzeitige Einsatz aller Beteiligten schafft nicht nur intern wichtige Strukturen, sondern fördert das gegenseitige Eruieren bestehender Bedürfnisse und Notwendigkeiten sowie Feststellen vorhandener Ressourcen.“

Über die Open Logistics Foundation

Gegründet 2021, fördert die gemeinnützige und operativ tätige Stiftung mit Sitz in Dortmund Open-Source-Anwendungen in der Logistik. Zentraler Stiftungszweck ist der Aufbau einer europäischen Open-Source-Community mit dem Ziel, die Digitalisierung in Logistik und Supply Chain Management auf der Basis von „Open Source“ voranzutreiben und logistische Prozesse durch De-facto-Standards zu vereinheitlichen.

Die Stiftung betreibt das Repository, eine technische Plattform für Open-Source-Software (OSS) und -Hardware (OSH) und stellt Schnittstellen, Referenzimplementierungen und Komponenten unter einer freien Lizenz (permissive license) zur Verfügung. Sie wacht über die Qualität und Sicherheit der Open-Source-Instrumente und garantiert die Neutralität bei deren Entwicklung. Die Open Logistics Foundation arbeitet auf der Basis europäischer Rechtsnormen und Werte, sie ist unabhängig und wendet sich an IT-Entwickler und -Anwender aus allen Bereichen der Logistik.

Bildquelle: Open Logistics Foundation / S. Gabsch

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