Taras Podbereznyj, CIO bei Kemira und verantwortlich für das Innovationsprojekt.
Das N3-Chlorat-Werk von Kemira in Joutseno
Das Transformationsprojekt trug den sinnigen Namen „Leap“ zurecht: Es war ein regelrechter „Quantensprung“ in die digitale Zukunft des finnischen Konzerns, der mit weltweit 5.000 Mitarbeitern, 63 Produktionsstandorte und Vertrieb in mehr als 100 Ländern rund 3,6 Mrd. Euro Jahresumsatz erwirtschaftet . Sämtliche Geschäftsprozesse, alle Geschäftsbereiche und Legal-Einheiten der weltweiten Konzern-Organisation waren involviert.
Insgesamt 60 Systeme wurden während des Leap-Projektes in die Cloud gebracht. Das Programm setzte dabei fünf eng verzahnte Initiativen zeitgleich um: Die S/4-Hana-Transformation, die Neugestaltung des Finanzwesens, die Einführung von Datasphere als „Enterprise Data Warehouse“, eine „Digital Data Excellence“-Initiative und die Komplettmigration von mehr als 360 On-Premises-Schnittstellen auf die SAP Integration Suite.
Taras Podbereznyj, CIO bei Kemira und verantwortlich für das Innovationsprojekt, will mit dieser unternehmensweiten Lösung die Basis dafür schaffen, „datengetriebene Geschäftsmodelle in der Cloud zu nutzen, unsere Kundenbeziehungen zu verbessern und uns auf Nachhaltigkeit zu konzentrieren“. Die Produktivsetzung erfolgte im „Big Bang“, die Implementierung wurde in 15 Monaten abgeschlossen – eine umfassende Business-Transformation zum gleichen Stichtag.
Es erfolgte eine „minimal-invasive“ Transformation nach dem Vorbild des chirurgischen Eingriffs ohne Störung des laufenden Betriebs für die weltweit betroffenen 3.000 Systemanwender. Genutzt wurde der Near-Zero-Downtime-Ansatz, der den Ausfall der operativen Systeme auf ein Minimum reduziert. Die technische Transformation übernahm im Zuge einer selektiven Datenmigration die Standardsoftware ET Enterprise Transformer der Materna-Tochter cbs. Sie betraf 400 SAP-Werke und 58 Buchungskreise in 37 Ländern. Über vier Milliarden Datensätze wurden migriert.
Der reibungslose Systemumstieg erfolgte für alle Einheiten an einem Go-Live-Wochenende – und das über drei Zeitzonen hinweg. Das Thema „Business Continuity“ hatte beim Cutover höchste Priorität. Der Umstieg in die neue Cloud-Architektur konnte mit maximaler Prozesskontinuität sichergestellt werden. Alle zum Kerngeschäft gehörigen Geschäftsprozesse liefen mit vollem Durchsatz zu den Geschäftszeiten weiter, ohne dass ein aufwendiger Ramp-down der Geschäftsaktivitäten vor der Migration und ein entsprechend langwieriges Hochfahren nach Go-Live nötig wurde.
Die bestehende Technologieplattform von Kemira war in die Jahre gekommen, begründet CIO Podbereznyj den Umstieg. Und er wusste: „Mit dem richtigen der Zeitpunkt der Umstellung wird unser Wettbewerbsvorteil umso größer sein. Wir haben uns daher bewusst dafür entschieden, unserer Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein und gleichzeitig mit einer schnellen Transformation ein Sprungbrett für weitere Innovationen zu schaffen.“
Um beim Sprung von der alten On-Premises-Welt in die Cloud die Balance zwischen Transition und Transformation zu finden, startete Kemira eine Vorstudie. „Man kann nicht alles neu machen, das würde den Projektrahmen sprengen. Zudem hatten wir schon eine ganze Reihe modernster Prozesse etabliert, die wir als ‚Best Practice‘ für die Zukunft sichern wollten“, erklärt Podbereznyj.
Im Finanzbereich hat man sich mit der Transformation aber komplett neu aufgestellt. Mit der Einführung der neuen SAP-Funktion „Margin Analysis“ kann hier die Ergebnis- und Marktsegmentbetrachtung mit einem hohen Maß an Genauigkeit erfolgen und granular gesteuert werden. Der Finanzbereich verfügt mit der cbs-Lösung Next One Finance nun über eine gestufte Deckungsbeitragsrechnung inklusive eines abweichungsorientierten Controllings auf Konten-Ebene.
Hinzu kommen die Einführung des neuen Hauptbuchs, die Währungsumstellung, die Implementierung der Konzernbewertung, die Einführung einer neuen Anlagenbuchhaltung und die Einführung des „Financial Supply Chain Managements“ (FSCM).
Übrigens setzt das Projekt Leap auch im Bereich Integration/Middleware Maßstäbe, erfolgte doch auch die Migration aller 363 On-Prem-Schnittstellen der ERP-Welt von SAP PI (Process Integration) zur SAP Integration Suite in der Cloud – und das abgestimmt mit allen Meilensteinen des S/4-Hana-Transformationsprojektes. Nach dem Kenntnisstand von Holger Himmelmann, Consulting Director im Bereich Enterprise Integration bei cbs, handelt es sich um die bislang größte Schnittstellen-Migration in die Cloud in der Industrie weltweit. Der Go-Live aller migrierten Schnittstellen fand am selben Tag statt wie der Go-Live von S/4 Hana.
Durch das Leap-Projekt gelang es den Finnen außerdem, ihr Datenmanagement grundlegend zu modernisieren. Das Fundament dafür legte die Einführung von SAP Datasphere als zentrales „Enterprise Data Warehouse“ für das Finanz-Reporting und von SAP Analytics Cloud (SAC) als Planungs-Tool.
CIO Podbereznyj zählt Kemira nun weltweit zu den ersten Unternehmen, die Datasphere als Enterprise Data Warehouse nutzen und zu den Pionieren im SAP-Analytics-Umfeld. Man sei bereits dabei, die Nutzung von Datasphere und SAC auf andere Prozessbereiche auszudehnen, „um einen Mehrwert aus den Daten für unsere Geschäftssteuerung zu gewinnen und neue, datengetriebene Geschäftsmodelle zu realisieren. SAC fungiert dabei als Frontend und Datasphere als Backend.
„Kemira ist der erste Industriekunde in dieser Größenordnung, der den Beweis erbracht hat, dass man sein gesamtes Finance-Reporting über Datasphere laufen lassen kann“, freut sich Roland Werp, Senior Manager im Bereich Business Intelligence bei dem Projektpartner. Und cbs-CEO Rainer Wittwen ergänzt: „Das Ergebnis ist ein Lehrstück in Sachen schneller Wertschöpfung: 100 Prozent des Konzernumsatzes wird seither über die neue digitale Unternehmensplattform End-2-End, unternehmens- und weltweit abgewickelt.“
Kemira ist ein weltweit aktiver Anbieter nachhaltiger chemischer Produkte für wasserintensive Industriezweige. Das Unternehmen mit Sitz in Helsinki bieten Produkte und Expertise, damit Kunden ihre Produktqualität verbessern und ihre Prozess- und Ressourcen-Effizienz steigern können. Die Schwerpunkte liegen auf den Gebieten Zellstoff- und Papierindustrie, Wasseraufbereitung und Energiewirtschaft.
Bildquelle: Kemira, Julia Koblitz / Unsplash