Die Teilnehmer des Platooning-Projekts präsentierten die Forschungsergebnisse beim Abschlussevent in Berlin (von links): Joachim Drees (MAN Truck & Bus), Alexander Doll (Deutsche Bahn), Dr. Tobias Miethaner (Verkehrsministerium), Andy Kipping (LKW-Fahrer DB Schenker), Prof. Dr. Sabine Hammer und Prof. Dr. Christian Haas (beide Hochschule Fresenius).
Weltweit erster Praxiseinsatz vernetzter LKW-Kolonnen auf der A9
Im Rahmen des Forschungsprojekts „Eddi“, das vom Bundesverkehrsminister für Verkehr und digitale Infrastruktur gefördert wurde, waren Berufskraftfahrer sieben Monate lang in zwei digital gekoppelten Fahrzeugen auf der Autobahn 9 zwischen Niederlassungen des Logistikunternehmens DB Schenker in Nürnberg und München unterwegs. Nach rund 35.000 Testkilometern lobten die LKW-Fahrer, die im Abstand von nur 15 bis 21 Metern fuhren, den Fahrkomfort und das allgemeine Sicherheitsempfinden. Im Praxis-Test wurden außerdem Einsparungen beim Treibstoffverbrauch nachgewiesen.
Der Einsatz von LKW-Platoons könne für eine effizientere Nutzung des Platzes auf Autobahnen, weniger Staus und eine höhere Verkehrssicherheit sorgen, so die Partner. „Die Mobilität der Zukunft ist automatisiert und vernetzt“, glaubt Verkehrsminister Andreas Scheuer, Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur. „Das gilt auch für die Logistik.“ Daher will er „die Prozesse noch sicherer, effizienter und umweltfreundlicher machen – von der Rampe bis zum Kunden. Eine Schlüsselrolle kommt dabei dem Fahrer zu. Im Digital-Truck wird er zur modernen Logistikfachkraft. Dadurch erhält der Beruf neue Zukunftsperspektiven!“
DB Schenker hat ermittelt, dass Platooning großflächig im Logistiknetz eingesetzt werden kann. „Wir haben unser europäisches Transportnetzwerk analysiert und können konkret sagen, dass etwa 40 Prozent der gefahrenen Kilometer in Platoons durchgeführt werden könnten“, sagte Alexander Doll, Vorstand Finanzen, Güterverkehr und Logistik bei der Bahn. Hierfür seien allerdings weitere Tests und entsprechende regulatorische Rahmenbedingungen notwendig. Auch die Kunden würden profitieren: „Mit Platooning können wir noch verlässlichere und effizientere Transporte bieten.“
Das in den Lkw von MAN verbaute Platooning-System arbeitete zu 98 Prozent reibungslos. Nur einmal pro 2.000 Kilometer musste vom Fahrer aktiv eingegriffen werden – deutlich seltener als erwartet. Der Pilotbetrieb hat zudem einen um rund 3 bis 4 Prozent geringeren Treibstoffverbrauch erzielt; erhofft hatte man sich Einsparungen zwischen 8 bis 10 Prozent. „Wir konnten zeigen, dass Platooning Potenzial hat, einen Beitrag zur Reduzierung von Verbrauch und CO2-Emissionen zu leisten. In erster Linie freut uns: Das System funktioniert zuverlässig und kann die Sicherheit auf der Autobahn erhöhen“, sagte Joachim Drees, Vorsitzender des Vorstands von MAN Truck & Bus SE.
Die Hochschule Fresenius untersuchte die psychosozialen und neurophysiologischen Auswirkungen auf die Fahrer. Das Live-Erlebnis hat dabei eine deutliche Veränderung in der zuvor teils kritischen Einstellung der Fahrer bewirkt. „Allgemeines Sicherheitsempfinden und Vertrauen in die Technik spiegeln sich in der Bewertung konkreter Fahrsituationen durch die Fahrer wider. Keine wird als unkontrollierbar bezeichnet“, schildert Prof. Dr. Sabine Hammer vom Institut für komplexe Systemforschung an der Hochschule Fresenius. Als „unangenehm“, aber nicht kritisch, wurden ein- oder durchscherende Fahrzeuge anderer Verkehrsteilnehmer empfunden. „Aufgrund der schnellen Reaktionszeiten des Systems würden die Fahrer heute daher einen Abstand von nur 10 bis15 Metern bevorzugen“, so Hammer.
„Die EEG-Messungen zeigen zwischen den Platoon- und normalen LKW-Fahrten keine systematischen Unterschiede in der neurophysiologischen Beanspruchung der Fahrer, das heißt hinsichtlich Konzentration oder Ermüdung“, sagt Prof. Dr. Christian Haas, Direktor des Instituts für komplexe Systemforschung. Für den internationalen Einsatz empfehlen die Wissenschaftler weitere Untersuchungen mit längeren Platooning-Phasen.
Die Kooperationspartner sind überzeugt, dass sich die Potenziale des LKW-Platooning durch Weiterentwicklungen noch erhöhen können. Zudem seien dadurch neue digitale Geschäftsmodelle in der Logistik denkbar.
Unter Platooning versteht man ein Fahrzeug-System für den Straßenverkehr, bei dem mindestens zwei Lkw auf der Autobahn mit Hilfe von technischen Fahrassistenz- und Steuersystemen in geringem Abstand hintereinander fahren können. Alle im Platoon fahrenden Fahrzeuge sind digital miteinander verbunden. Das führende Fahrzeug gibt die Geschwindigkeit und die Richtung vor.
Bildquelle: Deutsche Bahn