Kampf um den richtigen Kurs in der Cloud-Ära

SAP: Drückender Schuldenberg

Mit der Bilanz für das 2. Quartal konnte SAP die Erwartungen der Aktionäre nicht erfüllen. Der Umsatz wuchs zwar – auch dank Akquisitionen – um elf Prozent auf 6,6 Mrd. Euro, doch das Betriebsergebnis schrumpfte um 21 Prozent auf 827 Mio. Euro. Im Auftaktquartal hatte der erfolgsverwöhnte Konzern erstmals seit 17 Jahren gar einen Verlust ausweisen müssen.

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Der Cashflow aus betrieblicher Tätigkeit lag bei SAP im 2. Quartal mit 122 Mio. Euro gar im Minus, die Finanzschulden summierten sich auf über 13,8 Mrd. Euro und Nettoliquidität lag mit knapp 8,6 Mrd. Euro tief im negativen Bereich. Es gilt also die Schulden zu tilgen.

SAP-Chef Bill McDermott kündigte folgerichtig auch an, in den nächsten ein bis zwei Jahren keine großen Übernahmen mehr zu planen. Im vergangenen Jahr wurden noch die Firmen Qualtrics für 8 Mrd. Dollar sowie Callidus für 2,4 Mrd. Dollar übernommen – und zwar in Form von All-Cash-Deals. Das handhabt der Erzrivale Salesforce grundlegend anders und bezahlt teure Übernahmen – wie zuletzt die von Tableau Software – liquiditätsschonend mit eigenen Aktien.

Umstrittener Strategiewechsel

SAP ist derzeit wegen nicht nur wegen der Verschuldung, sondern auch einer grundlegenden Umstrukturierung in unruhigem Fahrwasser. Ziel der Umstrukturierung ist es, die Strategie „Cloud first“ zu implementieren. Dieser Strategiewechsel hat gravierende Folgen für Produkte, Mitarbeiter, Partner und Kunden – durch ein neues Geschäftsmodell und wegen anderer Technologien, die künftig die Basis der Produkte bilden sollen. Die neue Strategie ist durchaus umstritten bei Kunden, Partnern und auch im eigenen Haus – wird bisher aber durchgezogen.

Das heißt auch: Das gesamte, vielfach zugekaufte Produktportfolio wird neu organisiert. Was weder einträglich noch zukunftsträchtig scheint, soll verkauft oder eingestellt werden. Und: Module wie etwa im Rechnungswesen, die nach den Zukäufen im Prinzip mehrfach im Portfolio vorhanden sind, werden zusammengeführt. Investiert wird auch in Abfindungen und Weiterbildungen, für die das Budget aufgestockt wurde. Das Motto: Die Belegschaft soll sich auf die neuen Technologien und Geschäftsmodelle einstellen – oder gehen. Ab 2020 will SAP durch den Umbau jährlich Kosten in Höhe von 750 bis 850 Mio. Euro sparen.

Derzeit arbeiten rund 98.700 Menschen weltweit für SAP, 23.000 davon in Deutschland. Hierzulande nehmen offenbar mehr Beschäftigte als gedacht das freiwillige Angebot für Abfindung und Vorruhestand an; im gesamten Geschäftsjahr dürfte das nun rund 1,1 Mrd. Euro kosten.

Mitarbeiter über 55 Jahre, deren Fähigkeiten nicht mehr gebraucht werden, sollen SAP über ein Vorruhestandsprogramm verlassen, jüngere über ein Abfindungsprogramm. Weltweit war die Rede von 4.400 Mitarbeitern, hierzulande von 1.000 bis 1.200. Offenbar ist das Programm so attraktiv (oder der Arbeitgeber nicht mehr), dass sich Anfang Mai bereits 1.870 Beschäftigte in Deutschland dafür registriert hatten.

Bei einem ähnlichen Programm hatten im Jahr 2015 rund 3.000 Beschäftigte weltweit den Konzern verlassen, rund 1.300 davon in Deutschland. Je nach Länge der Betriebszugehörigkeit erhielten die Mitarbeiter damals bis zu 43,5 Monatsgehälter. Ob das aktuelle Programm ähnlich attraktiv ist, wurde bisher nicht bekannt. Allerdings wurde mit dem Betriebsrat eine Beschäftigungssicherung bis 2023 beschlossen, so dass Kündigungen de facto ausgeschlossen sind. Das soll den Mitarbeitern Sicherheit geben und Verhandlungen bei Reorganisationen wie der aktuellen beschleunigen.

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