Vollständige Funktionsgleichheit der ERP-Generationen ECC und S/4 Hana gefordert

SAP-Kunden beklagen Realitätsferne

Unter dem Motto „Work in Progress“ lädt die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe (DSAG) heute und morgen zu ihren Technologietagen 2023 in das Congress Center Rosengarten Mannheim. Dort ist konstruktive Kritik am Walldorfer Software-Konzern zu hören, teilweise sogar ungewohnt unverblümte Kritik.

Sebastian Westphal, Technologievorstand der DSAG

Sebastian Westphal, Technologievorstand der DSAG, fordert eine Rückbesinnung auf das Credo „Customer first“ der Gründerjahre.

Wie das Tagungsmotto schon andeutet: Bei SAP ist derzeit vieles in Arbeit. Und die Kunden beklagen bei der Entwicklungsarbeit eine gewisse Realitätsferne ihres Software-Lieferanten – nicht nur bei Pricing und Lizenzierung, sondern auch bei Modularisierung, Migration und der zentralen Administration der im Laufe von 50 Jahren aufgebauten drei- und vierstufigen ERP-Umgebungen.

Nach der strategischen Neuausrichtung von SAP wünschen sich die Kunden eine Rückbesinnung auf das Credo „Customer first“ der Gründerjahre. Die Realitäten des Anwenderalltags sollten in der Walldorfer Strategie „wieder stärker berücksichtigt werden“, beklagt die DSAG gerade vor dem Hintergrund des bevorstehenden Wartungsendes vieler wesentlicher Produkte und der deshalb nötigen Planbarkeit und Verlässlichkeit der Produktstrategie. Und weiter: „Die konzeptgleiche Anbindung der SAP-Cloud-Services an die mehrstufigen SAP-Landschaften und die Positionierung der Business Technology Platform (BTP) sind hierbei ebenso essenziell wie ein angemessenes Pricing.“

Wegen der starken Veränderungen im SAP-Produktportfolio sind Themen wie eine einfache Migration, Integrationsfähigkeit, Datenschutz und IT-Security relevanter denn je. „Aktuell wird das Komplexitätsmanagement nicht hinreichend durch übergreifende Standards, Klarheit und Investitionssicherheit unterstützt – auch und gerade bei Cloud-Produkten“, bemängelt daher Sebastian Westphal, Technologievorstand der DSAG.

Das Anker-Release von S/4 Hana, das im Oktober dieses Jahres verfügbar werden soll, bildet seiner Ansicht nach die Basis für die Kompatibilität der nächsten ERP-Generation mit der Legacy-Software. Kunden, die einen weiten Weg mit SAP gegangen sind und die kontinuierliche Weiterentwicklung des Kernprodukts über die Jahre mit hohem finanziellen und personellen Engagement begleitet haben, vermissen laut Westphal die Bereitstellung bisheriger ECC-Funktionen im aktuellen Walldorfer Produktportfolio – und erwarten hier zeitnah eine vollständige Funktionsgleichheit.

„Bei bereits getätigten Investitionen in S/4-Hana-Transformationen, die schnell in ein-, zwei- oder gar dreistelligen Millionenbudgets mündeten, darf das Anker-Release 2023 aber vor allem nicht bedeuten, dass Innovationen und Erweiterungen nur noch in der Public Cloud erfolgen“, fordert Westphal – und ergänzt: „Bei einer Wartungszusage für S/4 Hana bis 2040 bedarf es daher noch weiterer Details und verbindlicher Zusagen von SAP, um die bisherigen S/4-Hana-Projektinvestitionen zu sichern.“ Die DSAG fordert daher auch verbindliche Zusagen zu Weiterentwicklungen auch in den Private-Cloud- und On-Premise-Editionen von S/4 Hana.

Neue Sphären der Datenanalyse

Positiv hervor hebt Westphal in diesem Kontext das neue Angebot Datasphere, das die alte Kundenforderung nach der Zusammenführung von SAP- und Non-SAP-Daten adressiert. Diese Evolution des Produktes Data Warehouse Cloud sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung – falls es gelinge, die komplexe Integration von Daten aus SAP-Systemen und Drittsystemen der immer hybrideren Architekturmodelle zu vereinfachen. Die Business Technology Platform (BTP) als zentrales Fundament der SAP-Strategie werde zwar oft lizenziert, aber dennoch nicht aktiv genutzt. Das heißt für Westphal, dass die Entwicklung der BTP noch deutlicher für ihren Einsatz als zentraler Baustein hybrider Architekturen positioniert werden muss. Vor dem Hintergrund der mit SAP in den vergangenen 50 Jahren gemeinsam entwickelten drei- und vierstufigen Landschaften sei hierbei die korrespondierende, mehrstufige Bereitstellung der BTP inklusive zentraler Administration der Umgebungen für alle Business-Services und die Integration-Suite ein zentraler Punkt. Ein damit einhergehendes Test- und Transportwesen ist in vielen Cloud-Plattformen aber noch nicht einheitlich berücksichtigt und bremst die Adaption der neuen Produkte und Services entsprechend aus.

Da die Walldorfer ihr ehemals zentrales und mächtiges ERP-System zunehmend durch eine modulare Systemlandschaft ersetzen wollen, wird es laut Westphal auch komplizierter, diese Systeme zu implementieren, zu integrieren und auch zu lizenzieren. Dies sei für die S/4 Hana Public Cloud als Grundvoraussetzung für den Einsatz in hybriden Landschaften Ende letzten Jahres bereits korrigiert worden, sollte aber auch für die Business-Services auf der BTP ebenso selbstverständlich sein wie über alle Lines-of-Business, um die Adaptionsraten weiter zu erhöhen.

Angesichts des für 2027 angekündigten Wartungsendes wichtiger Lösungen fordert die DSAG „schnellstmöglich eine klare Perspektive und entsprechende Migrationsszenarien“, insbesondere für den Solution Manager und die SAP Process Orchestration. „Für die Ablösung des Solution Managers als dem zentralen Element heutiger SAP-Architekturen bedarf es eines Cloud-Application-Lifecycle-Management-Produkts mit identischem Leistungsumfang und einer verlässlichen Roadmap sowie entsprechenden Migrationspfaden“, so Sebastian Westphal. „Gleiches gilt für die Migration von der Process Orchestration auf die SAP Integration Suite. Hier lässt sich der kürzlich erfolgte Launch der Migration-Assessment-App und des Migration-Tools bereits positiv hervorheben.“ Was unweigerlich in Richtung Cloud gehe, müsse gleichwertig zu den bisherigen Lösungen sein – und zwar am besten schon bis Ende 2023. Dann bleiben noch vier Jahre, um die Systeme vom Investitionsantrag bis zur Migration umzustellen.

Kosten- und Lizenzsituation

Aus DSAG-Sicht führen fehlende Konzepte bzw. Lösungen für Entwicklungs- und Testsysteme auf der BTP zu erheblichen Kosten, da – um eine Mehrstufigkeit nach derzeitigem Stand zu erreichen – ein Service teils mehrfach lizenziert werden muss. Dabei gibt es keine offizielle Unterscheidung, ob ein Service produktiv oder nur zu Testzwecken genutzt wird. Die zunehmende Modularisierung von ERP-Lösungen, die nun vermehrt als eigenständige Produkte vermarktet werden, lässt zudem die Komplexität bei Lizenzierung und Verwaltung steigen. Im Endeffekt müssen Anwenderunternehmen mit vielen unterschiedlichen SAP-Lines-of-Business sprechen und verhandeln, um eine vollumfängliche ERP-Lösung wie in ECC-Zeiten zu erhalten.

Hinzu kommen viele unterschiedliche Lizenzmetriken. Das führt aus DSAG-Sicht dazu, dass die Kosten für SAP-Architekturen stark steigen werden. Daher seien ganzheitliche Pricing-Strategien in der Cloud gefragt – mit zugehörigen, auch nach unten skalierbaren Lizenzmodellen.

Bildquelle: DSAG

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