Probleme nach dem Abschied von SC/400

SAP macht Haribo nicht froh

Haribo hat sich mit dem Umstieg auf das ERP-System S/4 Hana Probleme in der Warenwirtschaft eingehandelt, die bei dem weltweit größten Hersteller von Fruchtgummi und Lakritz-Artikeln sogar die Produktion empfindlich gestört haben. Laut Lebensmittel Zeitung klagten Einzelhändler bereits über ausbleibende Lieferungen. Allerdings soll sich die Lage inzwischen wieder bessern.

  • Am 4. Oktober erfolgte die feierliche Inbetriebnahme der Produktion an der neuen Unternehmenszentrale in der Gemeinde Grafschaft bei Bonn.

  • Haribo-CIO Martin Flegenheimer

    An den Schalthebeln der IT: Haribo-CIO Martin Flegenheimer

  • Haribo startet Outlet-Verkauf in Deutschland.

    Auch im Vertrieb werden die Weichen neu gestellt: Am 2. November eröffnete Haribo in Montabaur erstmals einen Outlet-Verkauf in Deutschland.

Haribo stellt die Weichen für die Zukunft – u. a. mit der Verlagerung des Firmensitzes aus der engen Bonner City in das Umland, durch den Neubau eines Logistikzentrums und durch die radikale Modernisierung der IT im ehrgeizigen Projekt „One Haribo“.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Im Mai hatte das Traditionsunternehmen den ersten Teil des Umzugs geschafft; seitdem befinden sich der offizielle Firmensitz und die Hauptverwaltung in der Gemeinde Grafschaft. Seit der erfolgreichen Inbetriebnahme der Produktion (Background dazu im Video, knapp 4 Minuten) in Grafschaft Ende August durch den geschäftsführenden Gesellschafter Hans Guido Riegel laufen dort auch die ersten Bären offiziell vom Band. Im ersten Schritt sind in den Bereichen Logistik, Produktion und Verwaltung in der neuen Zentrale rund 800 Mitarbeiter beschäftigt.

Strategische Weichenstellungen

Ziel all dieser bereits 2015 eingeleiteten Weichenstellungen ist es, das Haribo-Geschäft global aufzustellen. Das familiengeführte Unternehmen, das bis dato dezentral organisiert war, braucht daher eine völlig neue Ausrichtung der internen Organisation und folglich auch neue IT-Systeme, die diese Organisation unterstützen.

Das ist auch deshalb ein bis ins Jahr 2020 geplantes Mammutprojekt, weil Haribo 16 Werke in zehn Ländern betreibt, Vertriebsniederlassungen in 26 Ländern unterhält und weltweit in 50 Märkten aktiv ist. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen rund 7.000 Menschen, 3.000 davon in Deutschland.

Digitale Transformation eingeleitet

Ursprünglich wie das gesamte Unternehmen dezentral und historisch gewachsen, befindet sich die IT aktuell in einer digitalen Transformation, um auch für kommende Herausforderungen gewappnet zu sein. Heute ist die Abteilung in die Teams „Infrastruktur“ und „Prozesse & Programmierung“ untergliedert, die wegen der hohen Schnittmenge bei verschiedenen Themen und Projekten in regem Austausch und ständigem Kontakt stehen.

Um die laufende SAP-Einführung zu begleiten, sind erfahrene Fach- und Nachwuchskräfte aus der IT-Abteilung fester Bestandteil des SAP-Projektteams. Hinzu kommen die lokalen IT-Verantwortlichen an den jeweiligen Produktions- und Vertriebsstandorten im In- und Ausland.

Die Schalthebel der Transformation im Zuge von „One Haribo“ betätigt CIO Martin Flegenheimer. Dabei geht es um die Vereinheitlichung der IT durch die Implementierung eines zentralen ERP-Systems. Die alten ERP-Programme sollen bis 2020 sukzessive abgeschaltet und durch das S/4 Hana ersetzt werden. Dann will Fiegenheimer ein weltweit homogenes IT-System mit einer einzigen zentralen Dateninstanz geschaffen haben.

Softwareumstellung legt Produktion lahm

Wie die Lebensmittel Zeitung berichtet (Bezahlschranke), soll Haribo bei der Ablösung des Warenwirtschaftssystems SC/400 von Steeb (heute All for One Steeb), das lange Jahre Produktion und Logistik zuverlässig gesteuert hatte, erhebliche Produktionsprobleme bekommen haben. Bei diesem IT-Projekt geht Haribo einen „eigenen Weg“ direkt zusammen mit SAP, wie es Dirk Sonntag, Pressesprecher von All for One Steeb, ausdrückt. Haribo setzt also ganz bewusst auf den Hersteller selbst – und nicht auf einen seiner branchen- und mittelstandserprobten Partner. Neben All for One Steeb, Mitglied der Food & Beverage Alliance, fallen einem da auch SAP-Experten wie Itelligence oder Cormeta ein.

Abgelöst wurde SC/400 durch die 2015 erstmals vorgestellte SAP-Software S/4 Hana auf einer komplett neuen IT-Infrastruktur. Auf diesem Fundament läuft das neue ERP-System – und damit auch das Handling von Stammdaten, Stücklisten und Verpackungen. Die Einführung der neuen Software habe zu größeren Lieferschwierigkeiten als erwartet geführt, erfuhr dpa aus Unternehmenskreisen. Praktisch alle Produkte seien davon betroffen.

Was genau die Probleme sind, die jetzt die Gummibären-Produktion gestört haben, ist nicht bekannt. Waren es technische Probleme beim anspruchsvollen In-Memory-Computing, das bei S/4 verlangt ist, oder andere Schwierigkeiten beim Betrieb der IT-Infrastruktur? Waren es funktionale Defizite beim relativ neuen SAP-Produkt? Gab es Mängel bei Projektmanagement oder Sollkonzept, was bei so großen Projekten nicht gar so selten vorkommt? Oder lag es an Personal-Engpässen und Skill-Defiziten im etwa 260 Köpfe zählenden IT-Projektteam?

Herausforderung Change-Management

Vielleicht hat es aber auch am Change-Management gehapert, denn es handelt sich um das größte IT-Projekt in der Firmengeschichte von Haribo. Eine Transformation dieser Größenordnung habe massive Einflüsse auf die Organisation, die aktiv begleitet werden müssen, skizzierte Flegenheimer kürzlich auch die wohl größte Herausforderung bei einem Projekt dieser Dimension: Anforderungen und Erwartungen verändern sich über die Jahre im Projektverlauf, was ein aktives Change-Management erfordere. Das hat Auswirkungen nicht nur auf alle funktionalen und organistorischen Überlegungen, sondern auch auf die Sicherheits- und Compliance-Standards für die Berechtigungen mehrere Tausend User im SAP-System und ihrer rund 200 Rollen.

Vielleicht war es auch gar nicht so gut, dass S/4 Hana so viele Redundanzen einspart, wie SAP-Manager Wieland Schreiner im gut drei Minuten langen Werbevideo schwärmt. Er spricht von 20 Tabellen, die allein in der Materialwirtschaft überflüssig werden. „Auf der Funktionsebene haben wir ganz bewusst Redundanzen konsolidiert“, konstatiert Schreiner. Wobei jeder Fachmann weiß, dass Redundanzen durchaus auch Vorteile haben, beispielsweise mit Blick auf die Performance oder die Zuverlässigkeit des ERP-Systems.

Ob Materialwirtschaft, Produktion, Beschaffung, Vertrieb oder Planung: Alle Kernprozesse eines Unternehmens lassen sich mit S/4 Hana unterstützen. Das ist auch Flegenheimers Ziel. Schreiner verspricht mit seiner Software Mehrwerte wie agilere Planung, Simulation logistischer Prozesse, Bestandsführung in Echtzeit oder flexiblere Materialbewertung. Und das alles mit einer vereinfachten IT-Infrastruktur und einer rollenbasierten, intuitiven Benutzeroberfläche. Von Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit spricht er nicht.

Umstellung der Warenwirtschaft im Oktober

Haribo hatte im Oktober damit begonnen, im Zuge des SAP-Projektes auch das Warenwirtschaftssystem umzustellen. Der Schritt sei „alternativlos“ gewesen, sagte ein Unternehmenssprecher. Aktuell arbeiten circa 70 Mitarbeiter am Standort Grafschaft in der Produktion, im kommenden Jahr soll diese sukzessive hochgefahren werden, bis die Vollauslastung mit einem Drei-Schicht-System erreicht ist.

Priorität hatte für Haribo im ersten Schritt die Sicherstellung der Qualität und reibungsloser Abläufe, heißt es in einer Pressemitteilung des Unternehmens. „Wir hofften auf einen Produktionsstart im Frühherbst 2018, wollten uns aber im Vorfeld nicht darauf festlegen. Eine neue Unternehmenszentrale, neue Mitarbeiter und neue Maschinen bringen positive Herausforderungen mit sich, die nicht immer kalkulierbar sind“, wird darin Arndt Rüsges zitiert. Und der Geschäftsführer Produktion und Supply Chain fährt fort: „Daher fokussierten wir uns beim Produktionsstart unseren Ansprüchen entsprechend auf Qualität und optimierte Prozesse. Mängel aufgrund einer selbstgesetzten, zu engen Deadline zu riskieren, kam für uns nicht in Frage.“ Zeitdruck oder Terminengpässe scheinen also nicht der Grund für die Probleme zu sein.

Alternativen zu S/4 Hana hätte es gegeben

Dass der Schritt auf S/ Hana alternativlos gewesen wäre, ist so mit Sicherheit nicht richtig, denn für die Warenwirtschaft eines Lebensmittelherstellers gibt es durchaus Alternativen. Darunter finden sich nicht nur bewährte Branchenlösungen globaler IT-Konzerne wie Microsoft oder Infor, sondern auch Lösungen europäischer Hersteller wie Comarch, CSB, Gus Group, IFS oder Ordat. Selbst auf Basis der bewährten Business-Suite von SAP gibt es verschiedene Branchenlösungen, die sogar – wie SC/400 – auch mit den bisher genutzten Power-i-Systemen betrieben werden können. Alternativlos ist der Schritt von SC/400 auf S/4 Hana nur für den, der alle Prozesse mit der In-Memory-Lösung der SAP unterstützen will.

Die Produktionsprobleme kommen zur Unzeit, weil Haribo in Deutschland ohnehin zu kämpfen hat. Die „Lebensmittel Zeitung“ berichtete unter Berufung auf Marktforscher, dass der Absatz der Goldbären hierzulande zeitweise um 25 Prozent zurückgegangen sei. Außerdem ist Haribo nicht allein mit seinen SAP-Problemen in der Lebensmittelbranche; erst kürzlich hatten wir über den Stop der SAP-Einführung bei Lidl berichtet. Dort sind Schätzungen zu Folge 500 Mio. Euro in die gescheiterte SAP-Einführung investiert worden.

Bildquelle: Haribo

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok