ERP-System Business Suite lebt bis mindestens bis Ende 2030 weiter

SAP nimmt viel Druck aus dem Kessel

SAP sagt die Wartung für S/4 Hana bis Ende 2040 zu. Außerdem wird die SAP Business Suite 7 (und damit ERP 6.0) abgekündigt, wobei SAP allerdings die Mainstream-Wartung für Kernanwendungen bis Ende 2027 bereitstellen und anschließend gegen Aufpreis eine Extended-Wartung bis Ende 2030 anbieten will. SAP will bis 2027 weder Vertragsänderungen noch zusätzliche Gebühren verlangen. Nach 2030 wird zeitlich unbefristet die Customer Specific Maintenance angeboten. Zuletzt war der Druck auf SAP immer stärker geworden, die fehlende Planungssicherheit nach 2025 auszuräumen. Das ist nun mit der offiziellen Abkündigung der Business Suite geschehen.

  • Andreas Oczko, Fachvorstand Service & Support der DSAG

    Andreas Oczko, Fachvorstand Service & Support der DSAG: „Die langfristigen Zusagen führen die Diskussion weg vom Zeitdruck und zurück zum Wesentlichen: Wie lassen sich der Mehrwert und die Chancen […] von S/4 Hana bestmöglich nutzen?“

  • Christian Klein, SAP

    Christian Klein, Co-Vorstandssprecher der SAP: „Wir wissen, dass unsere Kunden umfangreiche Transformationsprojekte durchführen!“

SAP verkauft diese Neuerung als „Ergebnis der Zusammenarbeit mit Kunden, Anwendergruppen und Partnern sowie weiteren Branchenvertretern“ und verspricht jetzt die Wartung für das 2015 angekündigte neue ERP-Produkt S/4 Hana (das dann bereits ein 25 Jahre alter ERP-Oldie sein wird) bis zum Jahr 2040. Außerdem gibt es Support für die Business Suite 7 bis Ende 2030. „Kunden sind damit in der Lage, Innovationen umfänglich und hochflexibel zu nutzen, um ihre Geschäftsprozesse grundlegend zu verändern und dabei ihre bestehenden Investitionen zu schützen“, heißt es in der Presseinformation. Ob 2030 das letzte Wort sein wird, kann mit Fug und Recht bezweifelt werden.

Diese Ankündigung war lange überfällig, denn obwohl die Business Suite nie abgekündigt war, erweckten praktisch alle Berater und die meisten SAP-Partner den Eindruck, nach 2025 würden Anwender der Business Suite im Regen stehen. Der Grund war einzig und allein, Entscheidungen für eine Migration auf das Nachfolgeprodukt S/4 zu beschleunigen. Leider hat SAP dazu lange Jahre geschwiegen und dieser plumpen Geschäftemacherei tatenlos zugesehen.

Langfristiges Bekenntnis lange gefordert

Und das, obwohl die Walldorfer sehr wohl wissen, dass all ihre Kunden ein langfristiges Bekenntnis zur ERP-Plattform erwarten – unabhängig davon, ob diese Plattform S/4 Hana, Business Suite, Business One oder Business By Design heißt. „Wir wissen, dass unsere Kunden umfangreiche Transformationsprojekte durchführen […]“, wird folglich auch Christian Klein, Co-Vorstandssprecher der SAP, in der Pressemitteilung dazu zitiert.

Darin kommt er auch auf die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe (DSAG) zu sprechen, die als einer der wenigen Meinungsbildner schon immer betont hatte, dass die Business Suite 2025 wohl in keinem Fall am Ende sei. Allein schon deshalb, weil bis 2025 „niemals alle ECCs auf S/4 Hana migriert worden sein werden“, wie es DSAG-Vorstand Ralf Peters ausdrückte. Das ist ein schieres Mengenproblem, denn bisher gibt es nurmehr rund 13.800 Kunden, die sich für S/4 Hana entschieden haben; erst wenige Tausend Kunden nutzen die Suite aktiv. Insgesamt hat  SAP aber 440.000 Kunden in über 180 Ländern dieser Welt.

Was SAP bei der Ankündigung von S/4 Hana versprochen hatte, war Investitionssicherheit für die Business-Suite-Kunden für den Zeitraum von zehn Jahren. Was danach passiert, wurde bis heute offen gelassen; Aussagen zum Ende des Supports (EoS) gab es bisher nicht. Das hat sich heute geändert, wobei solche Aussagen auch nicht in Stein gemeißelt sind; bei R/2 zum Beispiel wurden diese Fristen mehrfach verlängert.

SAP kämpft noch mit den Hausaufgaben

Das wird vermutlich allein schon deshalb nötig werden, weil SAP noch etliche „Aufgaben hinsichtlich der Integration von Systemen, kompatiblen Datenmodellen von Anwendungen sowie flexiblen und skalierbaren Lizenzmodellen“ vor der Brust hat. Allein schon der erzwungene Wechsel der Datenbank – sei es Oracle oder db2, sei es Microsofts SQL Server oder ein hauseigenes Produkt wie MaxDB bzw. Sybase – auf die In-Memory-Datenbank ist aufwendig und kostspielig. Klein formuliert das Zugeständnis so: „Da unsere Kunden außerdem Wahlmöglichkeiten verlangen, wird SAP zusätzliche Flexibilität gewährleisten, damit die bahnbrechenden Chancen von SAP S/4 Hana voll ausgeschöpft und das individuelle Tempo und die Komplexität der Kundenprojekte berücksichtigt werden können.“

Offiziell abgekündigt hat SAP die Business Suite erst heute mit einer „End-of-Maintenance“-Ankündigung. Und bis dann ECC-Systeme nach dem EoM gar nicht mehr gewartet werden, wird noch viel Wasser den Rhein hinab fließen. Dazu werden dann vorher noch angekündigt „End of Extended Maintenance“ und „End of Customer specific Maintenance“.

Transparenz und Vertrauen

Thomas Saueressig, im Vorstands der SAP verantwortlich für die Produktentwicklung, betont, dass es für die SAP wichtig sei, „dass ihre Kunden erfolgreich sind und im Hinblick auf die von uns angebotenen Lösungen freie Wahl haben.“ Natürlich sei S/4 Hana „die Architektur und Plattform der Zukunft“, doch diese Wartungszeiträume sorgten „für Transparenz und Vertrauen“. Nach der „Auslaufphase“ genannten Zeit bis 2027 biete man den Kunden zwei Optionen für die Fortsetzung der Wartung der Business Suite 7:

  1. Kunden, die Support für längere Umstellungsphasen in Richtung S/4 Hana benötigen, können auf die „Extended Maintenance“ zurückgreifen. Dies ist verbunden mit einem Aufschlag von zwei Prozentpunkten auf ihre bisherige Wartungsbasis für Kernanwendungen der Business Suite 7 und gilt für alle Supportangebote. Extended Maintenance steht für drei weitere Jahre von 2028 bis 2030 zur Verfügung.

  2. Kunden, die sich nicht bis Ende 2027 für die erweiterte Wartung entscheiden, sondern ihre Anwendungen auf Basis der Business Suite 7 weiterführen möchten, werden automatisch auf die Customer Specific Maintenance umgestellt. Diese beinhaltet die Lösung bereits bekannter Probleme bei unveränderten Gebühren. Das Bemerkenswerte daran: Diese Form der Wartung hat kein Ablaufdatum. Allerdings gibt es weder Weiterentwicklungen noch Anpassungen an neue gesetzliche Vorgaben.

Zeitdruck adé

„Die gesamten Ankündigungen sind ein wichtiger und vor allem der richtige Schritt von SAP. Es ist ein ermutigendes Zeichen, dass SAP seinen Kunden und Stakeholdern Gehör schenkt […]“, sagte Andreas Oczko, Fachvorstand Service & Support der DSAG. „Die langfristigen Zusagen führen die Diskussion weg vom Zeitdruck und zurück zum Wesentlichen: Wie lassen sich der Mehrwert und die Chancen […] von S/4 Hana bestmöglich nutzen?“

Die DSAG hatte sich schon seit März 2019 für eine belastbare Release- und Wartungsplanung von SAP über 2025 hinaus stark gemacht. Die Anregungen wurden endlich in einer neuen konkreten Roadmap umgesetzt. Auch nach Oczkos Ansicht verschaffen die Zusagen der SAP ihren Kunden die notwendige Zeit, „um sich mit den Chancen und Möglichkeiten von S/4 Hana auseinanderzusetzen“, sich Innovationspotenziale zu erschließen, Geschäftsprozesse flexibler zu gestalten und gleichzeitig die bestehenden Investitionen zu schützen.

Diese gewonnene Zeit muss laut Oczko umgehend genutzt werden: „Die Wartungszusagen […] sind kein Freibrief, weiter zu warten. Im Gegenteil, sie müssen der Startschuss sein, dass die Unternehmen ihre letzte Zurückhaltung ablegen und die digitale Transformation beginnen.“ Es gelte nun, die Möglichkeiten auch zu nutzen, die S/4 Hana und die neuen Technologien bieten. Deshalb müsse die SAP den Zugang für die Kunden auf ihre Innovationen „signifikant“ vereinfachen. Zudem gelte es, auch die Bemühungen hinsichtlich eines vertikalen Lizenzmodells weiter zu verfolgen, das bestehende Lizenzierungen für die Cloud berücksichtigt. Das dürfe keine Vision bleiben.

Bildquelle: SAP, DSAG

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok