Ankündigungen rund um Rise harren noch der Realitäts-Checks

SAP: Rise – oder was?

Verzweifelt sucht man bei SAP nach Argumenten, den vielen – mehr oder weniger – zufriedenen Kunden der Business-Suite den riskanten und kostspieligen Wechsel auf das neue Produkt S/4 Hana schmackhaft zu machen. Allein, es fehlen die „Business Cases“. Und vieles scheint noch Zukunftsmusik zu sein.

  • Der DSAG-Vorstandsvorsitzende Jens Hungershausen ist gespannt auf die ersten Erfahrungen, die Unternehmen im DACH-Raum mit Rise machen werden.

  • SAP-CEO Christian Klein: „Unser neues Ziel ist es, die weltweit größte Business-Community aufzubauen, über die sich Kunden einfach mit Unternehmen in ihren Lieferketten vernetzen können und eine Vernetzung der Wirtschaft über Branchen hinweg erreicht wird.“

Druck konnte die meisten Kunden nicht von einem Wechsel auf S/4 Hana überzeugen, so dass das Support-Ende für die Business-Suite bereits von 2025 auf 2030 verschoben wurde – weitere Verlängerungen nicht ausgeschlossen. Die In-Memory-Datenbank Hana, anfangs wegen ihrer „Echtzeit-Fähigkeit“ noch als „Game-Changer“ gefeiert, spielt im Marketing der Walldorfer schon lange keine Rolle mehr. Kein Wunder, stand doch schon das „R“ in R/1, dem ersten SAP-Produkt in den 70er Jahren, für „Realtime“.

Jetzt gibt SAP Milliarden aus für das neue Argument „Business-Transformation“, plakativ „Rise“ genannt. Unter anderem wurde das Berliner Startup Signavio für soviel Geld gekauft, dass dessen bereits geplanter Börsengang ad acta gelegt wurde. Dessen Technologie wird mit der Brechstange weiterentwickelt, obwohl der langjährige Partner Celonis (war scheinbar nicht käuflich) aktuell die populärere Lösung für das sogenannte „Process Mining“ am Start hat.

Was steckt hinter Rise?

Unter dem Anfang des Jahres lancierten Oberbegriff „Rise“ werden verschiedene Software-Angebote in einem Subskriptions-Modell gebündelt – und hoffentlich schnellstmöglich auch integriert. Das zentrale Element – oh Wunder – ist das ERP-System S/4 Hana als Basis möglichst vieler, wenn nicht aller Geschäftsprozesse des Kunden ist.

Dazu gesellen sich die „Business Technology Plattform“ (BTP), der Zugang zum Einkaufs- und Supply-Chain-Netzwerk (Business-Network auf Basis von Ariba), Tools für die Geschäftsprozess-Analyse, eine IT-Infrastruktur in der Cloud und weitere Bausteine. Allein die Tatsache, dass das 2012 zugekaufte Ariba-Netz endlich integriert mit der ERP-Suite zusammenarbeitet, wäre eine dicke Schlagzeile wert.

Das gestern neu vorgestellte „Business Network“ soll das Ariba-Netz, das „Logistics Business Network“ und das „Asset Intelligence Network“ in einem Portal zusammenbringen. Sollte das bezahlbar sein und bedienbar bleiben, wäre das durchaus im Sinne der Kunden und Partner. „Über 5,5 Millionen Unternehmen sind heute bereits Teilnehmer in dieser Netzwerk-Community“, heißt es aus Walldorf. Neue Branchenlösungen sollen „nachhaltigeres Wirtschaften“ unterstützen. Die neuen Software-Produkte versprechen laut Hersteller „eine außergewöhnliche Transparenz sowie Funktionen, mit denen sich Messdaten in der gesamten Logistikkette abrufen lassen“.

Während Netzwerke im Privatleben bereits eine große Rolle spielen, sei dieses vernetzte System einzigartig für Unternehmen, die Geschäfte miteinander tätigen, sagte SAP-Vorstandssprecher Christian Klein. Die Pandemie habe mehr als deutlich gezeigt, wie wichtig es ist, zu Communitys zu gehören. „Unser neues Ziel ist es, die weltweit größte Business-Community aufzubauen, über die sich Kunden einfach mit Unternehmen in ihren Lieferketten vernetzen können und eine Vernetzung der Wirtschaft über Branchen hinweg erreicht wird.“

Weil Rise nach dem Start im Januar ganz offensichtlich nicht wie gewünscht „gezündet“ hat, kommen jetzt ergänzend „transformation packages for specific industries“ hinzu – für die Geschäftstransformation als Service („Business Transformation as a Service“) mit anfangs fünf branchenspezifischen Cloudlösungen für den Handel, die Konsumgüterindustrie, die Automobilbranche, die Versorgungswirtschaft sowie den Maschinen-, Geräte- und Komponentenbau.

„Rise with SAP verbindet den Ansatz von SAP, ihre Kunden in Cloud-Szenarien zu bringen, mit weiteren Angeboten, die mit dem Thema Business-Transformation abgedeckt werden“, kommentiert Jens Hungershausen, Vorstandsvorsitzender der User-Group DSAG, diese Ankündigung. „Durch die Art und Weise, wie ‚Business Process Intelligence‘ verfolgt wird oder wie Geschäftsprozesse mittels bestehender Business-Networks wie Ariba umzusetzen sind, sollen die Kunden dieser Strategie folgen. Für SAP-Anwender kann das durchaus den einen oder anderen positiven Anstoß geben, der sich in der Realität allerdings noch bewähren muss.“

Rise muss sich in der Realität noch bewähren

Die geplanten Industriepakete etwa für Automotive, Handel, Konsumgüter, Maschinenbau, Komponentenfertiger und Energieversorgung klingen „interessant“, so Hungershausen. Begeisterung klingt anders. Gleiches gilt seiner Meinung nach für die Erweiterungen rund um das Personalwesen und das modulare Cloud-ERP. Und er gibt zu bedenken: „All dies sind auch Eingriffe in bestehende IT-Landschaften, die nur möglich sind, wenn die angesprochenen Lösungen im gesamten SAP-Öko-System verstanden und entsprechende Projekte anhand tragfähiger Business-Cases umgesetzt werden können.“

Mit Sicherheit wären die Eingriffe in die bestehenden IT-Landschaften nicht so gravierend, wenn nicht mit dem Umstieg auf S/4 auch die Datenbankmigration auf Hana zwingend verbunden wäre. Deshalb wäre es eine Überlegung wert, den puristischen Architekturansatz aufzugeben und zusätzlich auch die In-Memory-Technologie der langjährigen Datenbankpartner IBM, Microsoft und Oracle zu unterstützen. Abgesehen von dieser Idee: Mit Hungershausen sind auch wir gespannt auf die ersten Erfahrungen, die Unternehmen mit Rise machen werden. Laut Hungershausen steht die DSAG jedenfalls „als Sparringspartner für Realitäts-Checks zur Verfügung“.

Bildquelle: SAP, DSAG

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