Peter Schenk, Head of IT-Governance, Head of IT-Supporting Functions & Platforms bei Hellmann Worldwide Logistics
Auslöser des Wechsels: Die weitere Skalierung der globalen Prozesse. Dafür setzt Hellmann nun auf die neue Plattform, die sich laut Hersteller an Veränderungen der Märkte, von Kunden und Partnern sowie des Unternehmens selbst flexibel anpassen lässt. Die neue Plattform soll die zentrale Kommunikationsschnittstelle zu den mehr als 500 weltweiten Kunden, Partnern, Carriern, Zollsystemen und Logistikplattformen des Unternehmens werden. Zudem integriert Hellmann darüber Daten und Prozesse zwischen den Applikationen entlang der gesamten logistischen Wertschöpfungskette.
Hier baut Hellmann bereits seit den Tagen von System 3/x und AS/400 auf die Performance, Sicherheit und Zuverlässigkeit der Midrange-Plattform IBM i, zum Beispiel mit der selbst entwickelten Transportmanagement-Software HellAS oder der Lagerverwaltungssoftware LFS400 von Ehrhardt+Partner. Daneben kommen vielfältige Standardsoftware-Pakete (z.B. Oracle EBS, Cargowise) zum Einsatz, aber auch weitere Eigenentwicklungen auf Basis unterschiedlicher Technologien – von Visual Basic bis hin zu .Net, von Java bis zu Websphere oder auch neueren Container-Technologien wie Docker und Kubernetes.
Dank des reibungslosen Zusammenspiels dieser unterschiedlichen IT-Systeme kann Hellmann Worldwide Logistics mit Kunden und Partnern in einem weltweiten Netzwerk interagieren, das global einheitliche Transportmanagementsysteme sowie Prozess- und Datenintegration transparent über die gesamte Lieferkette abbildet. Dafür ist der Logistik-Dienstleister zwingend auf eine hohe Verfügbarkeit, Leistungsfähigkeit und Robustheit sowie die Sicherheit aller verwendeten Software-Lösungen angewiesen – vor allem bezüglich der Kundenkontakte und der automatisierten Sendungsbearbeitung.
„Mit dem Umstieg auf Webmethods implementiert Hellmann eine zukunftssichere Technologie, die das geplante Wachstum des Unternehmens, die zunehmenden Anforderungen an eine jederzeit transparente Logistikkette sowie die abteilungs- und unternehmensübergreifende digitale Prozessintegration unterstützt“, erklärt Mirko Kraus, Pressesprecher der Software AG.
Peter Schenk, Head of IT Governance, IT-Supporting Functions & Platforms bei dem Osnabrücker Logistikdienstleister, nennt u.a. „die enge Verzahnung zwischen Integration, vielfältigen API-Schnittstellen und B2B-Kommunikationskanälen“ als Entscheidungsgründe für die Umstellung. „Webmethods erleichtert uns das für uns geschäftskritische Onboarding neuer Kunden und Partner, erhöht die Transparenz des Informationsflusses und hilft uns bei der Digitalisierung der komplexen Prozesse entlang unserer weltweiten Wertschöpfungskette.“
Hellmanns IT-Abteilung wird die Plattform selbst zentral verwalten und steuern. Die Arbeit in einer einheitlichen Entwicklungsumgebung über alle Produkte und Schnittstellen hinweg soll es dem IT-Team leichtmachen, auch neu entstehende Unternehmensbereiche sowie neue Kunden und Partner einzubinden.
DV-Dialog befragte den Projektverantwortlichen Peter Schenk dazu, wie sich die Entwicklung bei Hellmann von der Entscheidung für eine ERP- und EDI/EAI-Lösung im Jahr 2008 bis zu den aktuellen Transformationsprojekten zur Einführung neuer TMS-Systeme und einer neuen EDI/EAI-Plattform in 2020 vollzog. Dabei lag der Fokus zunächst auf kundenrelevanten Prozessen, wie der Kundendatenintegration, Verkaufsprozessen sowie Vertrags- und Finanzmanagement.
Herr Schenk, warum nutzt Hellmann trotz des Anlaufes 2008 heute keine integrierte ERP-Suite?
Peter Schenk: Unser Ziel war damals in der Tat, ein integriertes ERP-System für Hellmann einzuführen, das auch all unsere Logistikprozesse und unterstützenden Funktionen im Unternehmen unterstützt. Von dieser Idee haben wir uns aber rund zwei Jahren nach dem Projektstart wieder verabschiedet.
Warum?
Schenk: Ganz einfach: Weil die Software aus unserer Sicht eines Logistikers, der Aufträge von sehr vielen sehr unterschiedliche Kunden aufnimmt und innerhalb eines Logistiknetzwerks optimiert, völlig andere Optimierungen durchführen muss als der übliche ERP-Standard, der ein produzierendes oder Handelsunternehmen unterstützt, das seine Warenverteilung über sehr viele Logistikdienstleister orchestrieren will.
Außerdem ist der Logistikmarkt höchst fragmentiert, also von vielen kleinen und mittelständischen Dienstleistern geprägt. Die würden kein mächtiges, vollintegriertes Logistiksystem über alle Logistikprozesse und die unterstützenden Funktionen hinweg benötigen und es sich zudem auch nicht leisten können. Weil es nur 10 bis 15 potentielle Kunden gegeben hätte ist dieser Markt für die großen ERP-Hersteller begrenzt attraktiv, daher wurde unsere ursprüngliche Idee einer ERP-Standardsoftware für Logistiker wieder verworfen..
Was war die Konsequenz?
Schenk: Wir haben im ersten Schritt die Oracle eBS als Lösung für unsere ‚Supporting Functions‘, wie ich Personalwesen, Finanzwesen, Stammdaten-Management und CRM einmal nennen möchte, mit ihren Kernprozessen eingeführt. Diese Systeme sind heute produktiv im Einsatz. Für unsere logistischen Kernsysteme haben wir andere Lösungsansätze gefunden und befinden uns aktuell in der Implementierung mehrerer Transformationsprojekte.
Zeitgleich mit dem Oracle-Projekt hatten wir 2008 beschlossen, uns von den bis dato üblichen Punkt-zu-Punkt-Integrationen zwischen den Applikationen und auch mit den Kunden zu verabschieden – und stattdessen ein zentrales EDI- und EAI-System als Integrationsplattform einzuführen. Also haben wir ein „EDI-Frontend“ und einen ‚Enterprise Service Bus‘ implementiert, über den heute nicht nur all unsere Hellmann-Applikationen ihren Datenaustausch abwickeln, sondern auch die mehr als 500 Kunden- und Partner-Integrationen.
Wenn das funktioniert – warum dann die Umstellung?
Schenk: Weil der Hersteller der bisher verwendeten Middleware zwischen zwei Releases die Befehlssprache grundlegend geändert hat! Und: für uns wichtige Funktionen standen im neuen Release nicht mehr zur Verfügung. Die Folge: Jede einzelne Integration hätte angepasst werden müssen.
Das heißt: Hellmann musste sowieso umstellen – und hat sich deshalb noch einmal am Markt umgeschaut?
Schenk: Genau! Wir haben aber keine umfassende Marktanalyse durchgeführt, sondern uns auf einige Hersteller beschränkt, die für uns in Frage kamen. Das war zum Beispiel die Software Lobster, die bei uns bereits im Einsatz ist. Darauf stellen wir aktuell die Integration in der gesamten Kontraktlogistik um, weil diese Software in unsere Lagerverwaltung integriert ist. Außerdem haben wir uns Microsofts Biztalk und die Software AG näher angeschaut.
Warum nicht die Firma Oracle und deren Produkt Weblogic?
Schenk: Die Lösung von Oracle hätte sicherlich Vorteile bei der Integration von weiteren Applikationen in ein zentrales ERP-System auf Basis von Oracle eBS, wobei dies in unserer Applikationslandschaft eines von vielen Systemen ist, die es anzubinden gilt. Die logistischen Kernsysteme liegen außerhalb der eBS. Lobster kam an dieser Stelle letztlich für uns deshalb nicht in Betracht, weil ein weltweites Deployment gefragt ist – und diese Software unseren Ansprüchen an die Skalierbarkeit nicht genügt.
Am Ende stand daher ein „Proof of Concept“ sowohl mit Microsoft als auch mit der Software AG. Unser Fokus lag auf dem Migrationsaufwand, denn wir wollten mit Automatismen möglichst viel der vorhandenen Integrationen übernehmen und die Integrationen nicht komplett manuell neu erstellen. Wir haben im Rahmen der Analyse festgestellt, dass Microsoft zur Transformation von XML-Dokumenten einen Dialekt der Programmiersprache XSLT verwendet, der den meisten der bei uns bisher entwickelten Integrationen fremd ist.
Die Entscheidung fiel aber letztlich auch deshalb auf Webmethods von der Software AG, weil die Plattform gut skalieren kann und wir damit robust aufgestellt sind, denn wir können entsprechende Redundanzen einbauen und damit unseren Anforderungen an Hochverfügbarkeit genügen. Außerdem erwarten wir mit dieser Plattform bei der Umstellung die geringsten Migrationskosten und den höchsten Automatisierungsgrad.
Wie ist die Umstellung geplant?
Schenk: Wir haben das Projekt bereits Anfang 2020 gestartet, die technische Umgebung aufgebaut und uns mit dem System vertraut gemacht. Mitte des vergangenen Jahres haben wir dann den ersten Kunden auf der neuen Plattform live geschaltet; Ende Januar 2021 waren bereits 150 Kundenintegrationen auf die neue Plattform umgestellt.
Momentan migrieren wir die Kundenanbindungen auf Webmethods. In der zweiten Phase soll dann die Anreicherung eingehender Kundendaten um interne Daten und kundenspezifische Geschäftslogik folgen. In der dritten und letzten Projektphase, die 2023 beendet sein soll, geht es dann um den EAI-Anschluss unserer Hellmann-internen IT-Anwendungen.
Herr Schenk, vielen Dank für das Interview!
Digitalisierung und digitale Transformation sind für den 1871 in Osnabrück gegründeten Logistikkonzern mehr als nur Schlagworte. Die mehr als 300 Köpfe starke IT-Abteilung unterstützt die weltweit 19.500 Beschäftigten dabei, die Logistikkette für die Kunden effizienter zu gestalten. Ob Projekte, Support oder Entwicklung: Das IT-Team ist immer mittendrin, wenn es darum geht, weltweit Güter zu bewegen oder Dienstleistungen zu erbringen.
Bildquelle: Hellmann Worldwide Logistics