Hauptsitz der Software AG an der Uhlandstraße in Darmstadt
Laut Handelsblatt soll nicht nur der erst im Oktober formierte Geschäftsbereich Super-IpaaS für 2,13 Mrd. Dollar an IBM gehen, sondern es sollen auch all die anderen im Laufe der Jahre von der Software AG zukauften Geschäftsbereiche verkauft werden. Im Endergebnis würde das lange Jahre zweitgrößte deutsche Softwarehaus so auf seine ursprünglichen Kernprodukte zurückgestutzt – auf das für IBM- und Siemens-Mainframes entwickelte „adaptierbare Datenbank-System“ Adabas und auf die Software-Entwicklungsumgebung Natural.
Unter Berufung auf Finanzkreise hieß es heute, die Darmstädter hätten Wettbewerber und Investoren aufgefordert, Gebote für ihre Geschäftsbereiche „Trend Miner“ (Datenanalyse für die Industrie) und „Cumulocity“ (Plattform für die Vernetzung von Geräten im Internet) abzugeben. Außerdem würden Optionen für „Alfabet“ (Software zur Unternehmensarchitektur-Visualisierung) geprüft – und im Frühjahr würde eine Auktion der Tochter „Aris“ (Software für Prozess-Visualisierung) vorbereitet.
Aris war 2010 mit der Übernahme des seinerzeit drittgrößten deutschen Softwarehauses IDS Scheer in den Besitz der Software AG gelangt, Alfabet folgte 2013 mit dem Kauf des gleichnamigen Berliner Anbieters von Software für die Planung und Optimierung von IT-Landschaften. Der Düsseldorfer Partner Cumulocity wurde dann 2017 übernommen, die Trendminer-Plattform für Zeitreihenanalysen folgte im Jahr 2018.
Auch die beiden jetzt an IBM verkauften Integrationsplattformen Streamsets und Webmethods, die erst im Oktober zur „Super iPaaS“-Plattform gebündelt worden waren, stammen aus Zukäufen und nicht aus eigener Entwicklung. Am 25. Mai 2007 übernahm die Software AG die US-Firma Webmethods zum Preis von 546 Mio. Dollar, 15 Jahre später mit Unterstützung des bereits 2021 als Minderheitsaktionär eingestiegenen Investors auch den Cloud-Datenintegrator Streamsets für 524 Mio. Euro.
IBM will mit dieser Übernahme die Datenbeschaffung und -synchronisierung für Watsonx erweitern und dem erklärten Ziel näher kommen, eine führende Plattform für Anwendungsmodernisierung und -integration zu schaffen. Die Investition von 2,13 Mrd. Euro beweise aber auch, dass „IBM sich weiterhin auf strategische Fusionen und Übernahmen konzentriert, um Werte zu schaffen und das KI- und Hybrid-Cloud-Angebot zu stärken“. Um diese Führungsposition ringen neben innovativen Startups wie Celigo, Frends, Jitterbit oder Workato auch weitere Schwergewichte im Markt, darunter Aws, das Dell-Spinoff Boomi, Fujitsu, Informatica, Microsoft, Oracle, Salesforce/Mulesoft oder Tibco.
„In dem Maße, in dem Unternehmen ihren digitalen Transformationsprozess beschleunigen, werden Applikations- und Datenintegrationslösungen kritische Bestandteile der Modernisierung und der effektiven Anwendung von KI in der Organisation“, begründete Dinesh Nirmal, als Senior Vice President verantwortlich für die Produkte von IBM Software, diese Übernahme. In Kombination mit Watsonx sowie mit den eigenen Applikationsmodernisierungs-, Daten- und IT-Automatisierungsprodukten könne man den Kunden „dabei helfen, das volle Potential ihrer Applikationen und Daten auszuschöpfen – unabhängig davon, wo sie gespeichert sind.“
Christian Lucas, Aufsichtsratsvorsitzender der Software AG und geschäftsführender Gesellschafter von Silver Lake, ergänzte: „Mit der Etablierung des Integrationsgeschäfts in der Cloud hat das Software-AG-Team außergewöhnliche Arbeit geleistet. Das Geschäft ist damit auf einem guten Weg, die ‚Super iPaaS‘-Vision umzusetzen. […] Wir werden das Software-AG-Team bei der Weiterentwicklung der Unternehmensstrategie weiterhin voll unterstützen."
Die Software AG wurde 1969 von sechs Mitarbeitern des Instituts für Angewandte Informationsverarbeitung (AIV) gegründet. Zu diesen Gründern gehörte auch der Mathematiker Peter Schnell, der bis Anfang der 1980er Jahre die vollständige Kontrolle über alle Aktien erlangte und lange Jahre Vorstandsvorsitzender war. Im Geschäftsjahr 2022 hatte das Unternehmen rund 5.000 Beschäftigte in mehr als 70 Ländern und erwirtschaftete einen Jahresumsatz von mehr als 950 Mio. Euro.
Noch nicht auf der Verkaufsliste steht offenbar das hochprofitable Mainframe-Geschäft mit Adabas und Natural, dem allerdings im sogenannten „Legacy-Markt“ wenig Wachstumsperspektiven eingeräumt werden. Zuletzt gab es jedoch sehr positive Nachrichten: In den ersten neun Monaten des Jahres 2023 wuchs der Umsatz um 15 Prozent auf 177,5 Mio. Euro, im dritten Quartal sogar 18 Prozent auf 54,9 Mio. Euro.
Die gute Nachricht für Silver Lake: Auch für diesen Geschäftsbereich könnte es Interessenten geben, denn es existiert eine ganze Schar von Softwarehäusern, die auf das Wartungsgeschäft spezialisiert sind und gut von der treuen Kundschaft existieren können. Und es gibt Mainframe-Häuser, bei denen Adabas und/oder Natural ins Portfolio passen dürfte.
Bildquelle: Software AG