Oracle stellt die nächste Servergeneration vor

Sparc T4 kontra Power7

Zwei Jahre nach der Übernahme von Sun Microsystems hat Oracle vergangene Woche die neue Server-Linie Sparc T4 vorgestellt und spricht von der größten Leistungssteigerung in der Geschichte der Sparc-Prozessoren.

Larry Ellison, Oracle

Oracle-CEO Larry Ellison während der Keynote am Sonntag: Will dem Power-Prozessor künftig paroli bieten

Neu sind die drei Rack-Servermodelle T4-1, T4-2 und T4-4 mit ein, zwei oder vier Prozessoren sowie der Blade-Server T4-1B. Das „Herz“ der neuen Modelle ist der 8-Kern-Prozessor Sparc T4 mit 40 Nanometer kleinen Strukturen. Unter dem Codenamen „Yosemite Falls“ entwickelt, ist er mit 2,85 bis 3 GHz getaktet, implementiert erstmals Dynamic Threading und soll bis zu fünf Mal schneller als sein Vorgänger sein – also schneller als erwartet.

Zum Vergleich: Der im Februar 2010 lancierte Sparc T3 war ebenfalls in 40 nm-Technologie gebaut, aber nur mit 1,65 GHz getaktet. Intels Prozessor Itanium baut noch auf 65 nm-Strukturen, während Intels aktuelle Core-Prozessoren bereits in 32 nm-Technologie gefertigt werden. IBM hängt mit Power7 bei 45 nm dazwischen, wobei im nächsten Jahr mit Power7+ der Schritt auf 32 nm erfolgen soll. Deshalb gibt Oracle auch Gas und zieht die nächsten Prozessorgenerationen T5 und T6 vor, allerdings mit Abstrichen beim Performance-Gewinn. Sparc T5 soll als 28-nm-Version des T4 nach den jüngsten Plänen statt Anfang 2013 bereits im nächsten Jahr auf den Markt kommen und doppelt so schnell sein.

Doch zurück zum jetzt vorgestellten T4, der laut Hersteller „in vielen typischen Anwendungen“ die Performance der neuen Servermodelle insgesamt ebenfalls um den Faktor 5 verbessert. Die neuen T4-Server, die unter dem Unix-Betriebssystem Solaris 10 und der angekündigten Version 11 laufen können, bilden auch die Basis für den ebenfalls neuen Sparc Supercluster T4-4, der im Vergleich zu entsprechenden HP- und IBM-Clustern die doppelte Leistung zum halben Preis bieten soll.

Oracle-CEO Larry Ellison und Hardware-Chef John Fowler sprachen anlässlich der Ankündigung in Redwood Shores von der „weltweit schnellsten universell einsetzbaren Systemlösung“. Dazu würden bis zu vier Rechenknoten und vier Terabyte Hauptspeicher in einem einzelnen Rack kombiniert; der Cluster skaliert bis zu einem Acht-Rack-System.

Der Cluster nutzt für Datenbankanwendungen Oracles Exadata-Speicherzellen und bietet über die Sun-Appliance ZFS Storage 7320 integrierten Festplattenspeicher, der von allen Server-knoten gemeinsam genutzt wird. Er ist laut Ellison ein hundertprozentig aufwärtskompatibler Migrationspfad für Sparc-Anwender: eine Box bewege „Daten doppelt so schnell wie der schnellste Rechner von IBM und zu einem achtmal besseren Preis-Leistungsverhältnis.“ Mit solchen Behauptungen und der Verkürzung der Entwicklungszeitpläne will er wohl die anhaltende Abwanderung der Sun-Anwender in Richtung der Server-Marktführer HP, IBM und Dell stoppen.

Die Sparc T4-Server übertrumpfen laut Fowler den Wettbewerb insgesamt „bei mehreren, geschäftskritischen Arbeitslasten“. Als Beweis gelten neun Benchmark-Weltrekorde, darunter auch ein Vergleich mit einem aktuellen Power7-System mit IBM i im Einsatz mit Oracles ERP-System JD Edwards Enterprise One; das Resultat laut Fowler: Dreimal schneller und halb so teuer wie Power7.

Beim Bereich Data Warehousing bietet ein Sparc T4-Server laut Fowler rund 2,4-mal mehr Performance pro Sockel als ein Power-Modell 780 – mit einem 33 Prozent besseren Preis-/Leistungsverhältnis. Relativ zum HP Superdome 2 mit 16 Itanium-Prozessoren verspricht Oracle 5,7-mal mehr Leistung pro Sockel und ein 2,6-mal besseres Preis-/Leistungsverhältnis. Weitere Informationen zur neuen Sparc T4-Hardware werden in den nächsten Tagen auf der Oracle-Hausmesse „Openworld 2011“ in San Francisco bekannt gegeben.

Allerdings sind alle Benchmarks bekannterweise mit großer Vorsicht zu genießen, geben die doch nur einen Anhaltspunkt für die maximale Leistung, die ein Server auf keinen Fall überbieten wird. Hier tricksen alle Hersteller gleichermaßen, um ihre Produkte im besten Licht glänzen zu lassen – so auch Oracle. Bei IBM spricht man davon, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen werden. So sollen allein sieben der neun angeführten Benchmark-Weltrekorde nicht auf Industriestandards basieren, sondern auf Oracles eigenen Tests oder aber auf Vergleichen aktueller T4-Ergebnisse mit Resultaten aus früheren Benchmark-Versionen.

Auch der von Oracle reklamierte Weltrekord für Java-Anwendungen relativiert sich mit Blick auf die verglichene Konfiguration. Demnach schaffte ein Cluster aus vier T4-4-Applikationsservern (16 Prozessor-Chips, 128 Kerne) und zwei T4-4-Datenbankservern (acht Prozessor-Chips, 64 Kerne) knapp 40.105 Enterprise Java-Operationen pro Sekunde (EjOPS). Verglichen wurde damit ein 16.646 EjOPS schneller IBM-Cluster, bestehend aus einem Power7-Server 780 (acht Chips, 64 Kerne) als Applikationsserver und einem kleineren Modell 750 (vier Chips, 32 Cores) als Datenbankserver. Die Kosten pro EjOPS für den Applikationsserver betragen beziffert Oracle im Fall des T4 mit 11,67 Dollar, beim Power 780 dagegen mit 77,97 Dollar.

„Alles wird schneller, wenn die Daten im Hauptspeicher bleiben,” meinte Ellison vielsagend in seiner Keynote zur Eröffnung der Openworld am Sonntag. „Man kann mehr Fragen stellen und erhält bessere Antworten.“ Das kann man auch als Leitfaden für die Benchmarks verstehen, die viele Fragen aufwerfen: Warum wird Oracle neues Topmodell nicht mit dem der IBM verglichen? Das Power System 795 ist immerhin viermal schneller als die 780. Warum wird die 780 mit nur 512 GB RAM ausgestattet, obwohl doch 2 TB möglich wären – und der Hauptspeicher alles schneller macht? Warum wird die 780 nicht durch den Einsatz des Turbocore-Modus beschleunigt? Warum kommt als Datenbankserver das Modell Power 750 zum Einsatz, dass nur halb so stark ist wie die 780? Wird deshalb bei der Kostenbetrachtung der für die Performance wichtige Datenbankserver ganz ausgeblendet? Warum wurden acht Sun Storage F5100 Flash Arrays mit einem IBM-Plattenspeicher DS5300 verglichen? Warum blendet Oracle auch die Speicherkosten vollständig aus?

Fragen über Fragen, die ein Schlaglicht auf die Benchmark-Problematik werfen. Benchmarks sind ein wichtiges Marketing-Instrument, eignen sich aber nicht für das Sizing in konkreten Kundensituationen. Das wird noch deutlicher an dem Benchmark-Weltrekord für Oracles „Day in the Life“-Workload bei der ERP-Lösung JD Edwards, der speziell auch die AS/400-Kunden der IBM anspricht. Dabei kamen zwei kleinere T4-2-Server (vier Prozessoren) mit JD Edwards Enterprise One 9.0.2 in Solaris-Container zum Einsatz, die auf einen T4-2-Datenbankserver mit Oracle 11g zugreifen und 10.000 interaktive User mit einer durchschnittlichen Antwortzeit von 0,32 Sekunden bedienten, wobei parallel 65 Batch-Jobs pro Minute abgewickelt wurden.

Diese Konfiguration bedient 2,5-mal mehr Online-User bei doppelt so guten Antwortzeiten wie der Mitte September publizierte IBM-Benchmark mit einem Power 750-Server (ein Prozessor, 60 GB RAM und 48 Plattenarmen) unter IBM i 7.1, 4.000 Usern ohne Batch-Jobs und 0,62 Sekunden Antwortzeit. Ähnliche Resultate brachte ein JDE-Benchmark mit der gleichen Maschine unter IBM i 6.1 mit 3.600 Usern. Aufschlussreich ist auch der Vergleich mit dem Vorgänger, denn Oracle wählt hier einen Benchmark mit dem Einstiegsmodell T3-1 (ein Prozessor, acht Kerne), das für 5.000 Online-User bei 19 parallel laufenden Batch-Jobs 0,88 Sekunden Antwortzeit lieferte. Auch hier hinken die Vergleiche. Ein Power7- bzw. Sparc T3-Server wird mit zwei T4-Servern verglichen, wobei die wichtigen Datenbankserver und Speichersysteme ausgeblendet werden.

Das Einstiegsmodell T4-1 enthält in einem 2U-Rack einen Prozessorchip (2,85 GHz) mit acht aktivierten Kernen und 16 Speichersteckplätzen für entweder 4GB, 8 GB oder 16 GB DDR3-Memory, also maximal 256 GB Hauptspeicher. Das ist doppelt soviel Hauptspeicher wie in einem Power7-Einstiegsserver 720, weil IBM hier noch keine 16-GB-Sticks erlaubt (was sich aber bei der Ankündigung am 19. Oktober ändern könnte).

Die Modelle T4-2 und T4-4 verdoppeln jeweils Prozessorzahl und maximale Hauptspeicher-kapazität, wobei der Prozessor des auch im Supercluster verwendeten Topmodells mit 3 GHz etwas schneller getaktet ist. Das Preisspektrum ist von 16.000 Dollar für eine Einstiegskonfigu-ration des Modells T4-1 und rund 160.000 Dollar für eine mit 1 TB Hauptspeicher vollgestopfte T4-4.

Um konkurrenzfähig zu bleiben, brauchen die Sparc-Server mehr Prozessorkerne. Weil dadurch aber die Lizenzkosten für die beim Serverbetrieb notwendige Software ausufern würden, hat Oracle bereits im Vorfeld der T4-Ankündigung der „Processor Core Factor Table“ ein Update verpasst. Beim Sparc T4 wurde der sogenannte „Kernfaktor“ auf 0,5 gesetzt, weil die Zahl der Threads gegenüber T3 von 16 bis 8 halbiert wurde, während die konkurrierenden Power7- und Itanium-Prozessoren den Kernfaktor 1.0 behalten.

Sun-Anwender dürfte das freuen, denn in Geld übersetzt heißt das: Nutzer von IBM- oder HP-Servern zahlen eine Lizenz pro Kern für ihre Oracle-Software, während T4-Nutzer sie mit einer Lizenz auf zwei Kernen einsetzen können. Wenn Oracle den T4 wirklich für konkurrenzfähig halten würde, hätte der Hersteller bei den Software-Lizenzen keine Geschenke verteilt. Denn für Geschenke an die Kunden war Oracle bisher wirklich nicht bekannt.

Allerdings versprach Ellison, der dem Power7 die derzeit schnellste Arithmetik zubilligte, seinen Kunden und Partnern auf der Openworld eines: Man werde den Power-Prozessor der IBM in punkto Geschwindigkeit auf allen Ebenen zu schlagen versuchen. Wo dies nicht gelinge, werde man auf jeden Fall diesem Ziel sehr nahe kommen. Das kann man getrost als Konter auf die vergangene Woche öffentlich geäußerten Zweifel des IBM-Managers Steve Mills verstehen, der im einem Interview die Frage aufwarf, ob Oracle die nötigen Milliarden für die Weiterentwicklung des Sparc-Prozessors investieren werde. Ellison dagegen zitierte in seiner Keynote Ernest Hemingway: „The Sun also rises!“, also „Auf jeden Sonnenuntergang folgt am nächsten Tag ein auch wieder Sonnenaufgang.“

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