Micro Focus plant Verkauf der Open-Source-Tochter für 2,535 Mrd. Dollar

Suse Linux bald wieder eigenständig

Micro Focus, mit dem 8,8 Mrd. Dollar schweren Kauf der Software-Sparte von HPE in die Krise geschliddert, plant mit dem Verkauf der Nürnberger Tochter Suse für rund 2,14 Mrd. Euro an die schwedische Investmentgesellschaft EQT einen Befreiungsschlag.

Bleibt im Amt: Suse-CEO Nils Brauckmann, der seit der Übernahme durch Attachmate im Jahr 2011 an der Firmenspitze steht.

Der angestrebte Erlös liegt mit 2,535 Mrd. Dollar über der Gesamtsumme von 2,35 Mrd. Dollar (inklusive Schulden), für die Micro Focus 2014 Attachmate (inklusive Suse) erworben hatte. Im Gegenzug kann Suse damit erstmals seit der Übernahme durch Novell im Jahr 2003 wieder eigenständig agieren – absolut wichtig für den Open-Source-Spezialisten. Insbesondere werden die engen Bande zu HPE gekappt, die mit Blick auf andere Partner störend wirkten.

In dem Ende Oktober 2017 abgelaufenen Geschäftsjahr setzte Suse, ein Akronym für „Software und System-Entwicklung“, mit 1.400 Mitarbeitern rund 303 Mio. Dollar um und erzielte dabei einen Betriebsgewinn von 98,7 Mio. Dollar. Das Unternehmen wurde 1992 in Fürth gegründet, hatte sich früh auf Open-Source-Lösungen und das Betriebssystem Linux spezialisiert und ist heute nach Red Hat (2017 Jahresumsatz 2,9 Mrd. Dollar) der wichtigste Linux-Distributor.

Übernahme durch Novell im Jahr 2003

Bereits im Jahr 2003 verlor Suse mit der Übernahme durch Novell für damals 210 Mio. Dollar die Eigenständigkeit. Auch der Netzwerkpionier konnte mit den erfolgreichen Open-Source-Lösungen seinen Niedergang nicht aufhalten – und wurde 2011 von Attachmate gekauft. Attachmate wiederum wurde nach zahlreichen Akquisitionen 2014 selbst geschluckt – und zwar von Micro Focus für 2,35 Mrd. Dollar (inklusive Schulden).

Als Micro Focus, ein britischer Softwarekonzern mit rund 4,4 Mrd. Dollar Jahresumsatz, dann im vergangenen Jahr für stolze 8,8 Mrd. Dollar die Software-Sparte von HPE übernahm, wurde es für Suse zunehmend schwierig, die nötige Unabhängigkeit von den Hardware-Herstellern zu wahren. Man sah sich immer wieder genötigt, den notwendigen Abstand zu HPE unter Beweis zu stellen – zumal HPE den Suse Linux Enterprise Server (SLES) zu bevorzugten Distribution kürte.

Das dürfte sich nun grundlegend ändern, wenn der geplante Verkauf an die Investmentgesellschaft EQT Partners durch die Aktionäre und Gremien abgenickt und wohl bis Anfang 2019 vollzogen wird – wie es heißt in bar „auf einer liquiden und schuldenfreien Basis und vorbehaltlich der Normalisierung des Betriebskapitals“. Der Verkaufserlös soll teilweise für die Tilgung der enormen Verschuldung, die den erst im letzten Sommer angetretenen CEO Chris Hsu bereits den Job gekostet hat, aber auch für die Zahlung der aus der Transaktion entstehenden Steuern verwendet werden.

Der Verkauf bringt also sowohl einen Mehrwert für Micro Focus und als auch für Suse – durch die größere unternehmerische Freiheit und einen starken, langfristigen Investor für die nächste Wachstumsphase. „Nach der Übernahme von The Attachmate Group begann Micro Focus im November 2014 mit der Zusammenarbeit mit Suse Business“, lässt Kevin Loosemore, Executive Chairman von Micro Focus, die Zusammenarbeit mit dem Suse-Team Revue passieren. „Zum Zeitpunkt der Übernahme repräsentierte das Suse-Business etwas mehr als ein Fünftel des Umsatzes der Attachmate Group, die wir für 2,35 Mrd. Dollar akquirierten. Es war von Anfang an klar, dass das Suse-Business ein hervorragendes Geschäft […] in einem boomenden, dynamischen Markt darstellte.“ In den dreieinhalb Jahren habe man „erheblich“ in das als separates Produktportfolio geführte Suse Business investiert, was es Suse-CEO Nils Brauckmann und seinem Team ermöglicht habe, Wachstum zu erzielen und Suse zu einem Marktführer bei Open-Source-definierten Infrastruktur- und Application-Delivery-Lösungen zu machen. Loosemore freut sich, „dass diese Investition einen substanziellen Shareholder-Value generiert und unseren Portfolio-Ansatz für das Software-Management bestätigt hat“.

Wachstumsinvestor EQT

Auch aus Nürnberg gab es bereits ein Statement. Suse gab seine Pläne bekannt, mit dem Wachstumsinvestor EQT zusammenzuarbeiten, „um die Eigendynamik, die Strategieausführung und die Produktexpansion als unabhängiges Geschäft“ fortzusetzen. Nach sieben Jahren kontinuierlicher Expansion werde man von einem „entwicklungsorientierten Investor mit umfangreicher Erfahrung in der Softwarebranche“ übernommen. CEO Nils Brauckmann bleibe mit seiner erfolgreichen Führungsmannschaft an Bord und wird nach Abschluss der Transaktion ein weltweit aktives, unabhängiges Unternehmen führen. Er soll „die hervorragenden Marktchancen sowohl im Linux-Betriebssystembereich als auch in aufstrebenden Produktgruppen im Open-Source-Bereich“ weiter nutzen.

„Heute ist ein aufregender Tag in der Geschichte von Suse“, sagte Brauckmann, der seit der Attachmate-Übernahme 2011 an der Spitze von Suse steht, am 2.Juli – und sprach vom nächsten Kapitel in der Entwicklung von Suse, in dem sich die Dynamik der letzten Jahre weiter beschleunigen werde. „Mit EQT werden wir sowohl von weiteren Investitionsmöglichkeiten als auch von der Kontinuität eines Führungsteams profitieren, das sich auf die Sicherung von langfristigem, profitablem Wachstum in Verbindung mit einem starken Fokus auf den Erfolg von Kunden und Partnern konzentriert.“

Johannes Reichel, Partner bei EQT Partners, freut sich schon, mit dem Management von Suse „bei dieser attraktiven Wachstumsinvestition“ zusammenzuarbeiten. „Wir waren beeindruckt von der starken Leistung des Unternehmens in den letzten Jahren sowie seiner starken Kultur und seinem Erbe als Pionier im Bereich Open Source“, wird Reichel in der Pressemitteilung zitiert. „Diese Eigenschaften entsprechen der DNA von EQT, die starke und widerstandsfähige Unternehmen unterstützt und stärkt und das Wachstum antreibtt.“

Brauckmann ist der Ansicht, dass die Übernahme zeitlich genau abgestimmt ist, da der marktgesteuerte Bedarf an digitaler Transformation, basierend auf „Open Source Software Defined Infrastructures (SDIs) und Application Delivery-Technologien, zunimmt. Denn IT-Chefs setzen immer häufiger ihren Fokus auf Open-Source zur Transformation ihrer Unternehmen. Mit seiner Tradition in Open-Source-Software, einer starken Marke und einer Reihe marktführender softwaredefinierter Infrastruktur- und Application-Delivery-Lösungen sei Suse „bestens positioniert, um von dieser Marktdynamik zu profitieren und einen enormen Mehrwert für Kunden und Partner zu schaffen“.

Weitere Investitionen und Unterstützung durch EQT sollen es den Nürnbergern ermöglichen, weiter zu expandieren und Innovationen voranzutreiben – und zwar sowohl durch organisches Wachstum als auch durch Akquisitionen. Dabei will Brauckmann weiterhin „mit seiner aktuellen Mission, Vision und Strategie“ operieren und sich auf Open-Source-Communities und -Projekte konzentrieren.

Wie auch der größere Erzrivale Red Hat arbeitet Suse eng mit IBM zusammen, nicht nur bei den Power-Systemen, sondern auch bei den Mainframes. Speziell im SAP-Markt arbeiten Suse und IBM sehr eng zusammen; allerdings sind die Nürnberger bisher – anders als Red Hat – kein Mitglied der Open Power Foundation. Und: Bei faktisch allen bisherigen Hana-­Einsätzen (laut einer SAP-Pressemitteilung vom Herbst letzten Jahres 18.000) spielt der Suse Linux Enterprise Server (SLES) for SAP Applications eine wichtige Rolle und gilt als empfohlene und bevorzugte Betriebssystemplattform. Seit Oktober ist aber auch Red Hat Enterprise Linux (RHEL) offiziell unterstütztes Betriebssystem für SAP Hana auf Power. Im Gegenzug soll noch im Juli Suse Linux Enterprise 15 (SLE) vorgestellt. SLE 15 soll Mitte Juli für Server und Desktops verfügbar werden; die neue Version unterstützt auch Power9 inklusive Hana.

Über EQT

EQT ist ein wachstums- und entwicklungsfokussierter Investor in einer Vielzahl von Branchen – und investiert im Software-Markt EQT derzeit in IFS und Sitecore, bis 2017 auch in Automic. Die Investmentgesellschaft hat ein Kapitalaufkommen von ca. 50 Mrd. Euro in 27 Fonds und besitzt Anteile an Portfoliounternehmen in Europa, Asien und den USA mit einem Gesamtumsatz von mehr als 19 Mrd. Euro und rund 110.000 Mitarbeitern.

Bildquelle: Micro Focus

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