Markus Koerner: "Wir sind ja nicht 1:1 als GTS selbständig geworden, sondern haben ein neues, völlig anderes Geschäftsmodell. Das brauchen wir, um wieder profitabel zu werden und auch wieder zu wachsen."
Markus Koerner: „Wir können nur dann erfolgreich sein, wenn unsere Mitarbeiter sich gut aufgehoben fühlen!“
Vor gut einem Jahr hat IBM den Plan veröffentlicht, sich von allen nicht Hardware-nahen Infrastruktur-Dienstleistungen zu trennen – sprich von der Abteilung „Global Technology Services“ (GTS) ohne die Wartung und den technischen Support. IBM plant nun eine Zukunft auf Basis von Big Iron, Cloud, Software und Beratung, während GTS – mittlerweile Kyndryl getauft – nach langer Vorbereitung seit dem 4. November eigenständig agieren kann, denn die Aktien wurden am Abend des 3. November wie geplant an die Aktionäre der IBM verteilt. Sie erhielten für je fünf IBM-Aktien eine Kyndryl-Aktie; gut 80 Prozent der Aktien werden seither an der New Yorker Börse unter dem Ticker „KD“ gehandelt;. IBM wird, wie es heißt „vorübergehend“, 19,9 Prozent der KD-Aktien behalten.
CEO Martin Schroeter nennt Kyndryl den weltweit größten unabhängige Anbieter von IT-Infrastruktur-Dienstleistungen, der mit einer 90.000 Köpfe starken Belegschaft weltweit Beratungs-, Implementierungs- und Managed-Services für mehr als 4.000 Kunden in mehr als 60 Ländern erbringt und damit einen Jahresumsatz von 19 Mrd. Dollar anpeilt. Mit Markus Koerner, Präsident der hiesigen Tochtergesellschaft, sprachen wir über die Positionierung und die Ziele in Deutschland.
Herr Körner, warum hat die Abspaltung vergleichsweise lange gedauert? Daimler beispielsweise will den Spin-Off der etwa gleich großen Truck-Sparte innerhalb von drei Monaten abschließen…
Markus Koerner: Weil wir unseren Start sehr sorgfältig vorbereitet haben! Wir sind ja nicht 1:1 als GTS selbständig geworden, sondern haben ein neues, völlig anderes Geschäftsmodell. Das brauchen wir, um wieder profitabel zu werden und auch wieder zu wachsen.
Unser Geschäftsmodell wird darüber entscheiden, ob wir Erfolg haben oder nicht. Und es wird auch dafür sorgen, dass unsere Mitarbeiter sich wohlfühlen und die gebührende Wertschätzung erfahren. Und ich muss gestehen: Ich bin ein absoluter Fan unseren neuen Geschäftsmodells.
Sorgfältige Vorbereitungen waren ebenfalls auf technischer Ebene erforderlich, denn es ist keineswegs trivial, eine Sparte wie GTS teilweise aus einem integrierten Technologiekonzern herauszulösen. Und dann auch noch die stark veränderten Geschäftsprozesse mit IT adäquat zu unterstützen. Beispielsweise haben wir Rechnungswesen und Buchhaltung vollkommen anders organisiert, weil wir viele Kostenstellen der IBM gar nicht mehr haben – beispielsweise für Royalties, Lizenzgebühren oder Markenrechte.
Wie sieht das neue Geschäftsmodell konkret aus?
Koerner: Wir sind ein agiles Unternehmen mit einer flachen Hierarchie. Die Qualität der Services, die wir erbringen, hängt sehr stark vom Mitarbeiter ab, der zum Beispiel für das Monitoring oder das Incident-Management verantwortlich ist. Es kommt immer auf sein Engagement an, auf seine Aufmerksamkeit und sein Know-how – und nicht nur auf die eingesetzten Tools. Und es kommt auf ein funktionierendes Team dahinter an, auf das unsere Expertinnen und Experten bei Bedarf zurückgreifen können.
Deshalb haben wir als Dienstleister wie gesagt ein völlig neues Geschäftsmodell implementiert, bei dem der Mitarbeiter, seine Erfahrung und seine Fortbildung viel stärker im Vordergrund stehen als bei einem vertriebsorientierten Technologiekonzern.
Außerdem ist bei uns das Prinzip der Delegation sehr ausgeprägt. Das heißt zum Beispiel: Konnte ich früher bei den komplexen Verträgen mit unseren Kunden fünf bis sechs Prozent selbst bestimmen, sind es heute 60 bis 70 Prozent. Das wird uns bei Neuabschlüssen sehr helfen, denn das Servicegeschäft ist im Prinzip lokal, auch wenn wir globale Kunden haben. Weil also die Kunden regional unterschiedlich angesprochen werden müssen, haben wir zum Beispiel die gesamte Europa-Organisation aufgelöst und die Entscheidungen weitgehend in die Landesgesellschaften delegiert. Das Prinzip lautet: Die Entscheidungen müssen vor Ort im Markt fallen.
Früher habe ich einen großen Teil meiner Arbeitszeit mit Reporting und Controlling verbracht, um die verschiedenen Management-Level in Europa und weltweit zu informieren. Das hat weder unseren Kunden gedient noch uns im Markt weitergeholfen. Jetzt haben wir ein Online-System eingeführt, über das ich – wie jeder andere Landes-Chef auch – einmal im Monat einen maximal zweiseitigen Bericht an unseren CEO schicke.
Wie viele Mitarbeiter haben Sie aktuell in Deutschland?
Koerner: Rund 1.100 Menschen arbeiten hierzulande bei Kyndryl. Dazu kommen weitere 3.500 Mitarbeiter, die – überwiegend von osteuropäischen Service-Centern aus – ausschließlich für meine Kunden arbeiten. In Deutschland sind wir an neun Standorten präsent: Berlin, Hamburg, Hannover, Düsseldorf, Köln, Frankfurt/Main, Stuttgart, München und Chemnitz, wo wir einen Großteil unserer internen Infrastruktur betreiben. Diese Standorte haben wir in den drei Regionen Nord, Mitte und Süd zusammengefasst. Der größte Standort ist Frankfurt mit rund 450 Mitarbeitern, vor Düsseldorf.
Fühlen Sie sich mit dieser Belegschaft gut aufgestellt – oder sind Ihre Leute schon von Anfang an überlastet? Die Wirtschaftswoche schrieb ja mal davon, dass eigentlich 2.500 IBMer zu Kyndryl wechseln sollten...
Koerner: Die Zahl ist nicht korrekt. GTS hatte in Deutschland zwar noch mehr Mitarbeiter, doch die waren mit Maintenance beschäftigt und sind bei IBM geblieben. Im Rahmen des Betriebsübergangs sind fast alle IBMer zu uns gekommen, weil wir sie überzeugen konnten. Nur eine Zahl im zweistelligen Bereich hat widersprochen und ist bei IBM geblieben – die meisten davon erwartet; nur rund zehn dieser Leute hätte ich gerne im Team gehabt.
Aufgrund dieser Entwicklung haben wir bereits 100 Leute neu eingestellt – und bis zum Jahresende sollen 50 weitere hinzukommen. Im kommenden Jahr wird es weitere Neueinstellungen geben. Aber nicht, weil wir unterbesetzt wären, sondern weil wir wachsen und den Service weiter verbessern wollen.
Ein Bereich, in dem wir sehr stark wachsen wollen, ist das Cloud Computing; im Rahmen neuer Partnerschaften, die wir mit den großen Hyperscalern geschlossen haben, werden wir die Kunden dabei unterstützen, Workloads in die Cloud zu migrieren und dort zu betreiben.
Nicht anbieten wollen wir Vor-Ort-Services; das übernehmen entweder die Maintenance-Kollegen der IBM oder Partner wie Bechtle und Spirit21. Wir bieten sonst alle Services rund Betrieb der Infrastruktur und alles was dazu gehört, von Software-Verteilung über Steuerung bis hin zur Security: Das ist unser Kerngeschäft. Nur bei der Anwendungsentwicklung und -modernisierung halten wir uns zunächst noch bedeckt.
Wie gestalten Sie die Personalpolitik?
Koerner: Wir haben ein „People Business“, denn bei uns dreht sich alles um die Mitarbeiter. Wir können nur dann erfolgreich sein, wenn unsere Mitarbeiter sich gut aufgehoben fühlen. Wer sich nicht gut behandelt fühlt, wird automatisch nicht sein Bestes geben. Es wäre aber fatal, wenn wir Fehler machen, denn dann könnte es sein, dass man an Geldautomaten kein Geld bekommt oder dass die Lufthansa nicht mehr fliegen kann.
Für mich steht deshalb der Mitarbeiter im Mittelpunkt. Seine Zufriedenheit ist key. Das heißt für mich auch, dass er nicht ständig um seinen Arbeitsplatz fürchten muss. Wenn sich das Jobprofil des Arbeitsplatzes ändert, müssen wir den Mitarbeiter weiterentwickeln und so schulen, dass er auch neue Aufgaben meistern kann. Wenn der Mitarbeiter stehen bleiben würde, ginge die Entwicklung nicht weiter.
Wir wollen positive Nachrichten produzieren und nicht über Kündigungen reden. Sobald es Friktionen in unserem Unternehmen gäbe, wäre die Qualität der Service-Delivery in Gefahr – und das ist unser wichtigstes Asset. Die Veränderung des Unternehmens und der Jobprofile sind jedoch key – denn wir wollen ja den technischen Fortschritt vorantreiben. Eines kann ich deshalb sagen: Mitarbeiter, die in Deutschland von Kündigung bedroht sind, gibt es aktuell nicht.
Ihre Mitarbeiter machen vermutlich nicht alles selbst, sondern können auch Partner mit einbinden?
Koerner: Wir setzen viel stärker als früher auf Partner. Das ist ein ganz wichtiger Punkt in unserem neuen Geschäftsmodell. Als Geschäftsbereich der IBM konnten wir längst nicht alle wichtigen Player im Markt ansprechen; beispielsweise spielten Dell, Netapp oder Accenture früher gar keine Rolle bei uns, weil wir als IBM lieber eigene Produkte verkaufen wollten.
Auch Cloud-Lösungen wie Microsoft Azure konnten wir wegen der Konzernstrategie nicht anbieten. Das ändert sich aktuell grundlegend; ich hatte in letzter Zeit sehr viele Kontakte mit neuen Partnern, beispielsweise mit Netapp oder Vmware. Gemeinsam mit Microsoft und Accenture lote ich aktuell gerade aus, welche Value Proposition wir gemeinsam anbieten können. Das wesentlich größere Partner-Ökosystem wird einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass wir in Deutschland wieder wachsen können.
In den letzten Jahren ist GTS doch geschrumpft?
Koerner: International schon. In Deutschland haben wir in den letzten vier Quartalen schon wieder zugelegt, wenn auch noch nicht im Jahresvergleich, immerhin aber von Quartal zu Quartal. Wir sind also gewachsen, aber sicher nicht so, wie ich mir das gewünscht hätte.
Der Markt für Infrastruktur-Services insgesamt wächst aktuell um 4 bis 5 Prozent, Teilsegmente wie Cloud, Resilience oder Security sogar zwischen 8 und 12 Prozent. Ich bin zuversichtlich, dass wir mit einem erweiterten Partner-Netzwerk besser am Marktwachstum partizipieren werden.
Ihr Chef Martin Schroeter hat doch erst für das Jahr 2025 Wachstum versprochen…
Koerner: Das ist richtig – auf globaler Basis. Dahinter stehen die Planungen aller Landesgesellschaften. Für Deutschland sieht unsere Planung schon für 2022 Wachstum vor. Wir sind sehr optimistisch, dass wir unseren Plan auch in die Tat umsetzen können. Der Grund für unseren Optimismus ist unsere stabile und breite Kundenstruktur – und die Zufriedenheit unserer Kunden, die nach unseren Erhebungen in den vergangenen beiden Jahren stetig gewachsen ist.
Der Grund: Wir bieten eine sehr hohe Delivery-Qualität. Das ist entscheidend, denn unser Geschäft basiert auf Vertrauen, weil wir die kritischen Teile der IT-Infrastruktur unserer Kunden betreuen. Den Auftrag dafür erhalten wir nur dann, wenn der Kunde sicher ist, dass wir das auch gut können. Diese Gewissheit ist extrem wichtig. Es gibt keinen großen Auftrag, den wir gewinnen konnten, bei dem wir nicht fünf oder sechs Referenzen vorweisen mussten.
Können Sie einige Referenzen nennen?
Koerner: Zu unseren großen Kunden zählen z.B. Lufthansa, Allianz, Deutsche Bank, Hapag-Lloyd, VW oder Henkel. Dazu gesellen sich Kunden aus dem gehobenen Mittelstand, etwa Osram oder Braun Melsungen, und internationale Kunden wie Vodafone oder British Petroleum, deren Standorte in Deutschland wir betreuen.
Für die Lufthansa managen wir z.B. die gesamte IT-Infrastruktur an allen Flughäfen weltweit. Auch für viele „Hidden Champions“ aus dem Mittelstand, die oft in 50 oder 70 Ländern dieser Welt aktiv sind, übernehmen wir das Management der IT-Infrastruktur an den internationalen Standorten.
Gewinnen Sie aktuell sin Deutschland Neukunden – oder geht es mehr um neue Verträge mit Bestandskunden?
Koerner: Teils, teils! Wie gesagt haben wir im Oktober gemeinsam mit Netapp einen großen Vertrag mit BMW abgeschlossen – und das ist ein Neukunde für uns.
Natürlich gibt es auch Kunden, die mehr Service wollen als bisher. Wenn wir da zwei oder drei große Verträge abschließen, kommen wir schon in die Wachstumszone. Dazu kommt ja noch das kleinteiligere Geschäft mit einem Auftragsvolumen zwischen 1 und 10 Mio. Euro. Die großen Verträge haben eine Laufzeit von fünf bis zehn Jahren und ein Volumen, das von 50 Mio. Euro bis in den Milliardenbereich reicht.
Wie sieht denn die Kundenstruktur aus? Handelt es sich überwiegend um Kunden mit Mainframe- oder Power-Infrastruktur?
Koerner: Wir betreuen insgesamt rund 50.000 Server für unsere Kunden, die Cloud noch nicht einmal mitgerechnet. Dazu gehören auch Mainframes und Power-Systeme, wo wir proportional einen höhere Anteil als im Marktdurchschnitt haben. Die Betreuung lupenreiner IBM-Infrastrukturen haben wir natürlich übernommen, wenn der Kunde sie schon hatte. Unser Wachstum wollen wir aber in anderen Bereichen erzielen - vor allem rund um Digital Workspace, Cloud, Resilience, Security und klassische x86-Server.
Herr Koerner, vielen Dank für das Interview!
Bildquelle: Kyndryl