Evolutionäre Entwicklung eines neuen Core-ERPs bei Rexel Austria

Viel mehr als nur Standard

Rexel Austria, Marktführer im österreichischen Elektrogroßhandel, kann dank gezielter Nutzung von Individualsoftware den Kundennutzen in den Fokus rücken und nachhaltige Lösungen anbieten. Gelungen ist das nach dem raschen Neuaufbau eines schlagkräftigen Entwickler-Teams – und dank sukzessiver Modernisierung und Neuentwicklung des Kernsystems im Projekt Pulsar.

  • Falls das ERP-System auch nur zwei Stunden nicht funktioniert, läuft im Zentrallager nichts mehr.

  • Franz Xaver Fehringer, Geschäftsführer/CFO bei Rexel Austria: „Wir setzen weiterhin auf unsere eigenentwickelte Warenwirtschaftslösung und wollen diese umfangreich modernisieren.“

  • Manfred Auersperg, Senior Solution Architect bei Rexel Austria

  • Andreas Seiler, Business-Application-Manager bei Rexel Austria

  • Alexander Hemmerich, IT-Manager bei Rexel Austria

Eines der Ziele von Rexel Austria ist es, einen wesentlichen Beitrag zur Energiewende sowie einer nachhaltigen, vernetzten und digitalen Welt zu leisten. Um dies zu erreichen, setzt die Landesgesellschaft des französischen Elektrogroßhandelskonzerns seit vielen Jahrzehnten auf individuelle Kernanwendungen, die inhouse entwickelt werden. 

Technologieplattform und Herz der IT ist seit über 25 Jahren das zentrale Warenwirtschaftssystem (WWS) auf Basis von IBM i, mit dem Tag und Nacht sämtliche logistischen Prozesse des Unternehmens inklusive des Webshops sowie Steuerung des Zentrallagers in Weisskirchen unterstützt werden. Das WWS, mit dem tagtäglich über 600 Anwender arbeiten, ist das führende System bei Rexel Austria; falls es auch nur zwei Stunden steht, läuft im Zentrallager nichts mehr. Bereits nach wenigen Stunden sind Umsatzverluste zu erwarten.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Dieses WWS wurde initial in der Programmiersprache RPG entwickelt. Aufgrund seiner hohen fachlichen Qualität und der ausgezeichneten Performance war über viele Jahre nur wenig technische Modernisierung erforderlich. Der komplette Entwicklungsaufwand wurde daher in den Ausbau der Funktionalität investiert, und das maßgeschneidert für die Anforderungen des Elektrogroßhändlers. Insgesamt umfasste das System circa 4.000 Programme und 1.200 Datenbank-Files.

Neuaufstellung angesagt

Dennoch drohten Probleme, denn das bisherige Entwicklerteam war „in die Jahre gekommen“, die fortschreitende Digitalisierung und die durch Corona veränderten Markterfordernisse führten zu mehr und mehr Anpassungsbedarf im System. Das war im bisherigen personellen und technischen Set-up nicht mehr schnell genug leistbar. Eine Neuaufstellung war angesagt. Aufgrund der hohen Kritikalität und Bedeutung des WWS für den laufenden Geschäftsbetrieb entschieden sich Geschäftsführung und IT-Management für ein zweistufiges Vorgehen:

1. Rascher Aufbau einer neuen, schlagkräftigen Entwickler-Mannschaft gemeinsam mit dem Ravensburger Softwarehaus PKS. 

2. Sukzessive Modernisierung und Neuentwicklung des Kernsystems im Projekt „Pulsar“.

„Die Konzentration auf das Kerngeschäft braucht ein stabiles und zuverlässiges ERP-System im Hintergrund“, begründet Franz Xaver Fehringer, Geschäftsführer/CFO bei Rexel Austria, diese Entscheidung. „Kundenwünsche individuell und rasch in dem Standardsystem anzupassen, dauert oft viel zu lange und wird meist in Standard-ERP-Systemen nicht angeboten. Darum setzen wir weiterhin auf unsere eigenentwickelte Warenwirtschaftslösung und wollen diese umfangreich modernisieren. Der Umstieg auf ein Standard-ERP-System würde das Unternehmen über viele Monate mit sich selbst beschäftigen und hätte keinen Kundennutzen. Mit unserem ERP-Modernisierungsplan können wir weiter den Kunden im Fokus behalten und parallel die digitalen Lösungen ausbauen.“

„Mit dem Pulsar-Projekt steht die evolutionäre Entwicklung eines neuen Core-ERPs in einer zeitgemäßen Anwendungsarchitektur an, welche die volle Leistungsfähigkeit und Technologiebreite der Plattform verwendet“, sagt PKS-Experte Roland Müller. „Gleichzeitig ist ein Brückenschlag zum existierenden Altsystem erforderlich, welches dabei nach und nach rückgebaut werden muss.“ 

Das PKS-Team startete Ende 2020 im Rahmen einer Discovery-Phase seine Arbeit. Schnell wurde deutlich, welche Leistung Rexels Entwicklerteam in den letzten Jahrzehnten erbracht hatte. Gleichzeitig wurden aber auch die Lücken – im Sinne von Wartbarkeit und Erweiterbarkeit – erkennbar.

Ramp-up der Entwicklungspartnerschaft 

Mit diesen Erkenntnissen erfolgte der Ramp-up der Entwicklungspartnerschaft, in dem gezielt das technische und fachliche Wissen, das in diesem Software-System steckt, externalisiert und materialisiert wurde. Hierbei kam zum einen die Tool-Suite eXplain (für die technische Dokumentation) zum Einsatz, zum anderen ein Wissensmanagement-Konzept auf Basis von Confluence. 

In der zehnmonatigen Ramp-up-Phase konnten bereits zahlreiche Basisbereinigungen (über 50 Tickets erfolgreich durch PKS bearbeitet) und Neuentwicklungen (z.B. Kabelschnittverrechung) umgesetzt werden. Ebenso wurden 30 Prozent des notwendigen Wissens von den bisherigen Entwicklern auf das PKS-Team transferiert.

Als große Herausforderung sah Andreas Seiler, Business-Application-Manager bei Rexel Austria, die notwendige Einarbeitungszeit in die Komplexität der bisherigen Lösung und Programme. Es gibt ja wie in jeder Branche besondere Prozesse und Begrifflichkeiten, die man für ein gemeinsames Verständnis zuerst erlernen muss. Man habe bereits sehr viel Wissen an das PKS-Team übergeben können, so Seiler. Deshalb sei man nun in der Lage, „nahezu alle Anforderungen durch PKS erfolgreich umsetzen zu lassen. Ich schätze besonders die Motivation des Teams, wenn es darum geht, unser Business und gewünschte Anpassungen in der Applikation zu verstehen.“

Das Jahr 2022 stand im Fokus von drei Handlungssträngen: Erstens galt es, den Know-how-Transfer fortzusetzen, zweitens auch die angedachte Modernisierung und Neuentwicklung des Systems anzugehen und drittens natürlich gleichzeitig auch den Tagesbetrieb (Helpdesk) und alle Businessanforderungen (Pricing, Retouren usw.) zu bedienen.

Betrieb und Weiterentwicklung des laufenden WWS

Da sich Betrieb und Weiterentwicklung des laufenden WWS dank der Übergabe an PKS mehr und mehr stabilisierten und performten, konnte sich Chef-Architekt Manfred Auersperg voll auf die Ausgestaltung der Modernisierungs-Roadmap konzentrieren. Unter dem Programmnamen Pulsar entstand eine neue Programmierphilosophie, die die altbekannten Stärken der IBM-i-Plattform weiter nutzt, gleichzeitig aber auch das volle Potenzial neuer Technologien zum Einsatz bringt.

Pulsar bietet Entwicklern die Chance, unter Zuhilfenahme der modernsten Technologien eine Anwendung von Grund auf zu entwickeln. „Durch den konsequenten Aufbau einer hierarchischen Multi-Layer-Architektur bereits in der Grundanalyse, der strikten Trennung von Datenbank, Funktionalität und User-Interface sowie den Einsatz modernster Tools kann jeder den Bereich finden, in den er oder sie sich einbringen möchte“, betont Auersperg. Weil kein Mensch alles wisse und könne, agiere man jederzeit als Team, in dem jeder seine Meinung einbringen kann und auch soll. 

Die Entwicklung für Pulsar basiert auf Business-Prozessen und der Aufsplittung dieser Prozesse in Services. Somit ergibt sich laut Auersperg „eine hohe Agilität und Wiederverwendbarkeit des Programmcodes“. Er unterteilt Pulsar dabei in verschiedene Entwicklungsströme. Als Basis wird ein Framework, quasi das Core-System, entwickelt. Dieses stellt die Grundfunktionen (z.B. Security, Systemtabellen, Generatoren) für alle anderen Ströme zur Verfügung. Die Datenbank wird unter Verwendung eines Tools für Entity-Relationship aus der Altanwendung übernommen und in SQL realisiert. Für die Entwicklung des User-Interface werden modernste Frameworks (z.B. Angular) eingesetzt. Der Hauptanteil der Entwicklung liegt in der Funktionalität der tatsächlichen Anwendungsentwicklung.

Das technische und fachliche Konzept steht also, nun braucht es „Men & Women“-Power für die Umsetzung. Hierzu wurden alle notwendigen Mittel und Budgets bereits vom Top-Management genehmigt, so dass die neuen Entwicklerstellen besetzt werden können.

Rexel Austria nutzt hier bewusst ein zweigleisiges Konzept: Zum einen haben erfahrene IBM-i-Entwickler in diesem Projekt die Möglichkeit, ihr volles Potenzial einzubringen und modernste Technologie im Kontext der IBM-i-Plattform anzuwenden. Gleichzeitig wird man aber auch aktiv in den Aufbau und die Ausbildung von Junior-Entwicklern investieren, sodass die Handlungs- und Zukunftsfähigkeit der neuen Lösung über viele Jahre abgesichert werden.

PKS sorgt weiter für den störungsfreien Betrieb des Bestandssystems und hilft im Rahmen der iCademy bei der Ausbildung der Nachwuchskräfte. Außerdem fungieren die Ravensburger im Projekt Pulsar als Sparringspartner – und unterstützen bei Bedarf punktuell auch hier.

Nach dem Generationswechsel 

Nachdem der Generationswechsel mit Hilfe von PKS zu einer Absicherung des Bestandssystems verholfen hat, geht es bei Rexel Austria nun mit voller Kraft voraus: Pulsar startet auf Basis einer neuen Anwendungsarchitektur mit dem Refactoring und Redesign des Kernsystems.

Es werden nun die richtigen Menschen gesucht, um die nachhaltige Nutzung von Software-Assets so zu realisieren, dass einerseits der laufende Betrieb nicht gefährdet oder gar blockiert wird, andererseits aber mittels moderner Software-Tools und Architekturkonzepte das Kernsystem fit gemacht wird für die nächsten Entwickler-Generationen.

Nachhaltigkeit pur verspricht für jeden Vollblut-Entwickler – ob mit oder ohne IBM-i-Background – ein grandioses Arbeitsumfeld. Als Tools und Tools kommen in dem Entwicklungsprojekt neben eXplain vor allem Rational Developer for i, das Change-Management-System CMOne sowie die beiden Atlassian-Tools Confluence und Jira zum Einsatz,

„Die gesamte Rexel-Gruppe ist ein wesentlicher Teil in der Wertschöpfungskette zur Reduktion der CO2-Emission“, erklärt Alexander Hemmerich, IT-Manager bei Rexel Austria. „Wir arbeiten täglich daran, nachhaltige Produkte für unsere Kunden auszuwählen und bereitzustellen – und so die Welt mit energieeffizienten Lösungen nachhaltig zu verbessern. Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter leistet somit einen produktiven Beitrag zur Energiewende und kann stolz darauf sein, Wissen und persönliche Energie für das gleiche Ziel einzusetzen.“

In der Unternehmenskultur sind durch die internationale Zusammenarbeit viele Grundwerte verankert, die den Erfolg des Unternehmens ausmachen: Diversität, Toleranz, Kommunikation und Wertschätzschätzung allen Menschen gegenüber. 

„Wir suchen Menschen, die bereit sind, ihr langjähriges Wissen ins Unternehmen einzubringen und dieses auch an die junge Generation weiterzugeben“, so Hemmerich weiter. „Wir brauchen aber genauso junge Leute, die mit ihren frischen Ideen und neuen Arbeitsmethoden die Organisation und Prozesse weiterentwickeln. Nur durch gemeinsames Arbeiten können wir unseren Kunden das Beste bieten.“ 

Es geht laut Hemmerich darum, sich neuen Herausforderungen zu stellen, neue Technologien mit den traditionellen IT-Systemen zu verbinden, Modernisierungsstrategien und nachhaltige Systemverbesserungen umzusetzen – und das an einem modernen Arbeitsplatz in einer stabilen und zukunftsorientierten Firma.

Über Rexel Austria

Der Elektrogroßhändler ist mit den Marken Regro (für Industrie- und Facility-Betriebe) und Schäcke (für Elektrohandwerker und -fachhändler) seit 1996 in Österreich vertreten, verfügt dort über 16 Standorte und beschäftigt rund 700 Menschen. Seit 2019 gehört auch das Unternehmen Comtech IT-Solutions, ein Soft- und Hardwarespezialist für die -Elektro- und Haustechnikbranche, zum Unternehmen zeichnet sich durch ein umfassendes Dienstleistungsangebot und ein Portfolio von qualitativ hochwertigen Produkten aus. 

In Österreich verfügt der Elektrogroßhändler über 16 Standorte und beschäftigt rund 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Mutterkonzern Rexel wurde 1967 in Frankreich gegründet und beschäftigt heute in 26 Ländern und 1.900 Niederlassungen rund 26.000 Menschen.

Die Vorteile der Individualentwicklung auf IBM i

• Produktive Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern der Fachbereiche.
• Abstimmung und Festigung des neuen Entwicklungsprozesses inklusive Programmierrichtlinien im nun fast dreimal so großen ­Entwicklerteam.
• Mehr Schlagkraft durch kontinuierlichen Verbesserungsprozess mittels Schulungsplänen, Redokumentationen und gezielten Retrospektiven.

Bildquelle: PKS, Rexel Austria

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