Datavard-CEO Gregor Stöckler: Jahresausblick 2020 für SAP-Anwender

Vor der Renaissance von Best-of-Breed

„Mit der Digitalisierung kommt das Zeitalter von Best-of-Breed-Solutions zurück. Der Beitrag zur digitalen Wertschöpfung ist so hoch, dass Unternehmen immer die beste Lösung für ihre Situation und ihre Architektur finden müssen“, glaubt Datavard-CEO Gregor Stöckler.

  • Datavard-CEO Gregor Stöckler

    Datavard-CEO Gregor Stöckler empfiehlt allen SAP-Kunden, „zuerst einmal ihre Motivation herauszufinden, eine eigene, realisierbare Roadmap für die Digitalisierung zu definieren und so schnell wie möglich anzufangen, diese Schritt für Schritt umzusetzen.“

  • Bildquelle: Arek Socha / Pixabay

    Best-of-Breed-Lösungen über S/4 Hana so verbinden, dass ein Rädchen in das andere greift.

Unternehmen, die ihre Digitalisierung vorantreiben wollen, kommen an der neuen SAP-Software S/4 Hana nicht vorbei, sagt Gregor Stöckler, Chef des Heidelberger SAP-Partners Datavard. Für die Migration dahin nennt er vier Beweggründe.

Das erste, einfachste und wohl häufigste Motiv für SAP-Anwenderunternehmen ist das sogenannte „Replatforming“ ihrer Business-Suite, denn mit S/4 Hana lassen sich auch Fremdsysteme ablösen, Entwicklungslandschaften vereinheitlichen und Innovationen im hohen Tempo nutzbar machen. Außerdem SAP hat den Support für R/3 (ERP Central Component/ECC und Business-Suite) zwar bis mindestens zum Jahr 2025 zugesichert, hält sich aber mit Aussagen für die Zeit danach zurück, um einen gewissen Druck auf die Kunden auszuüben.

Keine Panik – noch hat SAP ECC nicht abgekündigt

Allerdings wurde auf dem 20. Jahreskongress der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG) deutlich, dass SAP noch etliche „Aufgaben hinsichtlich der Integration von Systemen, kompatiblen Datenmodellen von Anwendungen sowie flexiblen und skalierbaren Lizenzmodellen“ vor der Brust hat. Daher werden, wie DSAG-Vorstand Ralf Peters sagte, bis 2025 „niemals alle ECCs auf S/4 Hana migriert worden“ sein.

Und Kenner der Szene wie Ron Schmerbauch, bei IBM der Manager des „SAP on IBM i“-Teams, sehen das Verhalten der SAP so: „They really want everyone to move to S/4 Hana, and that would include using Hana as the database on Linux,” sagte Schmerbauch den Kollegen von IT Jungle. „But that doesn’t mean they’re giving up on Business Suite. The statement they made was Business Suite on all the databases will be supported through 2025, but they haven’t made any end-of-support statements.”

Das ist ein kleiner Unterschied im Wording, aber ein großer Unterschied in der Semantik. Offiziell abgekündigt, wie seinerzeit R/2, hat SAP ECC noch nicht. Dazu würde eine „End-of-Life“-Ankündigung erfolgen. Und bis dann nach ihrem EoL die ECC-Systeme gar nicht mehr gewartet werden, wird noch viel Wasser den Rhein hinab fließen. Dazu werden dann vorher noch angekündigt: „End of Maintenance“, „End of Extended Maintenance“ und „End of customer-specific Maintenance“. 

All das ist so schnell nicht zu erwarten, zumal SAP laut Schmerbauch auch noch sehr viel Arbeit vor sich hat, bis S/4 Hana auch bei den normalen OLTP-Anwendungen wie Rechnungswesen oder Warenwirtschaft – die Haupt-Workload von ECC und Business-Suite – die Klasse des Vorgängers erreicht hätte. Außerdem ist weder zu erwarten, dass SAP ihre Kunden im Regen stehen lässt, noch dass SAP das Risiko eingeht, diese mit S/4 Hana noch nicht gut bedienbaren Kunden an Microsoft oder Infor zu verlieren.

Migration mit Restrukturierung

Als zweites Motiv neben Replatforming nennt Stöckler Standardisierung bzw. Harmonisierung der IT-Systeme. Viele Entscheidungen für ein bestimmtes Software-Produkt waren früher vielleicht sinnvoll und richtig, seien es aber heute nicht mehr. Viele SAP-Kunden hätten mit unterschiedlichen Prozessen und nicht einheitlichen Stammdaten zu kämpfen. Für sie bedeute der Umstieg auf S/4 Hana, „das Unternehmen zu zentralisieren, die Governance zu optimieren, Prozesse zu harmonisieren oder die Wertschöpfung zu erhöhen“. Die Motivation sei also nur bedingt im Zielsystem S/4 Hana zu finden. Vielmehr gehe es dabei darum, den geplanten Umstieg zur Restrukturierung zu nutzen.

Ein drittes Motiv sieht Stöckler in dem Umstand, dass viele S/4-Hana-Umsteiger zentrale Funktionen, neue Features oder geplante Roadmap-Komponenten nutzen wollen. Der Softwarehersteller hat zum Beispiel in den Bereichen Finanzwesen, Logistik, Fertigung, Forschung & Entwicklung sowie Konstruktion, Vertrieb oder auch Beschaffung neue Anwendungen entwickelt, welche die Handhabung erleichtern. Und längst nicht in allen Bereichen hat S/4 Stand heute den Funktionsumfang der altbewährten Business-Suite zu bieten.

Das vierte Motiv ist die Innovationen. Davon geleitete SAP-Kunden wollen beispielsweise mit „Voice Recognition“ und intelligenten Assistenten, mit Distributed-Ledger oder mit Blockchain arbeiten. Solche Konzepte nutzen „First Mover“-Unternehmen schon heute. Meist handelt es sich dabei jedoch um Einzel- oder Insellösungen. In S/4 Hana sind die Lösungen hingegen integriert und erleichtern somit den Betrieb innovativer Stacks.

Stöckler appelliert an die SAP-Kunden, ihre eigenen Gründe für den Umstieg auf S/4 Hana sauber zu definieren: „Die vier Ausprägungen geben ein Beispiel dafür, wie Unternehmen ihre Motivation artikulieren und in welchen Kategorien sie dann planen können.“

Machbare Roadmap definieren

Die Experten von Datavard empfehlen den SAP-Anwenderunternehmen generell, Projekte so weit wie möglich und auch bis zu einem maximalen Grad voneinander zu entkoppeln und zu entzerren. Es gelte, Schritt für Schritt Einzelprojekte zu definieren, die nur gering abhängig oder meist sogar völlig losgelöst voneinander sind. Zudem stünden diese oftmals nicht einmal im Kontext einer Migration auf S/4 Hana. Beispiele für solche Einzelprojekte seien die Stammdatenharmonisierung, die Kontenplanharmonisierung, die Einführung des neuen Hauptbuches (SAP New GL) und die Nutzung der S4-Hana-Funktionalität „SAP Business Partner“ zur Stammdatenpflege.

Eines der größten Risiken bei der Umstellung auf S/4 Hana sieht Gregor Stöckler darin, sich zu ambitionierte Ziele zu stecken und alle Projekte auf einmal durchführen zu wollen. Das Ergebnis davon sei mehr Komplexität, eine erhöhte Planungsunsicherheit und ein steigender interner Druck. „Viel zu viele SAP-Kunden wollen mit einem Projekt alle Herausforderungen lösen“, so Stöckler. „Das geht aber in 99 Prozent der Fälle nach hinten los.“

Der Fachmann erinnert deshalb gerne daran, dass SAP zwar eine bestehende Roadmap habe, diese aber kontinuierlich anpassen müsse. Die SAP-Kunden, die dieser SAP-Roadmap laut DSAG ohnehin kaum Vertrauen schenken, sollten daher unbedingt für sich eine eigene Roadmap entwickeln und dafür auch den Diskurs mit den Fachabteilungen suchen, um herauszufinden, welche Anforderungen diese hätten. Es ginge darum, den Druck zu reduzieren und nur das anzustreben, was auch sicher realisierbar sei. IT-Chefs sollen sich so viel Luft wie möglich für zusätzliche Projekte lassen und neues Denken erlauben. Außerdem müssen sie prüfen, ob die Projekte überhaupt mit S/4 Hana im Zusammenhang stünden – was meist gar nicht der Fall sei.

Laut Stöckler sollte bei der Migration auf S/4 Hana nicht zu viel Druck aufgebaut werden, zumal das Wartungsende für die Business-Suite ja noch gar nicht angekündigt ist. Auch Stöckler selbst spricht zwar fälschlicherweise davon, empfiehlt aber „allen SAP-Kunden immer wieder, zuerst einmal ihre Motivation herauszufinden, eine eigene, realisierbare Roadmap für die Digitalisierung zu definieren und so schnell wie möglich anzufangen, diese Schritt für Schritt umzusetzen.“

Bildquelle: Arek Socha / Pixabay, Datavard AG

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