Volkswagen bringt Partnerfirmen in seine „Industrial Cloud“

VW: Zweigleisig in die Cloud-Ära

Im letzten Jahr startete Volkswagen gemeinsam mit Amazon und Siemens die „Industrial Cloud“, um Daten aller Maschinen, Anlagen und Systeme aus sämtlichen 124 Fabriken in einer gemeinsamen Architektur zusammenzuführen. Partner aus Maschinenbau und Technologie können sich darüber mit den VW-Standorten vernetzen und eigene Software-Anwendungen zur Optimierung von Fertigungsabläufen in der Industrial Cloud beisteuern. Stand heute sind elf Partner bereits dabei, darunter Teradata.

  • Wachsendes Angebot an Software-Applikationen in der Industrial Cloud angestrebt

  • Nihar Patel (Volkswagen)

    Nihar Patel (Volkswagen): „Die Firmen haben die Möglichkeit, ihre Anwendungen in Partnerschaft mit einem der größten automobilen Fertigungsverbünde einzusetzen.“

Nach der Kooperation mit Microsoft zur Automotive Cloud hat der Volkswagen Konzern im Frühjahr 2019 die Zusammenarbeit mit Amazon Web Services (AWS) und Siemens verkündet, um gemeinsam die Volkswagen Industrial Cloud aufzubauen. Damit will der Konzern seine beiden großen Domänen in die Cloud bringen – zunächst mit Microsoft das vernetzte Fahrzeug und digitale Dienste, nun seine Produktion und Logistik.

Mit der Automotive Cloud will VW ein „automobiles Ökosystem“ schaffen, das digitale Mehrwertdienste über eine Cloud-Anbindung in den Autos der Kunden bereitstellt. Bei der Industrial Cloud geht es dagegen um Produktionsabläufe, um die Vernetzung der Maschinen, Anlagen und Systemen in der Fabrik. So will man Prozesse besser analysieren können und dadurch produktiver werden. Perspektivisch soll sogar die globale Lieferkette mit mehr als 30.000 Standorten und 1.500 Partnerfirmen über diese Cloud laufen.

Produktionsprozesse optimieren

Über einen App-Store-Ansatz, also den direkten Zugriff auf die Applikationen in der Cloud, sollen VW-Standorte ihre Produktionsprozesse weiter optimieren können. Ziel ein schnell wachsendes Angebot an industriellen Software-Applikationen für die Fabriken von Volkswagen. Dazu wurde jetzt die Industrial Cloud für weitere Unternehmen aus Maschinenbau und Technologie geöffnet. Erwartet werden hierdurch erhebliche Produktivitätssteigerungen in den Werken.

Die Partnerfirmen können gleichzeitig ihre Applikationen in einem der größten automobilen Fertigungsverbünde der Welt skalieren und weiterentwickeln. Hierdurch können sie auch ihre eigenen Prozesse und Produkte verbessern. Bereits zum Start beteiligen sich die elf Pionierpartner ABB, Ascon Systems, Bearing Point, Celonis, Dürr, Grob-Werke, MHP, Navvis, Synaos, Teradata und Wago. Gespräche mit weiteren Unternehmen laufen.

„Mit der Industrial Cloud schaffen wir eine Plattform, auf der unsere Partner ihre Software-Anwendungen bereitstellen können“, sagte Nihar Patel, Executive Vice President New Business Development in der Volkswagen AG. „Unsere Partner können ihre Anwendungen skalieren und damit ihre eigenen Geschäftsprozesse optimieren. Auf diese Weise profitieren alle davon.“

Die Industrial Cloud soll perspektivisch weltweit alle Fabriken von Volkswagen und die gesamte Lieferkette einbinden und den system- und werkübergreifenden Datenaustausch vereinfachen. Die Basis bilden AWS-Technologien in den Bereichen Internet der Dinge (IoT), maschinelles Lernen, Datenanalytik und Computing-Services, die auf die speziellen Anforderungen von Volkswagen und der Automobilbranche hin erweitert wurden.

Datenbasierte Produkte kreieren

„Gemeinsam mit Siemens ermöglichen wir dem Volkswagen-Konzern und dessen Partnern Ressourcen für die Optimierung von Produktion und Logistik zu bündeln, neue Geschäftsmodelle für datenbasierte Produkte zu kreieren, und diese für die durchgehende Effizienzsteigerung ihrer gesamten Wertschöpfungskette einzusetzen“, sagte Dirk Didascalou, Vice President of AWS IoT.

Der Autobauer will das Software-Angebot für seine Werke mit Hilfe neuer Partnerunternehmen ausbauen. Hierzu gehört unter anderem ein Algorithmus mit Künstlicher Intelligenz, der den Bedarf fahrerloser Transportsysteme (FTS) in der werksinternen Logistik berechnet und diese ideal verteilt, ebenso eine Software zur Optimierung der Anlageneffektivität („Overall Equipment Effectiveness“, OEE) und eine Anwendung zur Erzeugung eines digitales Abbilds („Digitaler Zwilling“) in der Cloud. Mit dem „Digtial Twin“ können z.B. Auslastung oder Wartungsintervalle von Maschinen simuliert werden, ohne in den realen Produktions­ablauf eingreifen zu müssen.

Öffnung der Industrial Cloud

Das Cloud-Analytik-Unternehmen Teradata will als einer der neuen Partner der Industrial Cloud Volkswagen dabei unterstützen, Prozesse in der Fertigung durch Datenanalyse aus der Cloud zu optimieren, um so die Produktivität in den Werken zu steigern. In Zukunft werden sämtliche Sensordaten sowie weitere Informationen in der cloud-basierten Plattform integriert und mit intelligenten Algorithmen analysiert. Da relevante Daten den Partnern in der Industrial Cloud zur Verfügung gestellt werden können, eröffnet sich ein enormes Optimierungspotenzial für Fertigungs- und Logistikabläufe.

Teradata bringt seine weitreichende Erfahrung in der IoT-Datenanalyse im industriellen Umfeld und die analytische Plattform Teradata Vantage, die über AWS verfügbar ist, in dieses Projekt ein. Die Datenanalyse aus der Cloud kommt in der Fertigung bei Volkswagen zum Einsatz, um zum Beispiel die Ausbringung zu optimieren (Yield Optimization), datenbasierte Qualitätssicherung umzusetzen und vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance) zu ermöglichen.

Erste Schritte

Im ersten Schritt werden die Daten aus Schweißvorgängen zusammen mit weiteren Metadaten in Teradata Vantage analysiert. Mithilfe analytischer Modellverfahren – wie beispielsweise Machine Learning (ML) – kann Teradata die Daten in Gütekategorien mit weiteren Ausprägungen einordnen. Basierend auf diesen Ergebnissen lassen sich die nachgelagerten Prüfvorgänge optimieren und potenziell erforderliche Nacharbeit lässt sich gezielt zuordnen. Das Ergebnis ist eine gesicherte und dokumentierte Qualität der Fertigungsteile und eine höhere Effizienz im Produktions- und Qualitätssicherungsprozess.

VW-Manager Patel sieht in der Entwicklung der Industrial Cloud hin zu einem offenen Partnernetzwerk Vorteile für alle Beteiligten. So können die VW-Standorte ein schnell wachsendes Angebot an Software-Applikationen einsetzen. Das beschleunigt den Aufbau der Industrial Cloud insgesamt.

Darüber hinaus könnten Partnerfirmen auch spezialisierte Applikationen bereitstellen, die nur für bestimmte VW-Standorte relevant sind. Der Konzern kann damit der vielfältigen Struktur seiner Werke Rechnung tragen und zugleich auf eine ineffiziente Eigenentwicklung solcher spezialisierten Anwendungen verzichten. Die Partner erlangen Spezialwissen, um ihre Software stetig weiterzuentwickeln und letztlich auch für eigene Geschäftsprozesse und Produkte zu optimieren. Lohnenswert ist dieses auch, wenn die beteiligten Unternehmen ihre Software-Anwendungen als Marktlösungen etablieren wollen.

Den App-Store-Gedanken vertiefen

Auch AWS will bei der Entwicklung der Industrial Cloud hin zu einem offenen Partnernetzwerk den App-Store-Gedanken weiter vertiefen. Die Partner streben langfristig die Schaffung eines Marktplatzes für Industrie-Applikationen an. Alle Beteiligten könnten dann ihre Anwendungen untereinander − und auch unabhängig von einem Einsatz in VW-Werken − tauschen, erwer­ben und nutzen. Die technologische Basis für diesen Marktplatz befindet sich bereits in der Entwicklung.

Laut Patel ist ein erstes Stück des Weges auf dem Weg zur konzernweiten Industrial Cloud nach gut einem Jahr bereits geschafft - Ende dieses Jahres sollen 18 Standorte über die Cloud verbunden sein. „Das ist jedoch nur ein Teil der Aufgabe“, so VW-Manager Patel. „Perspektivisch wollen wir weitere Unternehmen wie beispielsweise Zulieferer in die Cloud integrieren. Einen wichtigen Schritt machen wir jetzt mit elf internationalen Partnern, die eigene Software-Anwendungen bereitstellen.“

Wie die nächsten Schritte aussehen, ist Patel auch schon klar: „Wir gehen evolutionär vor. Einerseits werden wir immer mehr Lösungen und Volkswagen-Standorte in die Cloud einbeziehen. Andererseits wollen wir zusätzliche Partnerunternehmen mit aufeinander aufbauenden oder neuen Lösungen an Bord holen. Volkswagen-Standorte können dann Software-Applikationen direkt aus der Cloud beziehen, um ihre Produktion zu optimieren. Die Industrial Cloud wird zum App-Store für unsere Werke.“

Bildquelle: Volkswagen AG

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