Interview mit Sebastian Westphal, DSAG-Fachvorstand für Technologie

Weniger Selbstbeschränkung, mehr Wahlfreiheit!

Beim aktuellen ERP-System S/4 fährt SAP eine sehr restriktive Plattformstrategie. Das ist völlig anders als noch beim Vorgänger ECC bzw. R/3, als jeder Kunde aus einer breiten Auswahl an Serversystemen und Datenbankprodukten auswählen konnte und so oft die im Unternehmen bereits vorhandenen Systeme und Skills – gegebenenfalls nach einem Update – weiter nutzen konnte.

  • DSAG-Vorstand Sebastian Westphal

    Sebastian Westphal: „Die bestehende SAP-Zertifizierung ist zunehmend ein Relikt aus der Vergangenheit!“

  • Bildquelle: iStock / Getty Images Plus

Bei S/4 Hana gibt Walldorf hingegen einen konkreten Baukasten vor, in dem sich nur noch Server mit Intel- oder Power-Prozessoren befinden, die unter einem Linux-Betriebssystem von Suse oder Red Hat laufen müssen und als einzige Datenbank das hauseigene In-Memory-System namens Hana (High Performance Analytic Application) nutzen können. Die weit verbreiteten relationalen Datenbanken Oracle, Db2 oder SQL Server haben ausgedient. Zur Plattformstrategie der SAP bei S/4 Hana befragten wir daher Sebastian Westphal, Fachvorstand für Technologie bei der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG). 

Herr Westphal, welche Vorteile bringt die Selbstbeschränkung der SAP bei S/4 auf je zwei Prozessoren (Intel und Power) sowie Betriebssysteme (SLES und RHEL) für die Kunden der SAP? 

Sebastian Westphal: Nachdem die SAP Business Suite noch selbst mit allen wichtigen Datenbanksystemen wie Oracle, Microsoft SQL Server oder IBM Db2 sowie den firmeneigenen Datenbanken MaxDB, ASE und Hana kooperierte, funktioniert das aktuelle ERP-System S/4 Hana ausschließlich mit der bereits 2010 lancierten In-Memory-Datenbank. Die wiederum läuft einzig und allein auf Linux-­Servern – zunächst nur mit Intel-Prozessoren und seit 2015 auch auf den Power-Systemen von IBM

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 9-10/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Die genannten Prozessoren unterstützen gezielt datenintensive Workloads und bieten eine leistungsstarke, integrierte Virtualisierung sowie zahlreiche Merkmale, um die Zuverlässigkeit im Betrieb der Hana-Datenbank zu verbessern.

Was könnte dazu beitragen, die Nachteile durch die strikte Zertifizierung in punkto Wahlfreiheit des Kunden (und damit u.U. höhere Kosten bei Anschaffung und Betrieb) zu kompensieren?

Westphal: Die jeweilige Zertifizierung stellte für die Unternehmen ein „Qualitätssiegel“ dar, dass die (damals) neue, leistungshungrige Hana-Datenbank unterstützt wird und insbesondere der intensive Gebrauch von prozessor­spezifischen Befehlssatz-Eweiterungen für die kritischen Prozesse des Datenzugriffs gesichert ist. 

Gerade bei einer kritischen Infrastruktur, stark regulierten Branchen und hochperformanten Einsatz-Szenarien ist eine entsprechende Zertifizierung Bestandteil des Software-Auswahl­prozesses sowie der IT-Governance und rechtfertigte vielfach das Preispremium bzw. die eingeschränkte Wahlfreiheit.

Ebenso restriktiv wie bei der Hardware ist die SAP-Strategie bei den Betriebssystemen, durch die Beschränkung auf Suse und Red Hat als Lieferanten. Wäre aus Sicht von SAP hier eine Ausweitung wünschenswert, z.B. auf andere Linux-Distributionen oder auch auf Betriebssysteme jenseits von Linux?

Westphal: Das bisherige Modell der Freigabe durch SAP nur bestimmter Hardware wirkt unter dem aktuellen Vertriebsansatz von SAP, die Kunden massiv in Cloud-Architekturen zu ­drücken, ein wenig aus der Zeit gefallen. Denn die derzeit gehypten AMD-Prozessoren EPYC und Ryzen sind ebenso aus dem Rennen wie die populären Linux-Distributionen Debian, Fedora oder Ubuntu. Eine Erweiterung der Zertifizierungen wäre aus Sicht der SAP-Kunden damit aus zwei Gründen sinnvoll: 

• Die Kunden benötigen im Rahmen ihrer ganzheitlichen (hybriden) Architekturen eine größtmögliche Wahlfreiheit aus Herstellern und Distributoren – in Abhängigkeit der Anforderungen des jeweiligen Unternehmens und der schon bestehenden Infrastruktur und Betriebsorganisation.

• Im Hinblick auf den nachhaltigen Betrieb von IT-Infrastrukturen wird der Energieverbrauch zunehmend in den Fokus der Unternehmen gerückt – die neuen Server- und Prozessorgenerationen überzeugen nicht nur durch höhere Leistungen, sondern auch durch einen geringeren Energieverbrauch, von dem die Kunden aufgrund der „Selbstbeschränkung“ derzeit nicht profitieren können.

Die bestehende SAP-Zertifizierung ist zunehmend ein Relikt aus der Vergangenheit, als SAP auch selbst als Anbieter von Infrastrukturen und Rechenzentren auftrat – Stichwort Hana Enterprise Cloud (HEC) – und der Fokus zunächst auf der Bereitstellung Hana-fähiger Infrastrukturen lag. 

In den letzten zehn Jahren sind sowohl die Kunden als auch die SAP mit ihren Cloud-Services konsequent auf Hyperscaler und externe Hosting-Partner umgeschwenkt – im Rise-Konstrukt agiert SAP sogar als eine Art „Reseller“ und stellt den Kunden die Cloud-Infrastruktur der Hyperscaler zusätzlich zu den SAP-Applikationen zur Verfügung.

Die Selbstbeschränkung von SAP bei S/4 Hana auf je zwei Prozessoren sollte aus Sicht der Anwendungsunternehmen daher künftig einer ganzheitlichen Zertifizierung „Hana on Hyperscaler“ weichen: Damit wird sowohl der Zugang zu den jeweils neuesten Technologien, als auch gegebenenfalls eine erweiterte Wahlfreiheit bei den Betriebssystemen möglich, von denen der Kunde profitiert. 

Und auch für SAP würde aus den Kooperationen mit beispielsweise Microsoft, AWS und Google Cloud Platform, aber auch mit Partnern wie IBM oder HP ein zusätzlicher Mehrwert entstehen. Verfügen diese Partner doch nicht nur über das entsprechende Know-how, sondern auch über die erforderlichen Ressourcen, um übergreifende Zertifizierungen im Einklang mit der rasanten technologischen Entwicklung zeitnah bereitzustellen.

Herr Westphal, vielen Dank für das Interview!

©2026Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok