Eigenbetrieb von Rechenzentren

Alte Stärken, neue Herausforderungen

Selbst betriebene Rechenzentren spielen bei der Planung von IT-Infrastrukturen immer weniger eine tragende Rolle. Trotzdem sind lokale Ressourcen vielerorts nicht wegzudenken.

Altes Auto

Noch lange nicht ausgedient: Rechenzentren gehören trotz zahlreicher Cloud-Angebote immer noch zum IT-Alltag.

Die Planungssicherheit für Manager und Unternehmer war selten so schwer zu greifen wie in diesen Tagen. Viele Geschäftsmodelle stehen vor einer ungewissen Zukunft, der Markt ist von Vorsicht und Zurückhaltung geprägt. Keine gute Zeit für Neueinführungen, Experimente oder Leuchtturmprojekte. Im Gegenteil: Viele Unternehmen haben ihren Fokus in den vergangenen Monaten fast gänzlich auf die unternehmenskritischen Prozesse gelenkt, um bei erneuten Turbulenzen einen stabilen Betrieb gewährleisten zu können. Doch dafür spielt die IT-Infrastruktur eine immer zentralere Rolle, der Digitalisierungsdruck steigt also trotz aller Ungewissheiten. Während die Angebote für die Gestaltung dieser Infrastrukturen auf den ersten Blick zugänglicher denn je anmuten, offenbart ein genauerer Blick, wie komplex die richtige Konfiguration der verschiedenen Betriebsmodelle und ihrer Mischformen inzwischen werden kann. Die passende Kombination aus Public und Private Cloud, Colocation und ­eigenem Rechenzentrum ist ein unternehmens­kritischer Planungsfaktor, dessen Feinjustierung bei jeder Organisation individuell angegangen werden muss. In dem komplexen Koordinatensystem aus hybriden Multi-Cloud-Szenarien und dezentralen Serverhousing-Konzepten gilt es vor allem, die Rolle des selbst betriebenen Rechenzentrums neu zu definieren.

Ausgediente Alleskönner?

Die Bedingungen für den Betrieb einer eigenen ­Rechenzentrumsinfrastruktur werden zunehmend schwieriger. Hohe Betriebskosten, akuter Fachkräftemangel und strenge Sicherheitsauflagen halten viele IT-Entscheider davon ab, das Ruder selbst in die Hand zu nehmen. „Gartner hat bereits 2019 das ‚Aussterben‘ der unternehmenseigenen Rechenzentren prognostiziert“, gibt Gabriel Willigens zu bedenken. Der Experte für Datacenter and Connectivity bei Itenos glaubt, dass die IT entgegen der landläufigen Meinung eben nicht in den eigenen Mauern, sondern bei professionellen ­Rechenzentrumsbetreibern am sichersten ist. „Neben ausgeklügelten Zutritts- und Zugriffskonzepten setzen sie die neuesten Datenschutzrichtlinien kontinuierlich um und sind auch in puncto Ausfallsicherheit stark aufgestellt“, so Willigens. Dieser Aspekt ist auch laut ­Markus Angermüller, Vertriebsleiter bei Centron, ein kritischer Faktor: „In der Vergangenheit war die volle Kontrolle über Datenstandort und -sicherheit oft das Totschlagargument für ein eigenes Datacenter. Die ­Unternehmen haben jedoch erkannt, dass sie sehr viel Know-how und Ressourcen benötigen, um einen durchgehenden Datenschutz sicherzustellen“, so der Branchenkenner. Zugleich sei das Datenschutzniveau bei den hiesigen Managed-Service-Providern durch die Bank weg hervorragend.

Torben Belz, kaufmännischer Geschäftsführer von Plutex, sieht derweil den Fachkräftemangel als größte Herausforderung für den Betrieb des eigenen Rechenzentrums: „Um im Marktgeschehen fortdauernd gewappnet zu sein, bedarf es spezialisierten IT-Wissens, was beständig up to date gehalten werden muss. Das geht am besten in hoch spezialisierten Teams, die ­Experten auf den Gebieten IT-Management und IT-­Sicherheit sind, da diese ihre tägliche Arbeit sind.“ Darüber hinaus seien auch bauliche Aspekte entscheidend für den effektiven Betrieb einer eigenen Infrastruktur: Fragen hinsichtlich des Brandschutzes, der sicherheitstechnischen Voraussetzungen, der Stromversorgung oder der Gebäudeintegration müssten ebenfalls immer mitbedacht werden.

Einer Untersuchung von Palo Alto aus dem vergangenen Jahr zufolge betreiben trotz aller Widrigkeiten noch 84,1 Prozent der befragten Unternehmen eine private physische Infrastruktur. Diese werde allerdings zunehmend durch Public-Cloud-Angebote ergänzt, so die Umfrage. Demnach verschiebt bereits jedes zweite Unternehmen (52,4 Prozent) ausgewählte Workloads auf externe Infrastrukturen. Trotzdem gibt es noch immer gute Gründe, diese in bestimmten Fällen aus eigener Kraft vor Ort zu stemmen. Wer etwa mit hoch­sensiblen Daten arbeitet, hat in einem physischen Szenario über gewisse Sicherheitsaspekte deutlich mehr Kontrolle. Auch eine möglichst latenzfreie Datenverarbeitung direkt am Ort der Entstehung, wie sie etwa bei modernen Produktionsverfahren erforderlich ist, benötigt physische Ressourcen vor Ort. „Räumliche Nähe spielt für Unternehmen eine entscheidende Rolle, aber natürlich auch der Wunsch nach Kontrolle und Souveränität“, betont Gabriel Willigens. Demgegenüber stünden allerdings die steigenden Anforderungen hinsichtlich Flexibilität und Wirtschaftlichkeit. Um beidem gerecht zu werden, werde die sinnvolle Ergänzung der eigenen Ressourcen um Private- oder Public-Cloud-Services zum Königsweg.

„Es gibt diese gut funktionierenden hybriden ­Modelle bereits, die gleichzeitig die Souveränität von Unter­nehmen unterstreichen“, erklärt Antje Tauchmann, Head of Marketing bei Maincubes. Während über die eigene Hardware in ­einem Colocation-Rechenzentrum eine Private Cloud genutzt werden könnte, ermöglichten Connectivity-Services den Zugang zu verschiedenen Public-Cloud-Anbietern. Umfangreiche und klar definierte SLAs seien dabei der Schlüssel für eine größtmögliche Souveränität von Unternehmen. Für Gabriel Willigens ist ebenfalls die Konnektivität ein entscheidender ­Faktor: „Unternehmen legen heute mehr denn je Wert auf den schnellen, einfachen Zugriff auf Daten, Dienste und Applikationen“, so der Experte.

Laut Markus Angermüller ist auch die Kombination aus externer Infrastruktur und Backup-Landschaft im eigenen Haus ein verbreitetes Anwendungsszenario: „Auf diese Weise haben Unternehmen die Kontrolle über die eigenen Daten, müssen aber nicht auf die ­klassischen Vorteile der Cloud wie Flexibilität oder Skalierbarkeit verzichten“, so seine Einschätzung. Auch Torben Belz empfiehlt eine Mischkalkulation: Die IT-Infrastruktur für Prozessketten und Produktion sollte seiner Meinung nach lokal im Unternehmen aufgebaut und gegebenenfalls durch redundante Systeme im ­Rechenzentrum abgesichert werden. Kritische und mit dem Internet verbundene Anwendungen sollten da­gegen wiederum über externe Cloud-Services laufen, da nur so die Verfügbarkeit und Sicherheit der Dienste maximal sicher­gestellt werden könne.

Erschwerte Rahmenbedingungen

Neben den betriebswirtschaftlichen Faktoren spielen für den Betrieb von Rechenzentren zunehmend auch gesellschaftspolitische Aspekte eine Rolle: Während die Anlagen immer nachhaltiger und stromsparender konzipiert werden, wachsen die Ansprüche an die hiesigen Betreiber auch durch vergleichsweise hohe Energie­kosten und erschwerte Klimabedingungen. „Der Energieverbrauch eines Rechenzentrums, besonders mit immer mehr IoT-, Blockchain-, Echtzeit-, Streaming- und ­Online-Konferenzlösungen, ist sehr hoch“, bestätigt ­Torben Belz. Ohne die Bündelung von Ressourcen bei den Infrastrukturdienstleistern sähe diese Bilanz allerdings ganz anders aus. Antje Tauchmann stimmt dem zu: „Bei der Frage nach der Energieeffizienz, einem ­möglichst CO2-freundlichen Betrieb und den damit einhergehenden Kosten tritt der Eigenbetrieb von ­Rechenzentren stets hinter die Möglichkeiten von Colocation-Datacentern.“ Das fange bei der eingesetzten Hardware an und gehe über die verfügbare Kühltechnik und Energieeffizienz bis hin zur Gebäudetechnik.

„Durch das gesteigerte Bewusstsein der Bevölkerung für Klimawandel und Naturschutz muss letztlich auch die Wirtschaft nachziehen. Die Europäische Kommission fordert beispielsweise bis 2030 klimaneutrale ­Rechenzentren – ein Szenario, das durchaus realistisch erscheint“, betont Markus Angermüller in diesem Zusammenhang. Gabriel Willigens zeigt sich ebenfalls zuversichtlich: „Die Branche hat bereits einige Meilensteine auf dem Weg in eine ökologisch nachhaltige Zukunft gelegt, wie z. B. eine kürzlich veröffentlichte Studie des Borderstep Instituts im Auftrag des Eco-Verbands für die Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen in Deutschland zeigt.“ Demnach sei der Energiebedarf pro ­Gigabit heute zwölfmal niedriger als 2010. Europaweit sei bis 2030 mit einer Absenkung der CO2-Emissionen um 30 Prozent zu rechnen.

Die Politik könnte laut Torben Belz versuchen, mehr innovative Forschungsansätze mit der Praxis der Rechenzentrumsbetreiber zu verbinden und mehr regionale Programme zur Förderung von klimaeffizienterer Servertechnik mit Abwärmenutzung für kleinere Betreiber anzubieten. Gabriel Willigens sieht derweil die Notwendigkeit, die Branche in ein energiewirtschaft­liches Gesamtkonzept einzubeziehen, kritisiert aber auch die hiesigen Energiekosten: „Gleichzeitig hat Deutschland laut Bitkom die mit Abstand höchsten Strompreise für Industriekunden in Europa. Ein aus­gewogeneres Verhältnis in diesem Bereich würde mit Sicherheit dazu beitragen, die Hürden für den Rechenzentrumsbetrieb deutlich zu senken“, so sein Fazit.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 3/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Die Praxis zeigt, dass sich der Eigenbetrieb von ­Rechenzentren in Zukunft ohnehin zunehmend auf spezifische Aufgaben verlagern wird, statt die gesamte IT-Infrastruktur einer Organisation abzudecken. Für spezielle Backup-Mechanismen sowie verschiedene IoT-, Redundanz- oder Sicherheitsszenarien braucht es allerdings nach wie vor leistungsfähige Ressourcen vor Ort, die sich nicht einfach auf externe Infrastrukturen umziehen lassen. Die erhöhte Zugänglichkeit dieser ausgelagerten Ressourcen sorgt jedoch dafür, dass immer mehr Workloads in die Cloud wandern. Die ­Herausforderung liegt nun darin, die für die eigene Organisation passende Mischkalkulation aus der Vielzahl der Angebote zusammenzustellen, ohne sich dabei in unnötige Abhängigkeiten zu begeben.

Pakt für klimaneutrale Rechenzentren

Ein Jahr nach Verabschiedung des EU Green Deals haben führende Cloud-Infrastrukturanbieter und Rechenzentrums­betreiber in Europa einen gemeinsamen Pakt für klima­neutrale Rechenzentren geschlossen. 25 Unternehmen und 17 Verbände – darunter die unter dem Dach des Eco-Verbands gegründete Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen in Deutschland – haben sich auf eine Selbstregulierungsinitiative geeinigt, um Rechenzentren in Europa bis 2030 klimaneutral zu betreiben. Die Branche verpflichtet sich dazu, den Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft proaktiv zu gestalten und anzuführen. Der Pakt für klimaneutrale Rechenzentren etabliert eine Selbstregulierungsinitiative, die in Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission entwickelt wurde.
Die Branche unterstützt damit auch aktiv die Umsetzung des EU Green Deals, der Europa bis 2050 zum ersten klima­neutralen Kontinent der Welt machen will, sowie die Euro­päische Datenstrategie, nach der Rechenzentren bis 2030 klimaneutral gestaltet werden sollen.

Quelle: Eco-Verband


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