Schon bei der Herstellung von Servern und anderer IT-Hardware wird viel klimaschädliches CO2 freigesetzt.
Fast zwei Wochen lang diskutierten Regierungen und NGOs bei der UN-Klimakonferenz (COP26) in Glasgow über Wege, die Erderwärmung auf rund 1,5 Grad zu begrenzen. Im Ergebnis finden sich ein paar handfeste Regeln, das sichtbare Ende der Kohleverbrennung – und viel diffuse Absichtserklärungen. Dabei bleibt das eigentliche Ziel unverändert: drastische CO2-Reduktion für eine baldige Klimaneutralität, in der EU ab dem Jahr 2050.
Für die Umsetzung dieser ehrgeizigen Pläne ist das Engagement der Wirtschaft gefragt – und hier nicht zuletzt im IT-Sektor. Denn mit dem rasant steigenden Bedarf an Rechen- und Speicherleistung wird die IT hierzulande bald mehr Emissionen produzieren als Luft- und Schifffahrt zusammen. Dabei sind allein die Rechenzentren schon heute für zirka 20 Prozent des Energieverbrauchs in der ITK verantwortlich.
Aber verfügen die Unternehmen über Nachhaltigkeitskonzepte, mit denen sich wirksame Maßnahmen umsetzen ließen? Das Capgemini Research Institute kommt in seiner Studie „Sustainable IT: Why it’s time for a Green revolution for your organization’s IT” zu dem ernüchternden Ergebnis, dass nur sechs Prozent der Unternehmen die Klimabilanz ihrer IT kennen und eine Strategie zu deren Verbesserung haben. Erschwert wird die eigene Bilanzierung durch die Komplexität des Themas.
Es ist verständlich, wenn sich Unternehmen zunächst auf die Energieeffizienz ihrer IT-Infrastruktur, beziehungsweise deren Power Usage Effectiveness (PUE) konzentrieren. Dabei übersieht man jedoch viel ungenutztes Einsparpotenzial. Betrachtet man den gesamten Lebenszyklus der Geräte, zeigt sich auch der indirekte CO2-Fußabdruck aus Herstellung, Transport und Entsorgung. Beispielsweise errechnet die Wirkungsorganisation „Circle Economy“ in ihrem Jahresbericht 2021, dass optimierte Kreisläufe die globalen CO2-Emissionen um 39 Prozent senken können.
Weil jeder Austausch von Hardware nicht nur wertvolle Ressourcen (Mineralien, Metalle, Wasser u. a.) verbraucht, sondern obendrein reichlich CO2 erzeugt, wird die Nutzungsdauer zur wichtigen Stellschraube der Klimabilanz. Darauf zielen die drei Prinzipien der Kreislaufwirtschaft ab: repair, reuse und recycle. Nach diesen Grundsätzen werden Ressourcen geschont, bereits gewonnene und verarbeitete Rohstoffe optimal genutzt und vermeidbare Güter schlicht nicht hergestellt. Wirksame Maßnahmen, den Lebenszyklus von Hardware im Rechenzentrum zu verlängern, werden noch zu wenig genutzt:
Es ist problemlos möglich, den CO2-Fußabdruck einer ganzen Gerätegeneration einzusparen, indem man Hardware über den von den Herstellern festgelegten End of Service Life (EoSL) hinaus einsetzt. In vielen Fällen sind nicht fehlende Leistung oder technische Einschränkungen der Grund für einen Austausch der Geräte nach bereits drei oder fünf Jahren. Häufig verstehen Unternehmen das Ende des Hersteller-Services als Signal, entweder kostenintensive Verlängerungen der Wartung mit den Herstellern auszuhandeln – oder die einwandfrei funktionierende Hardware durch neue Geräte zu ersetzen.
Unternehmen sind keineswegs auf Herstellerwartung angewiesen. Ihre Sorge vor fehlendem Support oder ausbleibenden Sicherheits- und Firmware- Updates ist unbegründet. Anbieter von herstellerunabhängiger Wartung (Third-Party Maintenance/TPM) sind in der Lage, mit zertifizierten Fachkräften eine hochwertige Wartung von Geräten sämtlicher Hersteller anzubieten. Die zweite Sorge wird durch die seit März 2021 geltende „Ökodesign“-Verordnung Nr. 2019/424 genommen. Sie verpflichtet die Hersteller, ihre Geräte langfristig mit Security-Updates und aktualisierter Firmware kostenlos bzw. zu fairen Preisen zu versorgen.
Ein um Jahre ausgedehnter Nutzungszeitraum bedeutet nicht zwingend, dass die Hardware ihren gesamten Lebenszyklus beim ursprünglichen Käufer verbringt. Dem zweiten Prinzip der Kreislaufwirtschaft (reuse) entspricht vielmehr die Wiederverwendung von Geräten. Dabei wird gebrauchte, aber leistungsfähige Hardware generalüberholt und auf ihre volle Funktionstüchtigkeit überprüft, bevor sie in einem anderen Rechenzentrum zum Einsatz kommt. So entfallen auch auf diesem Weg die Fertigungs- und Transport-Emissionen einer kompletten Gerätegeneration. Selbst wenn refurbished Hardware ökologisch wertvoll und zugleich ökonomisch attraktiv ist, setzen bislang noch zu wenig Unternehmen auf diese Maßnahme, stellt Klaus Stöckert, CEO der Technogroup IT-Service GmbH, fest: „In unserer Studienreihe Data Center Wartung haben wir herausgefunden, dass fast 80 Prozent der Befragten in generalüberholter Hardware eine sinnvolle Alternative zur Neuware sehen. Aber erst 15 Prozent nutzen diesen Hebel aktuell, um Budgets und die Umwelt zu schonen.“ Möglicherweise ändert der aktuelle Chip-Mangel daran etwas. Denn während Neuware immer schwerer zu erhalten ist, steht die refurbished Hardware längst bereit.
Irgendwann haben Server, Storage-Systeme und andere Geräte wirklich das Ende ihrer Einsatzfähigkeit erreicht. Doch für die verbauten Materialien und Teile bedeutet das nicht zwangsläufig das Ende: Durch fachgerechte Recycling-Verfahren lassen sich einzelne Komponenten und wertvolle Rohstoffe zurückgewinnen und stehen dem Produktionskreislauf damit wieder zur Verfügung.
Unternehmen vermeiden mit Recycling zum einen, dass durch unsachgemäße Entsorgung Schadstoffe in die Umwelt gelangen. Zum anderen hilft die Wiederverwendung, dass weiteres CO2 beim Abbau, dem Transport und der Veredelung der Stoffe entsteht. Und der Verkaufserlös hilft ganz nebenbei beim ROI der Geräte.
Der Dreiklang der Kreislaufwirtschaft birgt so für die IT die Möglichkeit, ökonomisch und ökologisch nachhaltig zu handeln.
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