Nachhaltigkeit

Ambitionierte Ziele

Im Interview erläutern Rainer Karcher, Global Director IT Sustainability bei Siemens, und Holger Dörnemann, Director Solution Consulting bei Nexthink, inwieweit Digital Employee Experience dafür prädestiniert ist, Green-IT-Initiativen in Unternehmen umzusetzen.

  • Holger Dörnemann Nexthink

    „Firmen müssen ab 2024 detailliert darstellen, welche Maßnahmen sie beim Umweltschutz und bei sozialen Aspekten ergreifen.“, weiß Holger Dörnemann ((Bildquelle: Nexthink))

  • Rainer Kracher Siemens

    „Daten sind ein Schlüsselelement, um zunächst Transparenz zum Ist-Zustand zu schaffen.“, betont Rainer Karcher ((Bildquelle: Siemens))

ITD: Herr Dörnemann, Herr Karcher, was sind derzeit klassische Nachhaltigkeitsmaßnahmen in Großunternehmen, um den CO2-Fußabdruck zu senken?
Holger Dörnemann:
Viele Firmen beginnen gerade erst, ihre Maßnahmen in den IT-Bereich auszuweiten. Bisher standen die klassischen Themen im Vordergrund: Gebäude, Lüftung, Heizung, Strom und Produktionsstätten. In der IT hat man vor allem mit der Betrachtung der Rechenzentren begonnen – oft mit dem Fokus „Klimatisierung“ als einem der wichtigen Treiber, danach Server und Storage. Die ersten Großunternehmen sehen Ansätze eher ganzheitlich bezogen auf die Umweltbilanz von IT-Dienstleistungen. Hierzu gehört dann neben der IT-Produktionssicht – d.h. Komponenten im RZ – auch die Sicht auf die Konsumierenden und ihre digitalen Arbeitsplätze mit Laptops, Desktops, Bildschirmen etc.

Rainer Karcher: Zuerst einmal gilt es, Transparenz zu schaffen, um die aktuelle Umweltwirkung und den CO2-Fußabdruck zu bestimmen und berechenbar zu machen. Was nicht gemessen wird, kann auch nicht reduziert werden; wo keine Kontrollprozesse existieren, kann eine Maßnahme auch nicht hinsichtlich ihrer Wirksamkeit beurteilt werden. Die Grundlage muss hierbei immer eine wissenschaftlich fundierte Methodik sein und, sofern möglich, einem Standard folgend. Begonnen werden kann mit den sehr klassischen Maßnahmen zur Reduktion der sogenannten Scope-1- und -2- Emissionen, also die direkten, durch eigene Handlung beeinflussbaren Emissionen. Hierzu zählt die Steigerung der Energieeffizienz bestehender Ressourcen bzw. Reduktion des Energieverbrauchs. Vergleichsweise einfach mit großer Wirkung ist der Bezug von Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien für Bürogebäude oder Industrieanlagen. Weitere wichtige Maßnahmen sind die Einführung von Eco-Design-Prinzipien: Kreislaufwirtschaft im eigenen Handlungsfeld, Transportwege minimieren, Abfallprodukte vermeiden oder auch die Verwendung nachwachsender Rohstoffe in der Produktion. Wir legen zudem großen Wert auf Weiterbildung und den stetigen Lernprozess unserer weltweit rund 294.000 Mitarbeiter, und sind der Meinung, dass nachhaltige Handlungsweisen einen Mindset-Wandel über alle Fachbereiche und Tätigkeitsfelder global im Unternehmen zur Grundlage haben müssen, um echte Wirksamkeit zu erzielen. Eine sinnvolle und sehr reduzierte Form von Dienstreisen ist ein guter Einstieg. Die verantwortungsbewusste Nutzung von IT, z.B. durch eine möglichst lange Nutzung nachhaltiger, energieeffizienter Hardware, gehört ebenfalls zu den klassischen Maßnahmen in unserer IT und sollte in allen Unternehmen sowie im privaten Umfeld gelten.

ITD: Inwieweit ist Digital Employee Experience (DEX), also das Management digitaler Arbeitsplätze, prädestiniert dafür, Green-IT-Initiativen in Unternehmen umzusetzen?
Karcher:
Das individuelle Verhalten unserer Mitarbeiter ist wesentlich. Durch entsprechende Sensibilisierungskampagnen kann großer Einfluss genommen werden. Im Vergleich zu Newslettern oder Kampagnen im internen Social Network erhöhen die Einsatzmöglichkeiten von DEX-Tools deutlich die Wahrscheinlichkeit, möglichst viele zu erreichen. Die Digitalisierung der Arbeitsprozesse, wie z.B. die Nutzung von digitalen, Cloud-basierten Speichermedien – statt klassischer Papierprozesse und lokaler Speicher –, sollte dabei ebenfalls nachhaltig und individuell realisiert werden. Hierfür können die modernen Tools zielgerichtet und unter Berücksichtigung globaler Unterschiede eingesetzt werden. Dies ermöglicht auch eine bessere, multinationale Zusammenarbeit und erhöht dadurch die Reichweite.

Dörnemann: Erstaunlicherweise sind noch immer viele Unternehmen blind, wenn es darum geht, die Qualität eines digitalen Arbeitsplatzes und der dort konsumierten IT-Dienste zu verstehen. In erster Linie hat dies Auswirkungen auf die Produktivität und Motivation von Mitarbeitern. DEX will ja genau diese Parameter optimieren und damit Endnutzer durch kontinuierliche Optimierung ihrer Umgebung zufriedener machen. Sobald aber qualitative Transparenz in Workplace-Umgebungen besteht, versteht man plötzlich viele Aspekte des täglichen Arbeitens viel besser – dazu gehören auch Green-IT-Aspekte: Wie viele Endgeräte werden nachts nicht genutzt und verbrauchen trotzdem Energie? Welche Endgeräte ließen sich viel länger als die typischen Standardlaufzeiten nutzen, weil CPU und Speicher für die jeweiligen Anwendungsfälle ausreichend performant sind? Statt Endgeräte komplett auszurangieren, gibt es vielleicht Stellenprofile, für die diese Geräte mehr als ausreichend wären? Vielleicht lassen sich Geräte auch durch einfache Modifikationen – Speicherweiterung, neue SSDs statt HDDs – weiterverwenden? Green-IT bedeutet nicht immer nur Einsparung von Energie, sondern hat auch etwas mit Nachhaltigkeit und Müllvermeidung zu tun.

ITD: Welche Rolle spielen Daten beim Einsatz von DEX-Plattformen?
Karcher:
Daten sind ein Schlüsselelement, um zunächst Transparenz zum Ist-Zustand zu schaffen. Zu wissen, wie und in welcher Art IT-Geräte bei Mitarbeitern zum Einsatz kommen, ermöglicht es, darauf Einfluss zu nehmen. Durch direkte Kampagnen, spezifisch adressiert an diejenigen, deren Nutzungsverhalten z.B. hinsichtlich des Stromverbrauchs optimiert werden kann, ist es möglich, den Energieverbrauch und damit die durch Energieerzeugung entstehenden CO2-Emissionen zu reduzieren. Dank der verfügbaren Daten aus DEX wird die Reduktion sichtbar, sowohl für die Mitarbeiter selbst als auch zentral für uns als Unternehmen. Dies trägt aktiv dazu bei, Maßnahmen zu definieren und zielgerichtet umzusetzen.

Dörnemann: Ist erst einmal eine DEX-Plattform implementiert, die relevante Daten und KPIs zum Energieverbrauch zur Verfügung stellt, sind die Folgeschritte einfach zu realisieren. Das fängt mit vermeintlich einfachen Themen an wie z.B. der Frage, ob die im Betriebssystem hinterlegten Energiepläne korrekt sind und dafür sorgen, Rechner zielsicher bei längerer Nicht-Nutzung in den Standby-Modus zu schicken. Idealerweise stellt eine Plattform nicht nur die entsprechende Analytik bereit, sondern verfügt auch über die Fähigkeit, entsprechende Energie(spar)pläne zentral und mit minimalem Aufwand auszurollen. Eine gute DEX-Plattform hilft entsprechend auch bei der Performance-Analyse von Endgeräten – man kennt die Asset-Daten und insbesondere, in welchem Umfang Prozesse und Applikationen ein Gerät tatsächlich auslasten. Dies bedeutet vor allem: Weg von gefühlten Problemen, hin zu einem wirklichen Verstehen in Echtzeit und Abgleich mittels historisierter Daten. Zudem ist es mit einer DEX-Plattform möglich, Mitarbeiter aktiv über Green-IT oder andere Nachhaltigkeitsinitiativen zu informieren – nicht über E-Mails, die eh niemand liest, sondern über direkte Benachrichtigungen auf dem Endgerät und der Möglichkeit, Rückmeldungen einzuholen.

ITD: Was ist von der EU-Gesetzgebung zu erwarten – Stichwort „European Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD)“?
Dörnemann:
Firmen müssen ab 2024 detailliert darstellen, welche Maßnahmen sie beim Umweltschutz und bei sozialen Aspekten ergreifen. Schätzungsweise werden in der EU rund 50.000 Unternehmen von der neuen Direktive betroffen sein, für Deutschland geht man aktuell von 15.000 betroffenen Unternehmen aus. Während wir in der öffentlichen Wahrnehmung oft über die CO2-Belastung durch Flugverkehr hören, taucht IT in diesem Zusammenhang (noch) deutlich weniger auf, ist aber mit einem Anteil von vier Prozent der weltweiten CO2-Emmissionen ein doppelt so großer Emittent wie der Flugverkehr – d.h., insbesondere Unternehmen, deren Wertschöpfung primär auf digitalen Technologien aufbaut, werden hier stärker in die Pflicht genommen, ihre IT-Landschaft ganzheitlich zu betrachten und in das entsprechende Reporting einfließen zu lassen. Aber auch im produzierenden Gewerbe wird es dazu Vorhaben geben. Schon heute sehen wir als Software- und Lösungsanbieter die ersten Kunden und Interessenten, die explizit über unsere Nachhaltigkeitsstrategien gerade auch im IT-Umfeld Informationen erwarten – gut, wenn man diese aufgrund einer strategischen DEX-Initiative sowieso vorliegen hat.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 6/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Karcher: Die CSRD und weitere Direktiven aus anderen Ländern werden eine echte Herausforderung für Unternehmen und hierbei nicht nur für Großkonzerne. Die geforderte Detaillierung und Datenqualität zu nicht-finanziellen Leistungsindikatoren mit Nachhaltigkeitsbezug und die Notwendigkeit, diese Daten zu erfassen, zu sortieren, zusammenzuführen und abrufbereit zu machen, stellt eine enorme Anforderung an IT-Systeme. IT und Digitalisierung sind Schlüsselelemente, um durch Datenanalyse und Dashboards zu einer effizient erzeugten und verlässlichen Transparenz beizutragen. Die 107 KPIs der CSRD kann kein Unternehmen auf bisherige, häufig manuelle Art verarbeiten. Trotzdem begrüßen wir natürlich die ambitionierten Ziele des Europäischen Green Deals und der Direktiven. Sie tragen dazu bei, hier in Europa einen neuen Standard nachhaltiger Wirtschaft zu setzen, dem dann hoffentlich möglichst schnell andere Länder und Konzerne folgen werden – um so das dringend notwendige Ziel zu erreichen: die Einhaltung der im Pariser Klimaabkommen definierten Begrenzung auf 1,5 Grad globaler Erwärmung.

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