Jörg Rosengart, Equinix Deutschland
IT-DIRECTOR: Herr Rosengart, um das Marketingschlagwort "Green IT" ist es in letzter Zeit etwas ruhiger geworden. Inwieweit treibt das Thema die CIOs hierzulande überhaupt noch um?
J. Rosengart: Gerade bei der aktuellen Strompreisentwicklung werden die Themen Energieeffizienz und Green IT für die IT-Verantwortlichen weiterhin von zentraler Bedeutung bleiben. Auf Unternehmen, die sich bisher weniger damit beschäftigt haben, werden sonst in naher Zukunft enorme Kostensteigerungen zukommen. Darüber hinaus steckt noch viel Potential zur Kostenreduktion in den Technikebenen der Rechenzentren. Dieses gilt es zu nutzen, um einerseits Energie zu sparen und andererseits die betrieblichen Stromkosten zu minimieren.
IT-DIRECTOR: Wo würden Sie die IT hiesiger Anwenderunternehmen hinsichtlich ihrer Energieeffizienz im europäischen sowie internationalen Vergleich einordnen?
J. Rosengart: Dies ist von der Branche des Anwenderunternehmens abhängig. Der Finanzsektor gehört zum Beispiel zu den eher weniger energieeffizienten Branchen; im internationalen Vergleich innerhalb der Branche sind die deutschen Finanzunternehmen wiederum in Sachen Energieeffizienz weit vorne. Demgegenüber sind die deutschen Unternehmen aus der Internet- bzw. Cloud-Branche eher internationales Mittelmaß, das gesamte Segment ist hier auf globaler Ebene allerdings einer der Vorreiter hinsichtlich der Nutzung energieeffizienter IT.
IT-DIRECTOR: In welchen RZ-Bereichen lässt sich heutzutage noch am meisten Energie einsparen?
J. Rosengart: Hier liegt das größte Potential in den Bereichen Klimatisierung, USV-Anlagen und Virtualisierung. Rechenzentrumsbetreiber sind vorrangig in den beiden zuerst genannten Feldern, RZ-Nutzer vornehmlich im zuletzt genannten Feld aktiv. Etwas geringer sehen die Einsparpotential bei Hardware und Netzwerkkomponenten aus – jedoch kann auch hier in Zukunft noch einiges an Energie gespart werden.
IT-DIRECTOR: Welche konkreten Maßnahmen sollten dazu in die Wege geleitet werden?
J. Rosengart: Die Beispiele eines flexibleren Einsatzes von Klimatisierungslösungen sind vielfältig. So können IT-Geräte heute bei höheren Temperaturen als früher betrieben werden. Dies eröffnet die Option zur adaptiven Steuerung klimatechnischer Anlagen und zur freien Kühlung, bei der energieintensive Klimasysteme nur dann einspringen, wenn die Umgebungstemperatur einen bestimmten Wert überschreitet und so die Wärmetauscher für das Kaltwasser-Rohrleitungsverteilsystem Unterstützung bedürfen. Lösungswege zur Senkung der Energiekosten müssen aber auch RZ-Nutzer beschreiten, indem sie auf energieeffiziente Server-, Router- und Speichersysteme zurückgreifen. Hier gibt es zwischen den einzelnen Anbietern für Geräte gleicher Leistungsklassen teilweise Differenzen von mehr als 50 Prozent.
IT-DIRECTOR: Welche Standards oder Zertifizierungen sollte man für einen energieeffizienten RZ-Betrieb auf jeden Fall berücksichtigen?
J. Rosengart: Die zentralen Standards hierbei sind ISO 9001/27001 sowie ISAE 3402. Allerdings werden in Zukunft auch Klassifizierungssysteme wie beispielsweise LEED (Leadership in Energy and Environmental Design) auch in Europa an Bedeutung gewinnen.
IT-DIRECTOR: Equinix selbst betreibt weltweit mehrere Rechenzentren – welche PUE-Werte (Power Usage Effectiveness) erreichen Sie hier im Durchschnitt?
J. Rosengart: Je nach Auslastung, Alter und Kundenanforderungen liegen die Werte zwischen etwa 1,3 und 2,3. Potentiale zur Senkung der Energiekosten bestehen fortwährend, wobei natürlich die Wirtschaftlichkeit einzelner Maßnahmen berücksichtigt werden muss. Entsprechende Isolierungen einschließlich der physikalischen räumlichen Abschottung 'heißer' und 'kalter' Nutzflächen voneinander, der Zugriff auf bereitstehende Energien wie Wasser, Wind oder Sonne oder intelligente Kühlsysteme, die ihre Leistungsabgabe an Anforderungen und Außenbedingungen ausrichten sind nur einige mögliche Faktoren. Kein Weg in der nahen Zukunft wird an Brennstoffzellen vorbeiführen, die für den kommerziellen Einsatz bereit sind. Sinniger Nebeneffekt beim Einsatz der Brennstoffzellen: Die saubere, sauerstoffarme Kathodenabluft lässt sich in vielen Bereichen des Rechenzentrums für den Brandschutz verwenden.