Neben der Sensibilisierung der Mitarbeiter hält es Torsten Thau für ebenso wichtig, die gesamte IT-Infrastruktur zu härten.
ITD: Herr Thau, inwieweit standen Finanzhäuser mit ihren kritischen Infrastrukturen anno 2020 im Fokus von Cyberkriminellen?
Torsten Thau: Der Trend der letzten Jahre hat sich auch 2020 fortgesetzt und mit Corona noch mal einen Schub bekommen. Finanzhäuser sind und bleiben ein beliebtes Angriffsziel, weil ihre IT-Systeme oft veraltet sind und Hacker schnell an viel Geld gelangen. Cyberattacken gehören inzwischen zum alltäglichen Geschäft, sodass die Medien nur die größeren Zwischenfälle melden. Los ging es schon in der ersten Januarwoche, als die DKB-Bank Opfer eines Hackerangriffs wurde. App und Website funktionierten dabei stundenlang nicht und die Kunden konnten keine Überweisungen erledigen. Im Sommer gab es dann z.B. Meldungen über einen Hackerangriff bei der Commerzbank. Dabei hatten die Kriminellen Zugang zu mehreren 100 Kreditkarten der Kunden und konnten auf eine fröhliche Shopping-Tour gehen.
ITD: Wie gestalten sich häufige Angriffsmethoden?
Thau: Oft kommen noch die inzwischen schon klassischen Methoden zum Einsatz: der massenhafte Versand von Phishing-Mails, um an Zugangsdaten zu gelangen, oder Mails, die bereits eine Schad-Software im Anhang haben. Mittlerweile nutzen die modernen Bankräuber sogar noch raffiniertere Methoden. Sie entwerfen täuschend ähnliche Abbilder von echten Webseiten und verwenden das HTTPS-Protokoll, wodurch sich die Opfer in Sicherheit wiegen. Auch DDoS-Attacken gehören heute zu ihrem Repertoire. Dabei werden die Ziel-Server mit unzähligen Anfragen überlastet und die Hacker können einen Blick auf die Gegenmaßnahmen werfen, um diese beim nächsten Mal zu umgehen. Ein neuer Trend sind sogenannte Social-Engineering-Angriffe. Dabei werden gesellschaftlich relevante Themen wie die Corona-Krise ausgenutzt. Die Kriminellen ködern ihre Opfer dann beispielsweise mit Fake-Mails über neue Maßnahmen oder locken sie auf nachgeahmte Webseiten, die angebliche Soforthilfen versprechen.
ITD: Warum dauert es oftmals viele Tage, bis die IT-Abteilung eine Schwachstelle im System erkennt und behebt?
Thau: Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich und von mehreren Faktoren abhängig. Ist es z.B. eine Schwachstelle im Code? Wurden Datenlecks gefunden? Oder gibt es vielleicht Probleme bei der Verschlüsselungstechnik? Risiken können in den verschiedensten Bereichen auftreten und dafür wird das entsprechend geschulte Fachpersonal benötigt. Oft spielt auch Glück eine Rolle, wie etwa 2019 bei einer EZB-Website, als ein externer Zugriff nur zufällig bei Wartungsarbeiten auffiel. Warum sich hier besonders der Finanzsektor schwertut, hat zwei Gründe: veraltete Software und die schiere Unternehmensgröße, die sich oft über Kontinente und zahlreiche Webseiten erstreckt.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
ITD: Mit welchen IT-Strategien, -Tools und Sicherheitsmaßnahmen sollten sich Unternehmen im neuen Jahr gegen Hacker wappnen?
Thau: Besonders wichtig ist, das Personal zu sensibilisieren. Da jetzt wieder viele Menschen im Homeoffice sind, kann man den Kollegen nicht schnell bitten, einen Blick auf eine verdächtig wirkende Mail zu werfen. Unsicherheit und Sorglosigkeit nutzen Hacker in diesen Zeiten noch stärker aus als zuvor – und das kann zu großen Problemen führen. Ebenso wichtig ist es aber, die gesamte IT-Infrastruktur zu härten, wie es das BSI empfiehlt. Finanzhäuser nutzen noch häufig Software, die vor Jahren intern entwickelt und mit der Zeit erweitert wurde. Das ist einfach nicht mehr zeitgemäß und im Grunde eine Einladung für Hacker. Unternehmen sollten deshalb darüber nachdenken, auch externe Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zahlreiche Sicherheitsunternehmen bieten verschiedene Services an, z.B. simulierte Hackerangriffe, um Schwachstellen aufzuzeigen. Aber neben den üblichen Maßnahmen wie Virenscannern und Firewalls gibt es auch andere Lösungen, um größtmögliche Sicherheit zu schaffen. Eine Möglichkeit ist etwa der Einsatz von Open-Source-Systemen.
ITD: Inwieweit können Open-Source-Lösungen Hackern das Leben schwer machen?
Thau: Bei IT-Systemen mit offenem Quellcode kann jeder mit entsprechendem Wissen Fehler erkennen und beseitigen. Die Nutzer sind quasi Teil einer großen Community, die die Software ständig verbessert und sicherer macht. Viele Hersteller nutzen diese Möglichkeit leider nicht, weil sie der Meinung sind, dass Schwachstellen lieber unter Verschluss gehalten werden sollten. Mit Open-Source-Systemen wird dagegen eine tatsächliche Fehlerbeseitigung angestrebt.
Bildquelle: One Moment Pictures