Wolfhart Grote, Infolab

Angst vor dem „gläsernen Bürger“

Interview mit Wolfhart Grote, Geschäftsführer der Infolab GmbH

Wolfhart Grote, Infolab

„Ich sehe RFID als eine Basistechnik, die völlig unabhängig von der Branche einsetzbar ist“, sagt Wolfhart Grote, Geschäftsführer von Infolab.

IT-DIRECTOR: Herr Grote, wie gestaltet sich das derzeitige Interesse von Großunternehmen an Supply-Chain-Management-Projekten (SCM)?
W. Grote:
Aus meiner Sicht gab es hier in den vergangenen Jahren wenige Veränderungen. Die ganz großen Nutzenpotentiale sind längst realisiert, bahnbrechende Innovationen lassen auf sich warten.

IT-DIRECTOR: Inwieweit kommt in aktuellen SCM-Projekten die RFID-Technologie (Radio Frequency Identification) zum Einsatz? Wie groß ist die Nachfrage?
W. Grote:
Anfragen zu RFID haben wir sehr viele. Häufig aber habe ich den Eindruck, dass sie von übertriebenen Erwartungen an diese Technik ausgelöst wurden. Schon grobe Analysen ergeben dann oft, dass intelligentere Prozesse auch ohne RFID das bessere Kosten-Nutzen-Verhältnis bieten.

IT-DIRECTOR: In welchen Branchen ist RFID generell sinnvoll, wo ist sie nicht einsetzbar?
W. Grote:
Ich sehe RFID als eine Basistechnik, die völlig unabhängig von der Branche einsetzbar ist. Natürlich hat diese Technik – wie andere auch – günstigere und schwierigere Anwendungsfelder. Diese zum Nutzen unserer Kunden zu identifizieren, ist einer unserer Tätigkeitsschwerpunkte.

IT-DIRECTOR: Welche Möglichkeiten und Vorteile bietet jene Technologie?
W. Grote:
Die bekannten Vorteile von RFID bei der automatischen Identifizierung von Objekten sind vor allem die Lesbarkeit ohne „Sichtverbindung“, also durch Verpackungen hindurch und in rauen Umgebungen, die Pulkerkennung, also das gleichzeitige Erfassen vieler Objekte, sowie die Beschreibbarkeit und damit auch Wiederverwendbarkeit. Bei höherwertigen Transpondern kommen große Speicherkapazität, Verschlüsselung und integrierte Sensorik hinzu, die dann über „Smart Objects“ (intelligente Objekte) ein Internet der Dinge möglich machen.

IT-DIRECTOR: Was sind ihre Schwächen?
W. Grote:
Technische und gesetzliche Rahmenbedingungen begrenzen die Lesereichweiten je nach verwendetem Frequenzband auf wenige Zentimeter bis wenige Meter. Laien habe hier oft völlig falsche Vorstellungen – vermutlich durch Science-Fiction-Filme geprägt. Für viele Massenanwendungen ist außerdem der Preis der Etiketten oft ein Hinderungsgrund, denn die Prognosen, mittels Polymerelektronik zu Etikettenpreisen von unter einem Cent zu kommen, werden sich wohl in absehbarer Zeit nicht bewahrheiten.

IT-DIRECTOR: Welche Bedenken äußern die Anwender gegenüber RFID und wie räumen Sie diese Bedenken aus?
W. Grote:
Im B2B-Bereich sind mir ernsthafte Bedenken bisher nicht begegnet. Bei Endverbrauchern im B2C-Bereich gibt es gelegentlich diffuse Ängste vor dem „gläsernen Bürger“ oder einem „Überwachungsstaat“. Der Hinweis, dass jeder Mobiltelefonbenutzer oder jeder Inhaber einer Payback-Karte freiwillig viele persönliche Daten hergibt, zusammen mit einer Aufklärung über die tatsächlichen Reichweiten von RFID, relativiert diese Bedenken meist recht schnell.

IT-DIRECTOR: Wie gestaltet sich die Einführung von RFID-Technologie bei einem Anwenderunternehmen i.d.R.? Mit welchem Aufwand ist zu rechnen?
W. Grote:
Die Technik RFID ist erst der letzte Schritt bei der Einführung. Beginnen muss diese mit einer Analyse der Umgebung und der Prozesse. Anschließend müssen kurz-, mittel- und langfristige Nutzenpotentiale betrachtet werden. Wenn dann die Wirtschaftlichkeitsberechnung positiv ausfällt, kann mit der Realisierung begonnen werden. Der Aufwand dafür hängt stark von Art und Umfang der Anwendung ab. Eine erste grobe Abschätzung können wir aber meist schon nach wenigen Analyse- und Beratungstagen abgeben.

IT-DIRECTOR: Inwiefern wird die Radiofrequenztechnologie umwelttechnischen Anforderungen gerecht? Wo gibt es noch Nachholbedarf?
W. Grote:
Bei den überschaubaren Stückzahlen von Etiketten, die heute jährlich verwendet werden, ist deren Materialversorgung und -entsorgung unter Unweltaspekten unkritisch. Bei deutlich höheren Stückzahlen könnten die verwendeten Mengen von Kupfer, Aluminium und Silber relevant werden, wenn keine Alternativen zum Einsatz kommen. Dem stehen aber schon heute viele Anwendungen gegenüber, bei denen RFID erheblich dazu beiträgt, die Umwelt zu entlasten.

IT-DIRECTOR: Welche Vor- und Nachteile bietet RFID gegenüber dem Barcode?
W. Grote:
Die Vorteile „Lesen ohne Sicht“, „Pulkerkennung“ und „Beschreibbarkeit und Wiederverwendbarkeit“ habe ich bereits genannt. Ein Nachteil sind die im Vergleich zum Barcode wesentlich höheren Etikettenkosten.

IT-DIRECTOR: Kann RFID auf Dauer den Barcode ersetzen?
W. Grote:
So wie das Fernsehen nicht das Kino ersetzt hat, so wird RFID sicher nicht den Barcode ersetzen, sondern ergänzen. Daneben werden auch andere Auto-ID-Techniken ihre Anwendungsbereiche haben, ganz sicher die zweidimensionalen optischen Codes und vielleicht auch Neuentwicklungen wie der Bokode.

IT-DIRECTOR: Welche Wirtschaftlichkeit schreiben Sie der RFID-Technologie zu? Wie lang ist die Amortisationsdauer?
W. Grote:
Wirtschaftlichkeit und Amortisationsdauer hängen ganz von der Anwendung ab. Bei der Kombination von RFID-Technik mit intelligenter Prozessinnovation ist eine Amortisationsdauer von weniger als einem Jahr durchaus möglich.

IT-DIRECTOR: Welche Zukunft sagen Sie RFID voraus?
W. Grote:
Ich glaube nicht an den großen Durchbruch, der diese Technik zum „Hype“ macht, wie es in vielen Studien um 2005 angekündigt wurde. Ich glaube stattdessen, dass sich RFID kontinuierlich mit soliden Wachstumsraten weiter verbreiten und immer mehr Lebensbereiche durchdringen wird. Ein Schritt in diese Richtung findet augenblicklich bei der Ausstattung der Smartphones statt, die unter der Bezeichnung NFC (Near Field Communication) RFID-Technik „an Bord“ haben. Die nächsten Schritte werden uns dem Internet der Dinge näher bringen. Wir werden im täglichen Leben immer mehr Nutzen von RFID haben, ohne die Technik selbst wahrzunehmen.

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