Dr. Mathias Weber, Bitkom

„Atmende Unternehmen“

Interview mit Dr. Mathias Weber, Bereichsleiter IT-Services beim Bitkom – Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V.

Dr. Mathias Weber, Bitkom

„Die Anwender von IT erhalten mit Cloud Computing bessere Leistungen für weniger Geld“, weiß Dr. Mathias Weber, Bereichsleiter IT-Services beim Bitkom.

IT-DIRECTOR: Herr Weber, welche Entwicklung ist anno 2012 im Bereich „Cloud Computing“ erkennbar?
Dr. M. Weber:
Die Entwicklung der letzten Jahre hat gezeigt: Cloud Computing ist kein kurzfristiger Hype, sondern wird die Bereitstellung und Nutzung von IT-Leistungen tief greifend verändern. Das zeigt sich auch in den Marktzahlen – die Umsätze mit Cloud Computing steigen mit hohem Tempo. Für 2012 erwarten wir ein Marktwachstum von fast 50 Prozent auf 5,3 Mrd. Euro. Das Wachstum wird sich in den kommenden Jahren mit hohen zweistelligen Raten fortsetzen. Heute entfallen gut 40 Prozent des Marktes auf Privatanwender. Der B2B-Markt ist mittlerweile größer und dynamischer, er wächst um rund 55 Prozent. Im Jahr 2016 erwarten wir einen Umfang des deutschen Cloud-Marktes von etwa 17 Mrd. Euro.

Wie Cloud Computing im Einzelnen in der Wirtschaft angekommen ist, zeigt der von KPMG in Zusammenarbeit mit Bitkom und Pac kürzlich vorgestellte und für die deutsche Wirtschaft repräsentative „Cloud Monitor 2012“. Es zeigt sich: Bei Unternehmen gibt es immer noch eine gewisse Zurückhaltung gegenüber Cloud Computing: Fast jedes dritte deutsche Unternehmen steht Cloud Computing aufgeschlossen und interessiert gegenüber, ein weiteres Drittel ist unentschieden, das letzte Drittel eher skeptisch. Der Charakter der öffentlichen Diskussion hat sich in den letzten ein bis zwei Jahren deutlich verändert. Früher ging es um Barrieren und Hinderungsgründe, heute stehen Erfahrungen aus dem Einsatz in Pilotprojekten im Vordergrund.

Das Interesse an Cloud Computing steigt in dem Maße, wie die Anbieter sich mit den Fragen der Unternehmen zu Datenschutz, Informationssicherheit und Transparenz auseinandersetzen und Lösungen anbieten, die Skepsis zerstreuen und Vertrauen stärken. Im Wandel der öffentlichen Wahrnehmung spielen auch das Aktionsprogramm Cloud Computing des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie und speziell der Technologiewettbewerb Trusted Cloud eine große Rolle. Mit staatlichen Fördergeldern wird intensiv daran gearbeitet, für große Einsatzgebiete wie z.B. Industrie, öffentliche Verwaltung oder Gesundheitswesen Sicherheitslösungen weiter zu entwickeln.

Nutzung und Interesse fokussieren sich aktuell vor allem auf Private Clouds. Public-Cloud-Lösungen werden von vielen Unternehmen noch kritisch betrachtet. Nur sechs Prozent der deutschen Unternehmen greifen derzeit auf solche Lösungen zurück. Interessant ist dabei, dass die geäußerte Skepsis sich nicht in den tatsächlichen Erfahrungen der Nutzer widerspiegelt. Diejenigen Unternehmen, die bereits Erfahrungen mit Cloud Computing gesammelt haben, berichten darüber ganz überwiegend positiv. Wir dürfen damit rechnen, dass Unternehmen wie Privatleute die Cloud-Nutzung in wenigen Jahren als ganz normal ansehen werden.

IT-DIRECTOR: Was sind die Ziele und Möglichkeiten dieser Technologie?
M. Weber:
Seitdem Outsourcing als spezialisierte Dienstleistung angeboten wird, vermindert sich für IT-Anwender die Notwendigkeit, IT-Infrastrukturen selbst aufzubauen und zu betreiben. Die Outsourcing-Industrie hat sich in den letzten Jahren immer weiter professionalisiert sowie ihre internen Prozesse rationalisiert und automatisiert. So können heute Skaleneffekte gehoben werden, wie es nur wenige Großunternehmen vermögen.

Cloud Computing führt diese Entwicklung weiter. IT-Anwender haben jetzt die Möglichkeit, innerhalb kurzer Zeit IT-Infrastruktur wie Server oder Speicher, Entwicklungsumgebungen und Software für sich nutzbar machen, ohne vorher umfangreiche Investitionen stemmen zu müssen. Sie bezahlen dabei nur die wirklich in Anspruch genommenen Ressourcen, die von einem Provider zur Verfügung gestellt, betrieben und auf dem neuesten Stand gehalten werden.

Die Anwender von IT erhalten mit Cloud Computing bessere Leistungen für weniger Geld. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen bekommen in der Cloud den Zugang zu IT-Anwendungen, die sich bislang nur große Konzerne leisten konnten. Cloud-Merkmale wie „Nutzung nach Bedarf“ und „Bezahlung nach Nutzung“ können die IT-Kosten senken, für Anwender sind jedoch andere Effekte häufig noch wichtiger: Geschäftsprozesse können enorm beschleunigt werden, und somit steigt die Fähigkeit, schnell auf neue Marktchancen zu reagieren und Innovationen voranzutreiben. Man kommt der Vision vom „atmenden Unternehmen“ näher.

Leider stellen sich die Vorteile vom Cloud Computing nicht von allein ein: Die Unternehmen müssen ihre Strategie überdenken, Organisation und Prozesse anpassen und ihre Mitarbeiter weiterbilden.

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