Tom Schwaller, IBM
IT-DIRECTOR: Herr Schwaller, alle Welt spricht von Software-defined Networking, IBM jedoch von Software-defined Environment (SDE). Warum?
T. Schwaller: Das Ziel von SDE stellt eine flexiblere, agilere und integrierte IT-Infrastruktur dar, die mit „Restful API“ programmiert und provisioniert werden kann. Solche Schnittstellen werden verwendet, um es fremden Systemen zu ermöglichen, bestimmte Daten abzufragen, zu editieren oder sogar zu löschen. Letztlich sollen mittels SDE die vorhandenen IT-Ressourcen besser ausgenutzt und den Anwendern leichter und schneller zur Verfügung gestellt werden – Stichwort Self-Provisionierung. Unter Software-defined Networking versteht man hingegen einen Unterbereich von SDE mit Fokus auf die Netzwerkvirtualisierung.
IT-DIRECTOR: Was sind wichtige Unterschiede zwischen SDE und bisherigen herkömmlichen IT-Infrastrukturen?
T. Schwaller: Herkömmliche IT-Infrastrukturen besitzen bereits heute einen hohen Automatisierungsgrad, aber eher selten eine durchgehende Programmierbarkeit durch Restful APIs. Zudem sind die einzelnen Teilbereiche oft noch in Silos unterteilt. Bei SDE werden alle Aspekte in einem ganzheitlichen Ansatz betrachtet und auf mehr Agilität getrimmt.
IT-DIRECTOR: Welche Standards spielen eine Rolle, auch mit Blick auf die Interoperabilität?
T. Schwaller: Standards spielen bei einem herstellerübergreifendem Ansatz stets eine zentrale Rolle. Während im Bereich „Compute & Storage“ (CDMI, Swift) diverse Standards existieren, ist die Entwicklung in anderen Bereichen noch voll im Gange (z.B. Netzwerk, Sicherheit). Openstack spielt in diesem Zusammenhang als De-facto-Standard eine wichtige Rolle. Denn viele neue Ansätze und Ideen werden hier im Rahmen einer konkreten Open-Source-Implementierung umgesetzt und getestet. Im Bereich Software-defined Networking existieren derzeit verschiedene Ansätze, die durch verschiedene Erweiterungen im sogenannten Open-Daylight-Projekt realisiert werden. Die Lösung Openflow, hinter der die Open Networking Foundation steht, ist nur eine von vielen Möglichkeiten.
IT-DIRECTOR: Mit welchen Aufwänden ist der Aufbau einer SDE verbunden?
T. Schwaller: Ein nicht zu unterschätzender Aufwand ist mit dem Aufbrechen der verschiedenen Silos (Server, Storage, Netzwerk, Sicherheit etc.) und der Einarbeitung in die durchaus komplexen Cloud-Stacks verbunden. Da Teile davon durchaus separat betrieben werden können, kann man Teilbereiche separat evaluieren. Auch die Integration in bestehende Sicherheitsarchitekturen und -konzepte ist entsprechend zu planen.
IT-DIRECTOR: Von heute auf morgen wird wohl kein Unternehmen auf eine SDE setzen. Wie sollten die Verantwortlichen einen Umstieg am besten planen?
T. Schwaller: Mit integrierten Systemen ist der Umstieg sicher am leichtesten zu schaffen. Wer allerdings großen Wert auf Herstellerunabhängigkeit legt, kann einzelne Aspekte auch separat betrachten, wobei SDN zu den anspruchsvolleren Themen gehört und die größte Hürde darstellen wird. Sinnvoll ist mit Sicherheit der Einstieg über Entwicklungs- und Test-Clouds, sowohl in Private- als auch als Public-Cloud-Versionen, die mittlerweile von fast allen Herstellern angeboten werden.