Zeichen des Vertrauens

Auf vorhandene Kräfte setzen

Rhett Büttrich, Head of Business Operations Germany bei dem Coding-Bootcamp-Anbieter Le Wagon, findet den aktuellen Stand der personellen und technischen Infrastruktur für das Jahr 2021 „schlicht und ergreifend fahrlässig“.

Rhett Büttrich, Le Wagon

Rhett Büttrich, Le Wagon, betont: „Ohne eine jährliche Weiterbildung werden Arbeitskräfte in Zukunft nicht mehr der schnellen technologischen Entwicklung folgen können.“

ITD: Herr Büttrich, gibt es den viel zitierten IT-Fachkräftemangel nach wie vor in Deutschland?
Rhett Büttrich:
Ja, den gibt es und er wird immer größer. Das zeigt auch eine aktuelle Studie des Bitkom, die von 86.000 offenen Stellen für IT-Fachkräfte ausgeht. Ob Industrie oder Behörde – das Thema „Digitalisierung“ wurde nun auch für die letzten Akteure zu einem konkreten Problem. Vorher war der Fachkräftemangel trotz allem für viele noch ein schwer greifbares Problem, das einen „vielleicht in fünf bis zehn Jahren einholt“.

ITD: Welchen Einfluss übt die derzeitige Pandemie auf die Nachfrage nach IT-Fachkräften aus?
Büttrich:
Dass es einen IT-Fachkräftemangel gibt, ist den meisten Betrieben durch die Pandemie noch bewusster geworden: vom Remote-Setup für Mitarbeiter, über die Wahl der richtigen Software-Tools für einen reibungslosen Arbeitsablauf bis hin zum technischen Know-how der gegenwärtigen Mitarbeiter. Eins ist klar geworden: Der technische Wandel der Arbeitsumgebung sowie der Arbeitskräfte selbst hinkt 20 Jahre hinterher. Wir haben kürzlich eine Umfrage unter Le-Wagon-Alumni gemacht und dabei festgestellt, dass 95 Prozent unserer Absolventen innerhalb von sechs Monaten einen Job finden. Das unterstreicht die große Nachfrage nach IT-Fachkräften, auch während der derzeitigen Pandemie. Über den allgemein bekannten Fachkräftemangel in der Industrie hinaus hat die Pandemie die dramatische Lage in den Behörden offengelegt: von den verschiedenen Behörden unter dem BMAS (Bundesministerium für Arbeit und Soziales), bis zu den Gesundheitsämtern und den Ausländerbehörden. Der aktuelle Stand der personellen und technischen Infrastruktur ist für das Jahr 2021 schlicht und ergreifend fahrlässig.

ITD: Corona hat viele Mitarbeiter kurzfristig ins Homeoffice getrieben, was vielerorts zu (sicherheits-)technischen Herausforderungen und Problemen führte. Eine Aufgabe für externe IT-Experten oder können diese Herausforderungen in der Regel durch die internen IT-Abteilungen, auf die sich Großunternehmen in der Regel stützen, abgefangen werden?
Büttrich:
Dass die IT-Abteilungen viel zu tun haben, liegt mitunter auch daran, dass viele Mitarbeiter im Homeoffice mit der Remote-Technik überfordert sind. Der Anstieg von Remote Work im Zuge der Pandemie hat beispielsweise zu vielen Sicherheitsverletzungen geführt.

ITD: Welchen Stellenwert hat an dieser Stelle das Thema „IT-Weiterbildung“ im Rahmen der Corona-Pandemie eingenommen?
Büttrich:
Wir werden nicht alle offenen Stellen in der IT allein durch Einwanderung besetzen können. Dafür sind andere Arbeitsmärkte für Entwickler einfach noch attraktiver. Dazu kommt die schiere Größe des „Lochs“ an offenen Stellen. Wir werden eine gesündere, stabilere und produktivere Gesellschaft, wenn wir uns darauf konzentrieren, vorhandene Arbeitskräfte weiterzubilden und ihnen zu ermöglichen, ihr gesammeltes Know-how in den Prozessen ihrer Unternehmen mit einem soliden technischen Wissen zu kombinieren. Vertrauen statt Ersetzen sollte das Motto sein. Gerade während der Corona-Pandemie haben Mitarbeiter Zeit, sich weiterzubilden, da viele von ihnen in die Kurzarbeit geschickt wurden. Viele Bildungseinrichtungen bieten außerdem die Möglichkeit, Kurse mit dem Bildungsgutschein vom Jobcenter zu finanzieren. Was viele nicht wissen: Auf den Bildungsgutschein haben nicht nur Arbeitssuchende, sondern auch Angestellte in Kurzarbeit Anspruch.

ITD: Worin sehen Sie die Vor- und Nachteile von Online-Weiterbildungsmaßnahmen im Vergleich zu Präsenzschulungen?
Büttrich:
Zum einen natürlich die Durchführbarkeit. Selbst bei einem Lockdown für Bildungseinrichtungen kann eine Online-Weiterbildung unvermittelt fortgesetzt werden. Bei Le Wagon mussten wir im März 2020 unseren Unterricht von 100 Prozent Präsenz zu 100 Prozent Remote umstellen. Unserer Erfahrung nach ist der Fokus auf die Lerninhalte deutlich höher. Die Schüler konzentrieren sich auf ihre täglichen Aufgaben und verbringen weniger Zeit mit Smalltalk und anderen Ablenkungen innerhalb einer Präsenzlerngruppe, was natürlich gleichzeitig zum großen Nachteil führt. Der Spaß am Lernen ist in einer Community, die mir weiterhilft, an der ich mich ab und an messen kann, größer.

ITD: Was wird von Mitarbeitern an solchen digitalen Weiterbildungsmaßnahmen häufig bemängelt?
Büttrich:
Sicherlich ist ein Hauptpunkt die Durchführbarkeit im Berufsalltag. Darauf reagieren wir beispielsweise mit einem zweiten Format unserer Kurse: Im Teilzeitformat lernen unsere Schüler an zwei Abenden in der Woche und samstags über sechs Monate hinweg. Wie beschrieben fehlt vielen natürlich der „Community-Effekt“ gegenüber der Präsenzschulung. Manche Menschen lernen zufriedener, wenn sie sich zwischendurch einmal vergleichen können, sich gegenseitig helfen. Oder wenn man im Alltag den Ernst aus der Situation durch ein Gespräch mit Mitschülern abmildern kann.

ITD: Wie könnte solch ein Online-IT-Schulungsangebot gestaltet sein, an dem Mitarbeiter auch wirklich Spaß haben?
Büttrich:
Die Bildungsträger müssen den Community-Effekt in die digitale Umgebung übertragen. Das ist möglich: Es gibt unendliche digitale Möglichkeiten, mit vielen Menschen gleichzeitig zu interagieren – seien es Spiele, Events oder Podiumsdiskussionen. Bei uns finden diese Begegnungen, auch wenn remote gelernt wird, mindestens zweimal wöchentlich statt. Ein viel unterschätzter Punkt ist es zudem, eine intuitive Lernsoftware zu haben. Schüler müssen sich in der Lernumgebung von Anfang an Wohlfühlen und ihre Verbesserungsvorschläge sollten so schnell wie möglich umgesetzt werden. Dies geht nur mit einer Lernsoftware, die vom Bildungsunternehmen selbst entworfen und betreut wird. Unsere Lehrer sind alle jeweils zu 50 Prozent auch die Entwickler unserer Lernplattform.

ITD: Wie wichtig sind letztlich Mitarbeiterqualifikation und -motivation für den Unternehmenserfolg?
Büttrich:
Ich glaube an die Nachhaltigkeit der Weiterbildung von vorhandenen Kräften gegenüber der Neuanstellung von externen Mitarbeitern. Menschen, die mein Unternehmen bereits kennen, werden hinzugewonnene technische Skills intuitiver und schneller einsetzen können. Sie kennen das Unternehmen, die Abläufe und wissen, wen sie ansprechen müssen. Darüber hinaus ist es ein Zeichen des Vertrauens, auf vorhandene Kräfte zu setzen: Die Identifikation mit dem Unternehmen wird noch stärker.

ITD: Was halten Sie von einer Art „Technologie-Führerschein“ für Mitarbeiter?
Büttrich:
Um unter der Bevölkerung flächendeckend ein Verständnis für digitale Grundlagen und den Umgang mit Software zu bekommen, erscheint mir solch ein Führerschein essenziell. Dieser muss die Menschen aber gleichzeitig weg vom „Zertifikatsdenken“ bekommen. Technologie wandelt sich schneller als die Gesellschaft. Der „Führerschein“ muss ein Ausgangspunkt sein, auf dem die Menschen kontinuierlich aufbauen. Das Mindset hinter „Ich habe die Ausbildung XY gemacht und arbeite in dem Beruf jetzt 42 Jahre“ muss komplett beseitigt werden. Ohne eine jährliche Weiterbildung werden Arbeitskräfte in Zukunft nicht mehr der schnellen technologischen Entwicklung folgen können. Dieses Lernen soll sie aber auch nicht unter Druck setzen. Wir müssen eine Gesellschaft erschaffen, die hungrig nach Bildung bleibt, die Spaß am Lernen hat und die von ihren Arbeitgebern dauerhaft ermutigt wird. Um die Lernumgebungen, samt spannender Inhalte, toller Lehrer und intuitiver Lernsoftware, zu schaffen, gibt es Akteure wie Le Wagon.

Bildquelle: Le Wagon

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