Bevor eine Automatisierung angestrebt wird, sollte zunächst der Workflow selber optimiert werden, meint Rene Dalock.
ITD: Herr Dalock, welche Herausforderungen bringt das Jahr 2022 für die IT-Landschaft im E-Commerce mit sich?
Rene Dalock: Der durch Corona fazilitierte Trend „Online“ als den wesentlichen Kanal zu betrachten, wird sich fortsetzen. Dies wird traditionelle Händler in die Online-Welt ziehen und etablierte Händler dazu veranlassen, ihre Online-Strategie zu überprüfen. In diesem Zuge werden auch Themen wie Omnichannel, also die Verknüpfung der Online- und Offline-Welt, immer wichtiger.
Corona hat gezeigt, wie anfällig die Lieferketten sind. „Operational Excellence“ gerade in der Logistik- und den Einkaufsprozessen wird wichtiger werden. Schlechte Prozesse werden sich unmittelbar auf die Lieferfähigkeit und die Marge auswirken.
Der D2C-Trend von Marken wird sich weiter fortsetzen. Mit der heutigen Technologie und Corona als „Brandbeschleuniger“ werden Marken weiter den direkten Kundenkontakt suchen, um die Margen und das Markenimage aufzubessern, aber auch, um durch eine direkte Kundenbeziehung ihr Schicksal gewisser Maßen selber in die Hand nehmen.
Aus technischer Sicht wird im Jahr 2022 die Zeit der monolithischen Systeme endgültig vorbei sein. „Headless“-und „Composable“-Ansätze werden die Architekturen bestimmen und alle Lösungsanbieter sind aufgefordert, ihre Lösungen hieraus auszurichten. Es wird in Zukunft keinen One-Stop-Shop mehr geben, sondern eher einen Best-Of-Breed-Ansatz verschiedener Lösungen.
ITD: Welche Voraussetzungen müssen in der IT für ein schlankes, flexibles System geschaffen werden, das ein starkes Wachstum abbilden kann?
Dalock: Die wesentlichen Voraussetzungen sind aus unserer Sicht Integrierbarkeit, Skalierbarkeit und die Auswahl passgenauer Lösungen:
Integrierbarkeit – bei der Auswahl der Systemkomponenten für eine moderne IT-Architektur gilt es darauf zu achten, dass die Komponenten untereinander sauber zu integrieren sind. Hierbei ist nach unserer Erfahrung weniger oft mehr. Denn bevor man sich in technische Komplexitäten vertieft, reicht oftmals auch eine solide Middleware-Strategie. Eine besondere Herausforderung stellen hier Bestand- oder Legacy-Systeme dar. Hier ist es nach unserer Erfahrung entscheidend, eine Integrierbarkeit herzustellen, statt mit aller Macht eine Komplettablösung anzustreben, die oft langatmig und komplex ist.
Skalierbarkeit – bei der Auswahl von Komponenten und Lösungen gilt es darauf zu achten, dass die Auswahl nicht nur für die heutigen Anforderungen, sondern auch für die Wachstumsambitionen getroffen werden. Während nach einem aktuellen Maßstab zwar noch eine einfachere Lösung passend ist, so mag das in wenigen Jahren nicht mehr der Fall sein. Gerade wenn es dann darum geht, die IT-Systeme in kurzen Abständen zu wechseln, entstehen oft höhere Kosten durch einen Wechsel im Vergleich dazu, wenn man schon zu Beginn auf eine ambitionierte Lösung gesetzt hätte.
Auswahl passgenauer Lösungen – unserer Erfahrung nach ist es entscheidend, sich zu überlegen, welche Komponenten eher Standardlösungen entsprechen können und welche individualisiert werden. Der entscheidende Faktor ist nach unser Einschätzung durch den Fakt gegeben, wie sich das Marktangebot des Händlers oder der Marke am besten nutzen lässt. Während ich als starke Brand eher eine Standardkomponente im Backend nutze, so baue ich das Frontend selber für einen starken Markenauftritt und Differenzierung zum Wettbewerb.
ITD: Welche Rolle spielen automatisierte Workflows bei der Optimierung der Customer Journey?
Dalock: Automatisierte Workflows haben sicherlich einen gesteigerten Wert bei der Effizienzgewinnung. Wir sehen allerdings oft, dass eine Automatisierung der Prozesse einige Zeit in Anspruch nimmt und zudem mit einem entsprechenden Budget verbunden ist. Bevor eine Automatisierung angestrebt wird, sollte zunächst der Workflow selber optimiert werden, denn ab einem gewissen Grad der Automatisierung verliert man die Möglichkeit, den Workflow pragmatisch anzupassen und kleinere Tests zu machen.
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