Soft vs. Hard Skills

Bereitschaft für Veränderungen

Statt Mitarbeiter wegen bestimmter „Hard Skills“ einzustellen, wird es laut Andreas Rothkamp, VP der DACH-Region bei Skillsoft, immer wichtiger, „Mitarbeiter zu finden bzw. zu halten, die ‚Soft Skills‘ mitbringen“.

Andreas Rothkamp, VP der DACH-Region bei Skillsoft

„Unternehmen müssen heute immer schneller auf Marktveränderungen reagieren“, weiß Andreas Rothkamp von Skillsoft.

ITD: Herr Rothkamp, gibt es den viel zitierten IT-Fachkräftemangel nach wie vor in Deutschland?
Andreas Rothkamp:
Ja, auf jeden Fall. Gerade in Bereichen wie IT-Sicherheit oder Cloud-Systeme, aber auch in relativ neuen Disziplinen wie Data Science sind die qualifizierten Fachkräfte heiß begehrt. Gerade im Bereich „Datenanalyse“ gibt es rund zehn Mal mehr Bedarf als Fachkräfte, da viele neue Jobrollen entstehen, für die die Datenanalyse relevant ist.

ITD: Welchen Einfluss übt die derzeitige Pandemie auf die Nachfrage nach IT-Fachkräften aus?
Rothkamp:
Die durch die Pandemie ungeplant beschleunigte Verlagerung auf Remote-Arbeit und Homeoffice hat sicher den akuten Bedarf nochmals verstärkt. Denn auch hierfür sind die bereits vorher gefragten Kompetenzen in den Bereichen „IT-Sicherheit“ und „Cloud“ besonders relevant.

ITD: Corona hat viele Mitarbeiter kurzfristig ins Homeoffice getrieben, was vielerorts zu (sicherheits-)technischen Herausforderungen und Problemen führte. Eine Aufgabe für externe IT-Experten oder können diese Herausforderungen in der Regel durch die internen IT-Abteilungen, auf die sich Großunternehmen in der Regel stützen, abgefangen werden?
Rothkamp:
Das kommt darauf an, wie das Unternehmen generell aufgestellt ist. Wenn es vorher bereits Kompetenzlücken in diesem Bereich gab, war die schnelle Verlagerung ins Homeoffice sicher kaum ohne externe Hilfe zu bewältigen. In solchen Situationen kollidieren dann Sicherheitsanforderungen mit dem Sicherstellen der Geschäftskontinuität. Und wenn Letzteres Priorität hat, können leicht Sicherheitslücken entstehen.

ITD: Dass die IT-Abteilungen viel zu tun haben, liegt mitunter auch daran, dass viele Mitarbeiter im Homeoffice mit der Remote-Technik überfordert sind. Der Anstieg von Remote Work im Zuge der Pandemie hat beispielsweise zu vielen Sicherheitsverletzungen geführt. Wie können Unternehmen die fehlenden digitalen und technischen Kompetenzen ihrer Mitarbeiter daheim erkennen und angehen?
Rothkamp:
Absolut. Die notwendige IT-Kompetenz ist längst nicht mehr nur noch in der IT-Abteilung gefragt, sondern immer stärker auch in jeder Abteilung eines Unternehmens, da die Mitarbeiter heute alle mit immer mehr IT-Systemen umgehen müssen und damit auch jeder für die Einhaltung von Sicherheitsvorgaben bei deren Nutzung mitverantwortlich ist. Leider übersehen Unternehmen dies oft und berücksichtigen bei der Planung der Investitionen hauptsächlich die Anschaffung von Systemen und Tools, nicht aber die Schulung der Mitarbeiter. Daher ist es wichtig, dass Unternehmen einerseits den Kenntnisstand ihrer Mitarbeiter ermitteln und andererseits Schulungen anbieten. Diese Trainings können heute problemlos digital umgesetzt werden. Vorrausschauende Unternehmen haben gerade die Lockdown-Periode genutzt, um Mitarbeiterschulungen digital umzusetzen. Einer unserer Kunden aus dem Bereich „Telekommunikation“ hat, während die Ladengeschäfte geschlossen waren, beispielsweise Schulungen für das gesamte Verkaufspersonal durchgeführt.

ITD: Worin sehen Sie die Vor- und Nachteile von Online-Weiterbildungsmaßnahmen im Vergleich zu Präsenzschulungen?
Rothkamp:
Weiterbildung digital zu unterstützen, bietet viele Vorteile. Der größte ist sicherlich, dass Wissen bzw. Kenntnisse jederzeit und überall abgerufen werden können, sobald sie in der Praxis benötigt werden – und das individuell, genau wann und in welchem Format der einzelne Mitarbeiter es möchte. Das lässt sich mit Präsenzschulungen nicht abbilden. Außerdem eröffnen digitale Lernplattformen eine sogenannte „Demokratisierung“ des Lernens. Wurde früher der Hauptanteil des Fortbildungsbudgets für teure Führungskräftetrainings oder Pflichtqualifikationen von Fachkräften ausgegeben, bieten heute Lernplattformen die Möglichkeit, allen Mitarbeitern Inhalte zu vermitteln. Lernplattformen eröffnen außerdem die Option, sowohl von Seiten der HR als auch von Seiten der Mitarbeiter zu schauen, welche Skills und welche Jobrollen gefragt sind. So kann nicht nur jeder Mitarbeiter seine Karriere in eine zukunftssichere Rolle vorantreiben, sondern auch das Unternehmen kann dem Fachkräftemangel und fehlenden Qualifikationen (Skill Gaps) entgegenwirken. Dies bedeutet nicht, dass Präsenzschulungen vollständig ersetzt werden müssen. Denn es gibt natürlich einige spezielle Schulungen oder Teambuilding-Erfahrungen, die besonders gut in Präsenztrainings funktionieren, wenn diese möglich sind.

ITD: Wie könnte solch ein Online-IT-Schulungsangebot gestaltet sein, an dem Mitarbeiter auch wirklich Spaß haben?
Rothkamp:
Wichtig sind vor allem der direkte Praxisbezug und Formate, die sich in den Arbeitsalltag einfügen. Es macht heute wenig Sinn, beispielsweise Kompetenzen für ein bestimmtes IT-System aufzubauen, die der Mitarbeiter dann erst in einem halben Jahr anwenden kann. Erstens hat er bis dahin vieles schon wieder vergessen und zweitens hat sich das System bis dahin vermutlich bereits geändert oder ist ausgetauscht worden. Sinnvoller ist es also, Wissen in kurzen und praxisnahen Einheiten anzubieten. Diese können heute auch interaktiv oder mit anschaulichem Videomaterial begleitet werden, sodass das Lernen einfach umsetzbar ist, Spaß macht und sofort im Arbeitsalltag umgesetzt werden kann.

ITD: Wie wichtig sind letztlich Mitarbeiterqualifikation und -motivation für den Unternehmenserfolg?
Rothkamp:
Auf vielen Websites und Personalanzeigen ist seit Jahren zu lesen, dass die Mitarbeiter die wichtigste Ressource und der entscheidende Faktor für den Erfolg des Unternehmens sind. Das war sicher noch nie so zutreffend wie heute. Unternehmen müssen heute immer schneller auf Marktveränderungen reagieren, die auch häufig schnelles agiles Umstellen in den Organisationsstrukturen und plötzlich benötigte Skills erfordern. Statt also Mitarbeiter wegen bestimmter „Hard Skills“ einzustellen, wird es immer wichtiger Mitarbeiter zu finden bzw. zu halten, die „Soft Skills“, wie eine hohe Flexibilität, Agilität, Motivation, Lernfähigkeit und die Bereitschaft, sich auf Veränderungen einzustellen, mitbringen. Wir haben auch tolle Erfolgsbeispiele von Kunden wie Deutsche Post DHL Group (DPDHL), die sehr gezielt in Mitarbeiterförderung investiert haben, statt in klassische Umstrukturierungsmaßnahmen. Diese Investition hat sich nachweislich so positiv auf das Mitarbeiterengagement und die Geschäftsergebnisse ausgewirkt, sodass das Programm weltweit für alle 550.000 Mitarbeiter des Konzerns ausgerollt wurde.

ITD: Was halten Sie von einer Art „Technologie-Führerschein“ für Mitarbeiter?
Rothkamp:
Tatsächlich haben wir die Erfahrung gemacht, dass solche Belege für Qualifikationen sehr gut angenommen werden. Auch wenn es keine anerkannten „Zertifizierungen“ sind, schätzen viele Mitarbeiter, dass sich ihr Einsatz für den Aufbau von Kompetenzen auch sichtbar machen lässt. Bei Skillsoft gibt es daher sogenannte „Digital Badges“ für sehr viele Schulungsthemen, die sehr gut ankommen.

Bildquelle: Skillsoft

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