Glasfaserausbau

Bis zur letzten Milchkanne – und dann weiter

Deutschland ist ein Entwicklungsland – zumindest in Sachen „Glasfaserausbau“. Das ist sicherlich eine Folge der Anfang der 1980er-Jahre getroffenen Entscheidung, rasch in ein kostengünstiges Kupfernetz zu investieren.

Milchkanne

Gerade im ländlichen Raum gibt es oftmals noch Glasfaserlücken.

Und so schauen wir also noch heute in die Röhre – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn zwar hat man in Deutschland freien Zugriff auf Privatfernsehperlen wie Big Brother, das Dschungelcamp oder Frauentausch, doch stößt man bei Homeoffice-Szenarien, die z.B. Augmented Reality (AR), Videoconferencing oder Remote-Zugriff auf den Arbeitsrechner im Büro beinhalten, auf Komplexität. Die Corona-Pandemie hat diese Missstände schonungslos offengelegt. Wer von Zuhause aus arbeiten oder dafür sorgen musste, dass die lieben Kleinen auch ja schön am „Distanzunterricht“ teilnehmen, kann vielleicht ein Lied davon singen – oder eben ein sehr langes, trauriges Lamento.

Den ersten missmutigen Ton stimmt dementsprechend Sascha Müller an: „Fakt ist, in Deutschland nutzen nur rund fünf Prozent aller Breitbandanschlüsse die Glasfasertechnologie. Damit sind wir im internationalen Vergleich weit abgeschlagen“, sagt der Head of Sales des Glasfaserspezialisten Sumec Industry & Engineering und fügt an: „Noch düsterer sieht es aus meiner Sicht in den ländlichen Regionen aus.“ Netzlücken seien dort weiterhin eher die Regel als die Ausnahme. Gerade die Corona-Pandemie und die Zeit des mobilen Arbeitens hätten vor Augen geführt, wie sehr es auf leistungsfähiges und stabiles Internet ankomme. Daneben, so Müller, habe die Pandemie auch die Attraktivität ländlicher Räume massiv erhöht. Damit dieser Wandel nicht nur ein kurzfristiges Phänomen bleibe und die Großstädte langfristig entlastet werden können, brauche es eine schnelle flächendeckende Glasfaserversorgung. „Die digitale Infrastruktur entscheidet darüber, ob der ländliche Raum seine Vorzüge in der Lebensqualität erhalten und entfalten kann“, sagt Sascha Müller. Digitale Angebote im Bereich der Telemedizin oder die digitale Übertragung von Kulturveranstaltungen könnten aus seiner Sicht durch Glasfaser realisiert werden. Zudem werde das Gefühl des Abgeschnittenseins deutlich reduziert und die Attraktivität des ländlichen Raums langfristig. Heute allerdings bremse die langsame Datenleitung die Zukunftsfähigkeit Deutschlands und die fehlende digitale Anbindung werde zum Wettbewerbsnachteil. „Glasfaser ist also längst zu einem der wichtigsten strategischen Wettbewerbs- und Standortvorteile im ländlichen Raum geworden“, ist sich Müller sicher.

Innovationstreiber, nicht Selbstzweck

Die Digitalisierung ist in aller Munde, interessante neue Anwendungen und Technologien aus Bereichen wie z.B. autonomes Fahren, Virtual Reality (VR), Remote Work oder Industrie 4.0 versetzen die Öffentlichkeit regelmäßig in Staunen. Doch welche Rolle kommt dabei der Glasfaser zu? „Gigabit-fähige Infrastrukturen sowie generell das gesamte Ökosystem digitaler Infrastrukturen bilden das Rückgrat der Digitalisierung – sie sind damit Grundvoraussetzung für wirtschaftliches Wachstum, Innovation und unser öffentliches Leben“, stellt Oliver Süme, Vorstandsvorsitzender des Eco-Verbands, klar. Das hätten auch die vergangenen Monate eindrücklich gezeigt, denn durch die Corona-Krise sei ein neues öffentliches Bewusstsein für die Notwendigkeit flächendeckender sowie leistungsfähiger digitaler Infrastrukturen entstanden: „Inzwischen ist auch der Politik bewusst, dass es für die Digitale Transformation erst einmal die hierfür nötige Infrastruktur bedarf“, so der Experte für Internetwirtschaft. Das sei nicht immer so gewesen, denn noch bis vor wenigen Jahren seien die Verdienste, aber auch die Herausforderungen, mit denen sich die Branche konfrontiert sieht, weitgehend unbekannt gewesen.

Generell wird Deutschland ein digitaler Rückstand bescheinigt. Sascha Müller von Sumec Industry & Engineering attestiert uns Deutschen jedoch – aller Baustellen zum Trotz – eine allzu pessimistische Haltung und bevorzugt einen ganz pragmatischen Ansatz: „Wir neigen immer dazu, das halbleere anstatt das halbvolle Glas zu sehen. Es gibt sicherlich noch viel zu tun, aber wenn man die Bestandsaufnahme betrachtet, sieht es doch nicht ganz so schlecht aus“, konstatiert der Glasfaserfachmann. Unternehmen investierten jährlich etwa zehn Mrd. Euro in das Thema „Digitalisierung“ und auch die staatlichen Förderungen dazu würden im großen Maße abgerufen, so Müller. 94 Prozent der bundesdeutschen Haushalte hätten bereits 50 M/Bit, 60 sogar Gigabit-Geschwindigkeit, die immerhin in drei von zehn Haushalten genutzt werde. Ziehe man auch noch in Betracht, dass man mit LTE 99 Prozent der Haushalte erreiche und zudem ordentliche Ergebnisse im Bereich des Satelliteninternets erziele, sei man „gar nicht mal so schlecht unterwegs“. Dennoch: „Deutschland hat beim Breitbandausbau weiterhin sehr hohen Nachholbedarf, weil das gute und zuverlässige Datennetz auf Grundlage von Kupfer mittlerweile seine Kapazitätsgrenzen erreicht hat – die für heutige und zukünftige Anwendungen erforderlichen Bandbreiten lassen sich darüber hinaus nicht mehr erzielen“, ist sich Sascha Müller sicher. Glasfaserkabel hätten im Gegensatz dazu eine deutlich höhere Kapazität für die Datenübertragung und wer über den 5G-Ausbau spreche, rede automatisch über Glasfaserausbau, da jede Funkzelle eine Glasfaseranbindung benötige, um eine hohe Bandbreite und niedrige Latenz sicherzustellen. „Die Digitalisierung von Gesellschaft, Wirtschaft und Industrie wird somit ohne ein passendes Rückgrat – sprich, das Breitbandnetz auf Glasfaserbasis – nicht stattfinden“, mahnt Müller eindringlich.

Digital rückständig?

Die Frage, wo die Bundesrepublik in Sachen „Digitalisierung“ derzeit steht und welche Ziele sie in den kommenden Jahren erreichen will und muss, um den Anschluss an die Weltspitze nicht zu verlieren, stand gerade kurz vor den Wahlen wieder einmal verstärkt im Fokus. Oliver Süme vom Eco-Verband fasst zusammen, welchen Eindruck die Bevölkerung vom Status quo hat, und kommt zu einem verheerenden Fazit: „Das Stimmungsbild der Bürger dazu ist zumindest ziemlich eindeutig, wie unser digitalpolitisches Wahlbarometer gezeigt hat, das wir zusammen mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey für die Bundestagswahl entwickelt haben. Zuletzt gaben bundesweit knapp 75 Prozent der Befragten an, dass sie Deutschland als Wirtschaftsstandort im Bereich der Digitalisierung für nicht wettbewerbsfähig halten.“ Auch sonst, so Süme weiter, hätten die vergangenen Monate den großen Nachholbedarf in den Bereichen digitale Bildung, Veraltung und dem Ausbau digitaler Infrastrukturen verdeutlicht.

Das Bild vom digitalen Rückstand ist natürlich maßgeblich vom schleppenden Glasfaserausbau geprägt, denn viele der Lösungen und Technologien, die gemeinhin unter dem Schlagwort „Digitalisierung“ verortet werden, sind ohne diesen kaum denkbar. Auch daran wird sich die scheidende „Groko“ messen lassen müssen, hatte sie schließlich bei ihrem Anritt 2017 versprochen „Glasfaser in jeder Region und jeder Gemeinde, möglichst direkt zum Haus“ verlegen zu lassen. „Dieses Ziel ist kaum noch zu schaffen und reiht sich somit in die nicht erreichten Breitbandziele der Politik ein – u.a. wegen fehlender Baukapazitäten“, macht Oliver Süme seinem Unmut Luft. Immerhin, so ergänzt er, sollen bis Ende 2022 noch rund ein Drittel aller deutschen Haushalte an die Glasfaser angebunden werden.

Sven Knapp, Geschäftsleitung des Hauptstadtbüros beim Bundesverband Breitbandkommunikation (Breko), betont die Wichtigkeit von konkreten Infrastrukturvorgaben und lobt immerhin die Idee der Groko, diese in den Koalitionsvertrag aufzunehmen: „Es war richtig, dass die letzte Bundesregierung statt eines weiteren Bandbreitenziels ein Infrastrukturziel formuliert hat, auch wenn die Zielsetzung von Anfang an extrem ambitioniert, man kann auch sagen überambitioniert, war.“ Das klare Bekenntnis der Politik zur Glasfaser habe dazu geführt, dass der Glasfaserausbau hierzulande zuletzt an Fahrt aufgenommen habe. Dennoch: „Die Unternehmen drücken beim Ausbau voll aufs Tempo, das Ziel 2025 ist allerdings nicht realisierbar“, räumt er ein. Die Infrastrukturvorgaben nicht aus dem Blick zu verlieren, lautet auch sein Rat an eine kommende Bundesregierung. Eine mögliche Ampelregierung aus SPD, Grünen und FDP, so seine Vermutung, werde wieder eine entsprechende Zielsetzung in ihren Koalitionsvertrag aufnehmen. „Nach den Erfahrungen der Vergangenheit sollte die nächste Bundesregierung realistische und realisierbare Ausbauziele vorgeben“, so seine Empfehlung. Bewusst steckt er keinen zeitlichen Rahmen, da das Ausbautempo von verschiedenen Faktoren, – z.B. hinreichenden Tiefbaukapazitäten oder der Dauer der Genehmigungsverfahren – abhänge. „Eine langfristige Ausbauperspektive wäre daher auch ein wichtiges Signal an die Baubranche, damit diese sich in deutlich stärkerem Maße im Glasfaserausbau engagiert und ihre Investitionen in die dafür notwendigen Ressourcen erhöht“, stellt Sven Knapp in Aussicht.

Auch Sumec-Experte Sascha Müller findet deutliche Worte: „Aus meiner Sicht, das sage ich ganz klar, können wir uns nicht leisten, die Anbindung an schnelleres Internet – besonders auf dem Land – auf die lange Bank zu schieben. Es braucht schnelles Handeln aller beteiligten Akteure“, so seine Forderung. Das Infrastrukturziel der scheidenden Regierung sieht auch er deutlich verfehlt und es werde unter optimalen Voraussetzungen frühestens 2030 erreichbar sein. Doch selbst um diesen Termin noch einhalten zu können, bedarf es Müller zufolge einer entsprechenden administrativen Weichenstellung – und zwar rasch. Zum einen müssten dringend die Genehmigungsprozesse effizienter gestaltet werden. „Der derzeitige Genehmigungsdschungel für den Glasfaserausbau kostet Behörden und ausbauende Unternehmen wertvolle Arbeitszeit“, ärgert er sich. Seine Forderung: Diese Prozesse müssen entschlackt, standardisiert und vor allem sinnvoll digitalisiert werden. Zudem dürften fortan nur solche Regelwerke geschaffen und politisch akzeptiert werden, die einen Glasfaserausbau mit modernen Verlegeverfahren fördern, denn mit solchen minimalinvasiven Techniken könne seiner Ansicht nach der Ausbau schneller, zielgenauer und effizienter als im konventionellen Tiefbau erreicht werden. Außerdem müsse Nutzern der Umstieg vom Kupfer- auf das Glasfasernetz so einfach wie möglich gemacht werden. „Diese Migration muss zügig und diskriminierungsfrei stattfinden, schon aus Gründen der Nachhaltigkeit und Energieeffizienz“, macht er deutlich.

Politische Hausaufgaben

Einig sind sich die Experten in ihrer Forderung nach einem dedizierten Digitalministerium, das in Zukunft gezielt die Transformation lenken sollte – auch wenn die Meinungen, welchen Stellenwert das Thema schon heute bei den politischen Akteuren innehat, divergieren. So kommt Oliver Süme vom Eco-Verband zu dem Schluss, dass die Digitalisierung vielleicht vor vier Jahren noch Nischenthema war, im Wahlkampf 2021 allerdings dominiert habe. Aus gutem Grund, wie er findet: „Digitalisierung ist Teil der Lösung, um die Klimaziele in Deutschland und Europa zu erreichen.“ Sie schaffe Wirtschaftswachstum, Wohlstand sowie Arbeitsplätze und halte die Gesellschaft auch in Krisen am Laufen. Ein zukunftsorientierter politischer Neustart gelinge laut Süme nur, wenn die Facetten der Digitalisierung auch wirklich zentral gebündelt und strategisch angegangen werden. Zuvor sei die deutsche Politik häufig in Zustands- und Problembeschreibungen verharrt. Jetzt aber brauche es konkrete Lösungsstrategien, die zügig ohne Kompetenzgerangel umgesetzt werden. Digitalisierung – so seine feste Überzeugung – sei der Schlüssel zur Bewältigung nahezu sämtlicher großer Herausforderungen, denen wir uns in den kommenden Jahren stellen müssen. „Von daher sehe ich keine wirkliche Alternative zu einem eigenen Bundesministerium“, stellt er klar.

Breko-Experte Sven Knapp hat das Thema „Digitalpolitik“ im Wahlkampf als eher untergeordnet empfunden. Die Fragen der Digitalisierung, so Knapp, reichten weit über den Glasfaserausbau als unbestritten wichtige Grundlage hinaus. „Wir brauchen hier eine viel stärkere Koordinierung als bisher. Von daher wäre es von sehr großer Bedeutung, dass die nächste Bundesregierung das auch institutionell deutlich macht“, erklärt er und fordert: „Deutschland braucht ein eigenes Ministerium für die Digitale Transformation.“ Dies dürfe aber kein Selbstzweck sein, weshalb die klare Zuweisung von Themen mit übergeordneter Bedeutung für alle Bereiche der Digitalisierung wichtig sei. Für ihn zählen dazu auch digitale Infrastruktur, IT-Sicherheit, Verwaltungsmodernisierung, Künstliche Intelligenz, Quantencomputing sowie das frühzeitige Erkennen von zukunftsträchtigen Innovationen.

„Wir brauchen unbedingt ein neues Ministerium – und zwar ein Digitalisierungsministerium“, teilt auch Sascha Müller diese Einschätzung. Oft sei das Thema bereits thematisiert worden, nun allerdings sei es an der Zeit zu handeln. Bisher seien auf Bundesebene zu viele verschiedene Akteure eingebunden gewesen – etwa das Verkehrs-, Justiz-, Innen- sowie Wirtschaftsministerium. Hinzu kämen auf Länderebene unterschiedliche baurechtliche Vorgaben, was ein einheitliches Vorgehen weiter erschwere. Um hier ein konsistentes Handeln zu ermöglichen, komme man um ein dediziertes Ministerium nicht umher.

Quo vadis, Glasfaser?

Doch der weitere Glasfaserausbau liegt natürlich nicht rein im Aufgabenbereich des Bundes. Es stellt sich die Frage, ob die Politik überhaupt die richtigen Anreize geschaffen hat, um die Privatwirtschaft zu weiteren Investitionen in das Mammutprojekt zu animieren. „Die Weichen für den Glasfaserausbau in Deutschland sind gestellt“, sagt abschließend Sven Knapp vom Breko. Die Geschäftsmodelle der privatwirtschaftlichen Unternehmen funktionierten und Unternehmen und Investoren versorgten den Markt mit sehr viel Kapital. Alleine in den nächsten fünf Jahren werde die Telekommunikationsbranche 43 Mrd. Euro in den eigenwirtschaftlichen Glasfaserausbau investieren, wodurch die Finanzierung des Glasfaserausbaus gesichert sei. „Es wäre daher völlig verfehlt, wenn die nächste Bundesregierung die Rahmenbedingungen grundlegend ändern würde“, folgert er.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Grundlegend falsch wäre es, wenn sie eine Ausweitung der staatlichen Ausbauförderung vornehmen würde. Stattdessen, so Knapp, sollte bei der Weiterentwicklung des Breitbandförderprogramms eine Priorisierung eingeführt werden, um Steuermittel wohldosiert und zielrichtet für diejenigen unterversorgten Gebiete einzusetzen, die wirtschaftlich nicht ausbaubar sind. „Nachfrageorientierte Instrumente, wie z.B. Glasfasergutscheine für Gebiete, in denen der Ausbau knapp an der Schwelle zur Wirtschaftlichkeit scheitert, wären ein gutes Mittel, um schnell und unbürokratisch Anreize für eine höhere Nachfrage zu schaffen“, empfiehlt er. So könnte etwa ein Teil der Kosten für den Glasfaseranschluss des Gebäudes, des Internetvertrags oder der Glasfaserverkabelung im Gebäude subventioniert werden.

Auch wenn die Bundesrepublik im direkten Vergleich mit anderen Industrienationen zum wiederholten Male beim Thema „Digitalisierung“ weit hinten liegt – für Sascha Müller kommt ein Verzagen nicht in Frage. Schließlich, so der Experte, hätten es auch Länder wie Italien und Frankreich in den letzten Jahren geschafft, ihre Positionen zu verbessern. Eine Adaption deren Strategie sei vielleicht ein gangbarer Weg, um hiesige Digitalisierungsprobleme tatkräftig anzugehen.

Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus

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