Kamyar Niroumand ist Mitglied des Group Executive Board der Software AG und als Chief Operating Officer verantwortlich für die Region Deutschland, Österreich, Schweiz.
IT-DIRECTOR: Herr Niroumand, auf der diesjährigen Cebit präsentierten Sie die Cloud-Initiative „Software AG Cloud Ready“ – welche Ziele verfolgen Sie damit? Inwieweit sind Ihre Lösungen bereits Cloud fähig?
K. Niroumand: Cloud Computing ist ein Thema, das nach Einschätzung vieler führender Analysten zu den größten aktuellen Herausforderungen zählt. Stichwort ist hier der Begriff „Konsumerisierung“, was bedeutet, dass die im Privatbereich gängigen mobilen Endgeräte und die damit verbundenen Technologien auch am Arbeitsplatz Einzug halten. Die Basis dafür ist Cloud Computing. Wir gehen davon aus, dass dieser Trend größere Veränderung bringen wird, als das in den 80er- und 90er-Jahren mit der Einführung der PCs an Arbeitsplätzen der Fall war. Im Businessbereich wird Cloud Computing vorhandene Business-Process-Management-Initiativen (BPM) beschleunigen. Dort setzen wir mit unserem Produktportfolio an.
IT-DIRECTOR: Worauf kommt es beim BPM in hybriden bzw. Public-Cloud-Umgebungen besonders an?
K. Niroumand: Die Art der Cloud-Umgebung steht gar nicht so sehr im Vordergrund, wichtiger ist die Veränderung von Geschäftsprozessen, die die Cloud mit sich bringt. Mit der Einführung moderner Softwarekonzepte, die auf BPM und serviceorientierten Architekturen (SOA) basieren, stehen heute flexible und agile Lösungen zur Verfügung. In Verbindung mit Cloud Computing entwickelt sich nun so eine Art „Facebook für Prozesse“, denn die Cloud bietet BPM-Experten und IT-Spezialisten die Möglichkeit, über organisatorische und geografische Grenzen hinweg zu kommunizieren und damit enger zusammenzuarbeiten. Sie verstehen sich also viel besser – Business spricht mit IT. So kann man gemeinsam Prozesse verbessern, unabhängig vom Standort, und bringt mehr Menschen, mehr Know-how und mehr Informationen zusammen, als es bisher möglich war. Crowdsourcing und „Extreme Collaboration“ sind hier die Schlagwörter, die wir häufig nicht nur von den führenden Industrieanalysten, sondern auch von unseren Kunden als Wunsch für zukünftige Lösungen hören.
IT-DIRECTOR: In welchem Rahmen fragen Ihre Kunden Cloud-Lösungen nach?
K. Niroumand: Unsere Kunden sind anspruchsvoll. Neben dem schon erwähnten Höchstmaß an Kollaboration ist Flexibilität in der IT-Architektur bei gleichzeitiger Kostenreduktion und schnelleren Prozessen gefragt. Wir arbeiten derzeit an der Fertigstellung von Produkten für Prozessmanagement, Integration und Governance in der Cloud. Unsere Kunden haben so die Möglichkeit, unsere Produkte in der Cloud, auf firmeneigenen Servern oder in einer Kombination von beidem zu betreiben. Die ersten Cloud-Angebote werden in diesem Quartal auf den Markt kommen.
IT-DIRECTOR: Vergangenen Mai gab die Software AG die Übernahme zweier weiterer Firmen bekannt. Welche Motivation steckte dahinter?
K. Niroumand: Wir haben die Firma Metismo, die eine Entwicklungsplattform für mobile Anwendungen anbietet, und das Unternehmen Terracotta, das sehr erfolgreich In-Memory-Technolgien zur Verfügung stellt, übernommen. Beide Akquisitionen sind für uns Technologiezukäufe, die wir gemacht haben, um Schlüsseltechnologien anbieten zu können. Wir wollen unseren Kunden moderne Lösungen zur Verfügung stellen, die ihnen den Weg in die Zukunft ermöglichen. Unsere Vision ist das digitale Unternehmen, in dem Prozesse komplett digitalisiert und damit messbar und steuerbar sind. Darin sehen wir die Herausforderung der nächsten Dekade.
IT-DIRECTOR: Mit Terracotta verleiben Sie sich ein auf In-Memory- und Cloud-Lösungen spezialisiertes Unternehmen ein. Wie wollen Sie diese in Ihr Produktportfolio integrieren?
K. Niroumand: Die In-Memory-Technologie von Terracotta bildet die Grundlage für unser Cloud-Angebot. Ziel ist es, eine cloudfähige, unabhängige Prozessplattform anzubieten. Dazu werden die derzeitigen Produkte von Terracotta – Ehcache, Quartz, BigMemory und Terracottas Server Arrays – in die Produktlinien der Software AG integriert. Ehcache wird von uns bereits seit einigen Jahren verwendet, das ist eine gute Voraussetzung, um auch die anderen Produkte von Terracotta zügig in unsere Produkte Aris, Centrasite und den Webmethods Integration Server zu integrieren.
IT-DIRECTOR: Was ist das besondere an In-Memory-Technologien? Und warum sind diese so wichtig für das Cloud Computing?
K. Niroumand: Im Fall von In-Memory-Datenbanken werden die Daten im Hauptspeicher vorgehalten anstatt auf Platten, um so die Leistungsfähigkeit von Abfragen zu erhöhen, gerade wenn es sich um Massendaten handelt. Und wir sprechen hier wirklich von sehr schnellen Zugriffen im Millisekundenbereich. Beim Cloud Computing müssen sehr viele Datenmengen in sehr kurzer Zeit bearbeitet werden. Das ist derzeit nur mit In-Memory-Technologie zu bewerkstelligen, damit es nicht zu großen Zeitverzögerungen bei der Datenverarbeitung kommt.
IT-DIRECTOR: Terracotta setzt auf quelloffene Software – welchen Stellenwert besitzt Open Source für Ihr Unternehmen?
K. Niroumand: Die Schlüsselkomponente von Terracotta ist das als Open Source verfügbare Produkt Ehcache. Das bleibt auch so, denn dadurch erreichen wir mehr Präsenz im Markt. Terrcotta hat weltweit mehr als 500.000 Entwickler in der Open Source Community. Eine solche Sichtbarkeit kann man nur dort erlangen. Das gibt uns als Unternehmen die Möglichkeit, unser Portfolio einem großen Kreis von Entwicklern bekannt zu machen.
IT-DIRECTOR: Eine weitere Übernahme betraf das britische Unternehmen Metismo. Dieses verfügt über eine Plattform für die Entwicklung geräteunabhängiger mobiler Anwendungen. Inwiefern reiht sich diese in Ihr Portfolio rund um das Business Process Management ein?
K. Niroumand: Das Produkt von Metismo passt perfekt in unsere BPM-Suite. Man entwickelt damit auf einer einzigen Plattform Anwendungen, die dann auf den unterschiedlichsten mobilen Endgeräten lauffähig sind, ohne dass man sich mit den verschiedenen Betriebssystemen auskennen muss. Damit erreichen wir so ziemlich jeden Prozessbeteiligten über ein mobiles Endgerät. Ein Beispiel: Eine Versicherung erstellt eine mobile Anwendung, mit der man bei einem Unfall Fotos von der Unfallstelle machen kann und diese dann über das Handy direkt in den Abwicklungsprozess der Schadensregulierung einspeisen kann.
IT-DIRECTOR: Welchen Nutzen hat das mobile Geschäftsprozessmanagement für ein Anwenderunternehmen?
K. Niroumand: Die Mobilisierung von Geschäftsprozessen verändert eigentlich alles. Plötzlich sind die Prozessbeteiligten nicht mehr unflexibel hinter einer Firewall eingesperrt und darauf angewiesen, dass ihr PC oder Laptop eingeschaltet ist. Sie sind über ihre Mobilgeräte erreichbar. Prozesse finden nun dort statt, wo Kunden sie im modernen Geschäftsleben brauchen und leben, also zum Beispiel unterwegs oder zu Hause. Der Flexibilisierung sind technisch keine Grenzen mehr gesetzt und man kann sein Augenmerk auf andere, wichtigere Managementaspekte konzentrieren.