Kampf gegen die Krake mit den vielen Armen

Bürokratiekritik: Verwaltung ist ein absurder Selbstzweck

Vor einer Bürokratiewelle warnt die Bonner Wirtschafts-Akademie und Professor Karlheinz Schwuchow aus Bremen attestiert den Verwaltungen die Unfähigkeit zur Selbstkorrektur.

Eine neue Welle an Bürokratie überrollt die Wirtschaft

Der Ruf nach Entbürokratisierung hallt seit Jahrzehnten durch die Flure der Politik, ohne dass sich etwas ändert. Professor Karlheinz Schwuchow vom Center for International Management Studies der Hochschule Bremen bringt es auf den Punkt: Die Verwaltung ist ein absurder Selbstzweck geworden, unfähig zur Selbstkorrektur, und die Unternehmen ächzen unter den erdrückenden Lasten dieses bürokratischen Wahnsinns. „Die Bürokratie wächst und wächst, völlig unabhängig von der Menge der Aufgaben," erklärt Schwuchow in der Sendung "Zukunft Personal Nachgefragt" mit einem resignierten Lächeln, das nichts Gutes ahnen lässt.

Immer mehr Beamte, immer weniger Effizienz

Im Gespräch mit dem Wirtschaftsjournalisten Gunnar Sohn schildert er das groteske Spiel "Mehr Beamte, weniger Effizienz", das sich vor unseren Augen abspielt. Seit den 1970er Jahren werde Entbürokratisierung gefordert, diskutiert, beschworen – eine unendliche Geschichte des Scheiterns. „Nullbasis-Budgetierung? Ein Fremdwort für unsere Verwaltung“, moniert Schwuchow. Die Kosten explodieren, die Effizienz sinkt, und am Ende steht ein 7-prozentiger Anteil der Bürokratiekosten am Unternehmensumsatz – eine Zahl, die mehr sagt als tausend Worte.

Die Bürokratie ist für die Wirtschaft nicht nur lästig, sondern existenzbedrohend. Als typisches Beispiel nennt er die qualifizierte Einwanderung, die er als Farce bezeichnet. „Deutschland macht es Fachkräften aus dem Ausland nahezu unmöglich, hier Fuß zu fassen," sagt Schwuchow. Monatelange Wartezeiten für Visa, ein Dschungel aus Formularen und Nachweisen – die bürokratische Hölle. Während andere Länder schnell und effizient Fachkräfte integrieren, verliert Deutschland wertvolle Zeit und Talente. „Es ist lächerlich und tragisch zugleich," meint Schwuchow.

Dreifache Bürokratiewelle im Herbst

In die gleiche Kerbe schlägt Harald Müller, Geschäftsführer der Bonner Wirtschafts-Akademie (BWA). Er sieht eine Welle an neuen Vorschriften auf die Unternehmen zurollen. Als die drei Schwerpunkte der „Monsterbürokratie“ nennt er die Themengebiete Cyberresilienz (NIS2), ESG (Environment, Social, Governance; Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) und Künstliche Intelligenz (KI). „Dieser dreiköpfigen Bürokratie-Hydra werden über 90 Prozent der deutschen Wirtschaft weitgehend hilflos gegenüberstehen“, befürchtet BWA-Geschäftsführer Harald Müller, „Der Mittel­stand sowieso, aber auch viele große Unternehmen werden überrollt.“

Das klarste Beispiel für die von Müller befürchtete Überforderung ist die an sich nur für Betreiber sogenannter Kritischer Infrastrukturen (KRITIS) gedachte NIS2-Verordnung. In der Praxis betrifft sie allerdings laut BWA „einen Großteil der mittelständischen Wirtschaft“. Harald Müller gibt ein Beispiel: „NIS2 gilt nicht etwa nur für Krankenhäuser, die völlig zu Recht als kritische Infrastrukturen gelten, sondern für zahlreiche Zulieferer, die Krankenhäuser zu ihrem Kundenkreis zählen. Faktisch bedeutet dies: Wer die Basiskriterien von 50 oder mehr Mitarbeitern und zehn Millionen Euro oder mehr Jahresumsatz erfüllt, sollte sich besser auf NIS2 und verschärfte Regeln für Cybersicherheit einstellen.“

BWA-Geschäftsführer Harald Müller hält die Erfüllung aller Vorschriften, die durch die Bürokratie­lawine im Herbst auf die Unternehmen zukommen, für unmöglich. Sie deshalb zu ignorieren, sei allerdings nicht zu empfehlen. Harald Müller rät: „Vorstand und Geschäftsführung sind gut beraten, auf allen Gebieten die Initiative zu ergreifen und zumindest den Anschein zu erwecken, sich ernsthaft um die Themen zu kümmern. Das senkt auf jeden Fall das persönliche Haftungsrisiko, wenn etwas schiefgeht.“

Bild: vwalakte / Freepik

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