„Die Public Cloud ist kein sogenanntes ‚Silverbullet‘, also keine magische Lösung für jeden Use Case“, betont Jörn Petereit von Cloudflight.
ITD: Herr Petereit, welchen Einfluss hat die Corona-Krise bislang generell auf die Cloud-Nutzung in Deutschland ausgeübt?
Jörn Petereit: Die Corona-Krise hat sich in sämtlichen Bereichen der Digitalisierung als eine Art Katalysator erwiesen, auch im Bereich „Cloud Computing“. Unternehmen waren plötzlich gezwungen, die Dinge viel schneller anzupacken und Notfallpläne zu erstellen. Zu beobachten war vor allem die steigende Nachfrage nach Collaboration-Tools wie Zoom oder Microsoft Teams. Aufgrund der Flexibilität und Skalierbarkeit haben sich in der Krise auch IaaS- und PaaS-Modelle bewährt. On-Demand-Modelle ermöglichen eine bessere Kostenkontrolle, was gerade bei sinkenden Unternehmensumsätzen eine wichtige Stellschraube sein kann. Nimmt die Auftragslage wieder an Fahrt auf, kann beliebig nach oben skaliert werden. Diese Vorteile bieten On-Premise-Lösungen bekanntlich nicht.
ITD: Inwieweit mussten Großunternehmen im Rahmen der Krise, die z.B. viele Mitarbeiter ins Homeoffice „getrieben“ hat, ihre Cloud-Strategie ändern/anpassen?
Petereit: Zu Beginn der Pandemie zeigte sich vor allem eines: Die Unternehmen, die bereits vor der Krise in Projekte rund um Remote Work und Digital Workplaces investiert haben, hatten mit weniger schweren Folgen zu kämpfen. Das Maß an digitaler Resilienz war entscheidend für den Geschäftserfolg. Die Cloud war in dieser Situation sozusagen der Heilsbringer. Sowohl eine entsprechende Infrastruktur inklusive eines performanten VPN, Cloud-gestützter SaaS, beispielsweise Webex, als auch die Anpassung betriebsinterner Prozesse wurden über Nacht unumgänglich.
ITD: Welche Art der Cloud-Nutzung herrscht in Großunternehmen vor: Private Cloud, Public Cloud, Multi-Cloud...?
Petereit: Eine reine Private-Cloud-Umgebung ist ab einer bestimmten Unternehmensgröße gar nicht mehr möglich. In der Regel findet man Multi-Cloud- bzw. hybride Cloud-Modelle vor. Oft wird einer bestimmten Infrastruktur für den Großteil der Workloads der Vorzug gegeben. Je nach Use Case kann sich das von Fall zu Fall unterscheiden.
ITD: Was lagern die Unternehmen aktuell vornehmlich in die Cloud aus und warum?
Petereit: Alles, was Schnelligkeit, die Möglichkeit der Skalierung, beispielsweise Pay-by-X-Modelle, sowie stabile Lifecycle-Kosten ermöglicht, wird in die Cloud ausgelagert. Dazu gehören vor allem SaaS-Kollaborations-Tools wie Online-Whiteboards, Video-Conferencing-Lösungen oder Office 365. Lösungen rund um die Themen „Analytics“, „Customer Relationship Management“ sowie „E-Commerce“ zählen ebenfalls dazu. Der Einsatz von hybriden Clouds führt dann auch dazu, dass wir mehr robuste und funktionierende APIs für Public Clouds, Systeme von Partnern und andere Ökosysteme brauchen.
ITD: Wie verhält es sich mit der Komplexität der Verwaltung der Cloud-Infrastrukturen?
Petereit: Die Verwaltung Cloud-basierter Infrastrukturen ist hoch, vor allem wenn mehrere Clouds ins Spiel kommen. Allerdings werden Infrastructure as Code (IaC) sowie Angebote von Cloud-Anbietern mit dem Ziel, die Infrastruktur und die damit verknüpften Kosten transparent zu machen, immer besser. Darüber hinaus entwickeln sich auch Governance-Tools zur Sicherstellung einer einheitlichen Policy weiter.
ITD: Mit welchen Tools und IT-Lösungen lassen sich Cloud-Infrastrukturen übersichtlich und sicher managen?
Petereit: Infrastructure as Code mit den spezifischen Tools der Cloud-Anbieter bzw. anbieterübergreifend, wie z.B. Terraform, ermöglichen die Entwicklung von Infrastruktur und Software – z.B. die Versionsverwaltung, eine Continuous Integration / Continuous Delivery Pipeline, den Review-Prozess oder eine automatisierte Security-Analyse. Die drei großen Hyperscaler bieten sehr gute Security-Tools. Diese reichen von Empfehlungen bis hin zu Anomaly Detection. Für ein einheitliches Managen von Anwendungen auf unterschiedlichen Infrastrukturen, also auf Public und Private Cloud, bieten sich Lösungen wie beispielsweise Google Anthos, eine mehrere Infrastrukturen umspannende Plattform, an.
ITD: Welche Stolpersteine und Herausforderungen tauchen dennoch manchmal auf?
Petereit: Eine wichtige Voraussetzung ist die Schließung einer eventuellen Qualifikations- und Wissenslücke. Zum Teil wird es notwendig sein, Mitarbeiter auf moderne Cloud-native Entwicklungsprozesse umzuschulen. Hierfür muss das Unternehmen so aufgestellt sein, dass Wissenstransfer, Befähigung der Mitarbeiter und Kostenbewusstsein möglich sind und die Governance problemlos funktioniert. Es kann passieren, dass an manchen Stellen Kostenfallen lauern. Daher ist es wichtig, Pay-as-you-go-Angebote zu deckeln. Aufgrund einer großen Dynamik beim Angebot der verschiedenen Cloud-Anbieter sowie der damit verknüpften Technologie, ist es für Mitarbeiter oft schwer, auf dem Laufenden zu bleiben.
ITD: Worauf sollten Unternehmen achten, wenn Sie sich kurzfristig dazu entscheiden, noch in diesem Jahr in die Cloud zu gehen, und ihr IT-Budget nicht sprengen wollen?
Petereit: Der wichtigste Schritt ist sicherlich, sich einen Experten an die Seite zu holen, der Must-Haves, Good-to-Haves und Nice-to-Haves identifizieren kann. Außerdem ist es wichtig, im gesamten Team ein Kostenbewusstsein zu schaffen, in der Entwurfsphase Modellrechnungen anzustellen und diese mit der tatsächlichen Rechnung abzugleichen. Die drei großen Hyperscaler erlauben beispielsweise, feste Budgets zu setzen. Diese Möglichkeit sollten Unternehmen nutzen, da potenziell zu große Kostenblöcke sofort identifiziert werden und Strategieänderungen vorgenommen werden können. Außerdem ist bei den Big Three Ressource Tagging möglich. Das heißt, Kosten für Development- und Produktionsumgebungen können visualisiert werden und die Kostentransparenz wird damit verbessert.
ITD: Was gehört nach wie vor besser nicht in die Cloud und warum?
Petereit: Generell spricht nichts dagegen, selbst sensible Inhalte in einer Private Cloud zu verwalten. Es gibt jedoch Anwendungsfälle, in denen Prozesse auch ohne Internetverbindung funktionieren müssen; denke man beispielsweise an die Steuerung von Produktionsanlagen. Die Public Cloud ist, auch wenn das oft angenommen wird, kein sogenanntes „Silverbullet“, also keine magische Lösung für jeden Use Case. Solche Anwendungsbereiche lassen sich dann aber meistens mit Edge-Computing-Lösungen einzelner Cloud-Anbieter, beispielsweise von Azure, realisieren. Also ist auch hier wieder die Cloud im Spiel.
ITD: Wie geht es nach der Krise mit der Cloud weiter, wenn vielleicht nicht mehr so viel Homeoffice angesagt ist?
Petereit: Die Krise hat nun auch die letzten Unternehmen wachgerüttelt. Die Cloud wird Einzug in weitere Unternehmensbereiche erhalten und die digitale Resilienz von Unternehmen stärken. Unternehmen werden ihre Cloud-Strategien weiterentwickeln, die Cloud-Nutzung ausbauen und dadurch deutlich flexibler und krisensicherer werden.
Bildquelle: Cloudflight