KI-Strategie

Das digitale Gold der grünen Insel

Im internationalen Wettbewerb um die besten KI-Talente steht Irland bestens da. Kein Zufall, sondern Ergebnis einer durchdachten Strategie, wie Dónal Travers Head of Technology, Consumer and Business Services Investments bei IDA Ireland, der Investitionsförderungsagentur der irischen Regierung, erklärt.

  • Dónal Travers Head of Technology, Consumer and Business Services Investments bei IDA Ireland

    Dónal Travers Head of Technology, Consumer and Business Services Investments bei IDA Ireland. ((Billdquelle: IDA Ireland))

  • Das digitale Gold der grünen Insel

    Mit einer gut durchdachten KI-Strategie hat Irland es geschafft, sich eine Spitzenposition im Wettkampf um die besten KI-Talente zu sichern. ((Bildquelle: Getty Images/iStock/Getty Images Plus))

ITD: Viele Unternehmen lassen sich von vermeintlichen KI-Funktionalitäten neuer Anwendungen und Tools locken, doch echtes KI-Know-how im Unternehmen fehlt sehr oft noch. Welche Ursachen kann das haben?
Dónal Travers:
KI ist keine neue Technologie oder Anwendung. Tatsächlich gibt es sie in verschiedenen Formen schon seit mehreren Jahrzehnten. Doch in den letzten Jahren sind KI-Anwendungen allgegenwärtig und leichter zugänglich geworden und durch ihren Fortschritt sind möglicherweise die menschlichen Fähigkeiten überholt, die erforderlich sind, um das KI-Potenzial auszuschöpfen. Daher haben sich IDA Ireland und andere Schwesteragenturen wie die nationale Agentur für die Entwicklung von Kompetenzen (Skillnet) zusammengeschlossen, um die Entwicklung von KI-Kompetenzen zu fördern. Im Jahr 2019 haben die beiden Agenturen beispielsweise mit Dell Technologies zusammengearbeitet, um Fortbildungen zu unterstützen, bei der ein Großteil der fast 6.000 Mitarbeiter*innen in Irland in neuen Anwendungen und Technologien, einschließlich KI, geschult wurde.  
Im Rahmen der kürzlich vorgestellten nationalen KI-Strategie  „Here for Good“ hat die irische Regierung Schritte zur Förderung der Einführung von KI in irischen Unternehmen präsentiert. 

Die Strategie sieht Maßnahmen vor, um

•    ein größeres Bewusstsein für KI-Fähigkeiten und -Tools zu schaffen,
•    die Unternehmen mit einschlägigem Fachwissen zu verbinden,
•    das Experimentieren mit KI-Plattformen zu fördern und
•    die Unternehmen bei der Einführung und Nutzung von KI-Kompetenzen zu unterstützen.

ITD:  Weshalb ist es wichtig, unternehmenseigenes KI-Know-how zu schaffen?
Dónal Travers:
KI ist bereits eine wichtige Technologie, die Unternehmen zu mehr Effizienz verhilft. Sei es in der Fertigung, wo Technologien wie Cobots oder maschinelles Sehen eingesetzt werden, um Teile einer Produktionslinie zu automatisieren, für die zuvor menschliche Intelligenz erforderlich war, oder im Dienstleistungsbereich, wo die robotergestützte Prozessautomatisierung repetitive Aufgaben am Schreibtisch abnimmt. KI ist für Unternehmen entscheidend, um wettbewerbsfähig zu bleiben und produktiver zu werden. Wenn Firmen nicht ihr eigenes internes Fachwissen entwickeln, werden sie nicht in der Lage sein, die neuen KI-Technologien optimal zu nutzen. Unternehmen, die am schnellsten KI-Anwendungen einführen, die nicht nur ihr Geschäft effizienter machen, sondern letztlich auch Kosten einsparen und die Bereitstellung von Produkten oder Dienstleistungen beschleunigen, können sich einen erheblichen Vorteil gegenüber ihren Wettbewerbern verschaffen.

ITD: Was verstehen Sie unter „KI-Talenten“ und was macht ein „aktives KI-Talent-Ökosystem“ aus? Wie können Unternehmen ein solches Ökosystem schaffen?
Dónal Travers:
KI-Talente haben viele Facetten und können von tiefgreifenden technischen Kenntnissen, die es beispielsweise bedarf, um maschinelles Lernen in das Design eines Mikrochips zu integrieren, bis hin zu Mitarbeiter*innen mit Kund*innenerfahrung reichen, die wissen, wie man mit automatisierten Service-Agenten arbeitet. Die Entwicklung eines Ökosystems hängt davon ab, dass ein breites Spektrum an Fähigkeiten auf allen Ebenen vorhanden ist und viele Unternehmen dabei helfen, diese Kompetenzen aufzubauen. Irland war eines der ersten Länder der Welt, das einen nationalen KI-Masterstudiengang eingeführt hat, der inzwischen an mehreren Universitäten angeboten wird. Der Lehrplan für den KI-Master wurde von Skillnet nach ausführlichen Konsultationen mit mindestens 50 irischen und ausländischen Unternehmen entwickelt, um das Ökosystem der Talente zu unterstützen und aufzubauen.

Die Bandbreite an erforderlichen KI-Fähigkeiten ist groß. Unternehmen wie Intel stellen nach der Übernahme des irischen Bildverarbeitungsunternehmens Movidius Menschen mit tiefgreifenden technischen Fachkenntnissen ein, um KI-fähige Chipsätze für Bildverarbeitungsanwendungen mit kleinem Formfaktor zu entwickeln. Jaguar Land Rover entwickelt in Limerick die nächste Generation der Software für autonome Fahrzeuge. Darüber hinaus entstehen verschiedene innovative irische Unternehmen wie SoapBox Labs, das kürzlich eine weitere Finanzierungsrunde für seine Spracherkennungstechnologie für Kinder erhalten hat, und Evervault, das sich auf Kryptographie-Lösungen konzentriert. Ein aktives Ökosystem für KI-Talente schafft Talente, die den Bedürfnissen von Unternehmen in verschiedenen Hardware-, Software- und Dienstleistungsumgebungen gerecht werden können. 

Irlands nationale KI-Strategie besagt eindeutig, dass ein starkes und unterstützendes Ökosystem für KI-Innovationen unerlässlich ist, wenn wir wollen, dass KI floriert. Irland hat sich zum Ziel gesetzt, die KI-Innovation durch Forschung und Entwicklung auf Weltklasseniveau voranzutreiben. Dies soll erreicht werden, indem Verbindungen zwischen Industrie und Wissenschaft gestärkt werden. Außerdem soll ein unterstützendes Finanzierungsumfeld gefördert werden, das Unternehmen in Irland Möglichkeiten bietet, sich mit internationalen Partnern zu vernetzen und Zugang zu Testumgebungen zu erhalten, in denen KI-Anwendungen entwickelt und in realen Umgebungen erprobt werden können.

ITD:  Wo steht Deutschland aktuell im europäischen Vergleich bei der pro-Kopf-Verteilung von KI-Talenten? Woran kann es liegen, dass andere EU-Länder hier die Nase vorn haben?
Dónal Travers:
Eine Linkedin-Studie ergab, dass Irland den höchsten Anteil an KI-Talenten in Europa hat. Das Verhältnis der KI-Talente zur Erwerbsbevölkerung liegt in Irland bei 3,5, während es in Deutschland bei 0,81 liegt. Die Studie führt dies hauptsächlich auf die Anzahl der Technologieunternehmen in den jeweiligen Gebieten zurück – in Irland haben viele führende multinationale Technologieunternehmen ihren europäischen Hauptsitz sowie Datenzentren mit Datenanalyse und maschinellem Lernen eingerichtet. Die Studie erklärt nicht, warum die Quote in Deutschland niedriger ist, aber sie bestätigt, dass andere Länder wie Irland, Finnland, Zypern, Luxemburg, Schweden und die Niederlande bei der Anwerbung oder Entwicklung von KI-Talenten führend sind.
Wir können nicht wirklich sagen, warum Deutschlands Quote in der LinkedIn-Studie niedriger ist. Wir können jedoch erklären, warum Irland so gut abgeschnitten hat. IDA Ireland konzentriert sich auf die Zusammenarbeit mit den weltweit besten Unternehmen in verschiedenen Bereichen, um deren Entwicklung in Irland zu unterstützen. Diese Unternehmen haben in der Vergangenheit ihre zentralen Aktivitäten im Bereich Forschung, Entwicklung und Innovation hier aufgebaut. Daher war es für sie sinnvoll, hier auch KI-Fähigkeiten auszubilden. Dies trägt dazu bei, das Ökosystem auf natürliche Weise aufzubauen und eine Nachfrage nach neuen KI-Kompetenzen zu schaffen.

Darüber hinaus hat Irlands öffentliche Forschungseinrichtung, die Science Foundation Ireland (SFI), den Schwerpunkt auf den Aufbau von Forschungskapazitäten für datengesteuerte Anwendungen gelegt. So ist beispielsweise das Insight Research Centre for Data Analytics eines der größten Datenanalysezentren in Europa. Es konzentriert sich auf wirkungsreiche Forschung mit dem Ziel, aus Big Data Nutzen zu ziehen und innovative Technologielösungen für Industrie und Gesellschaft bereitzustellen. Es beschäftigt inzwischen über 400 Forscher*innen, hat über 100 Millionen Euro an Fördermitteln erhalten und arbeitet mit mehr als 80 Unternehmen zusammen. Ein weiteres vom SFI finanziertes Zentrum, ADAPT, das am Trinity College Dublin angesiedelt ist, konzentriert sich auf die Forschung im Bereich der KI-gesteuerten Technologie für digitale Inhalte. Forschungszentren wie Insight und ADAPT sowie das Nationale Software-Forschungszentrum (Lero) und CeADAR, das Zentrum für angewandte Datenanalyseforschung, arbeiten aktiv mit Unternehmen zusammen; ihre weitere öffentliche Finanzierung hängt davon ab. 

Diese enge Beziehung zwischen Industrie und Hochschulen trägt dazu bei, dass die Qualifikationen dem Bedarf der Industrie entsprechen, wenn neue Technologien, Anwendungen und Entwicklungstechniken entstehen.

ITD: Was hat insbesondere Irland anders gemacht, als seine europäischen KI-Talent-Mitbewerber? Was kann man vom irischen Beispiel lernen, um ein KI-freundliches Klima zu schaffen?
Dónal Travers:
Irland hat den Vorteil, ein kleines Land zu sein, was den Aufbau von Beziehungen und die Zusammenarbeit erleichtert. Als Land haben wir hart gearbeitet, um sicherzustellen, dass verschiedene Faktoren gut zusammenwirken:

• IDA Ireland unterstützt die weltweit führenden multinationalen Unternehmen, die sich hier ansiedeln. Enterprise Ireland, eine Schwesteragentur von IDA Ireland, unterstützt irische Unternehmen auf globaler Ebene. Erst in diesem Jahr wurde Enterprise Ireland von PitchBook zum weltweit aktivsten Venture Capital Investor ernannt (351 Investitionen im Jahr 2020). Viele dieser irischen Unternehmen entwickeln sich zu eigenständigen Großunternehmen. Andere werden von multinationalen Unternehmen übernommen, die bereits über Forschungskapazitäten verfügen oder diese ausbauen wollen. Zu den Unternehmen, die irische KI-Firmen übernommen haben, gehören Intel, IBM, Verizon, Apple, Google und Facebook. Die aufgekauften Unternehmen bilden dann oft die Grundlage für die Skalierung größerer Teams, die von IDA Ireland unterstützt werden.

• Universitäten in Irland haben schon früh KI-Module in ihre Studiengänge eingebaut, sei es in Elektrotechnik, Informatik oder anderen verwandten Disziplinen. Die Dublin City University hat einen BSc-Studiengang in Datenwissenschaft eingeführt, der in Zusammenarbeit mit Forschungszentren wie Insight und ADAPT sowie mit führenden Unternehmen, die bereits in Irland ansässig sind, entwickelt wurde. Und dort, wo Qualifikationslücken entstanden sind, haben Programme wie der National AI Masters dazu beigetragen, diese Lücken zu schließen und neue langfristige Qualifikationen für die Industrie aufzubauen.

• Die nationale KI-Strategie wurde nach umfassenden Konsultationen zwischen Wissenschaft, Regierung und Industrie entwickelt. Sie zielt darauf ab, das öffentliche Vertrauen in die KI und die Gesellschaft zu stärken und ein Governance-Ökosystem zu entwickeln, das vertrauenswürdige KI fördert. Außerdem soll sie den Einsatz von KI zum Nutzen der irischen Wirtschaft und im Dienste der Öffentlichkeit fördern. Schließlich sollen die Voraussetzungen für KI geschaffen werden, das heißt der Aufbau von Fähigkeiten und Talenten, die Förderung eines starken Ökosystems und einer unterstützenden und sicheren KI-Infrastruktur.

©2026Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok